Frank Günther ist der einzige, der bislang sämtliche Schauspiele Shakespeares ins Deutsche übersetzt hat, und seine Neuübersetzung ist mit Auszeichnungen und positiven Kritiken gewürdigt worden.
Ich habe mir zum Kennenlernen seine Ausgabe von "The Tempest" gekauft - und muß ehrlich sagen, daß ich sehr enttäuscht war (und sicher keine weiteren Bände aus der Reihe kaufen werde).
Daß die meisten zeitgenössischen Übersetzungen v.a. den "einfacheren" Gestalten reichlich moderne Umgangssprache in den Mund legen, ist man fast schon gewöhnt. Insofern wundern Ausdrücke wie "Scheiß der Himmel...", "Dummblödelei" oder "Ogottchen" (für das englische "Alas") nicht mehr.
Einige Dinge stören an Günthers Übersetzung jedoch so fundamental, daß sie - zumindest für mich - sehr weit hinter der wunderbaren Übersetzung von Erich Fried zurückbleibt:
Günthers Deutsch ist teilweise so holperig, daß der natürliche Sprachfluß gehemmt wirkt. Hier einige Beispiele aus I/2, jeweils verglichen mit Frieds Übersetzung:
FG: "Wisch dir die Augen. Mut. Das Schauerschauspiel Schiffbruch, das in dir den ganzen Inbegriff des Mitleids aufrührt..."
EF: "Du wisch dir die Augen, tröst` dich: Das grause Schauspiel dieses Schiffsbruchs, der Dein tiefstes Mitleid weckte..."
FG: "Was siehst du noch im dunklen Damals und im Loch der Zeit?"
EF: "Was sonst noch siehst du im dunklen Abgrund der vergangnen Zeit?"
FG: "Hör noch was mehr, dann komm ich dir zum gegenwärtgen Vorgang, der uns nun anliegt; weil sonst die Geschichte ganz unnütz wär."
EF: "Hör noch ein wenig mehr: Das bringt dich zu der gegenwärtigen Sache, denn ohne diese wär meine Erzählung ganz unnütz."
Zu oft entfernt sich Günther vom englischen Original, wohl um das Versmaß zu wahren. Fried ist diesbezüglich freier, gibt jedoch den Sinn des englischen Originals wesentlich getreuer wieder.
Zum Vergleich Prosperos berühmter Satz aus IV/1: "We are such stuff as dreams are made on; and our little life is rounded with a sleep."
FG: "Wir sind vom Stoff, aus dem die Träume sind; und unser kleines Leben beginnt und schließt ein Schlaf."
EF: "Wir sind solcher Stoff, aus dem Träume gemacht sind, und unser kleines Leben rundet Schlaf ab."
Besonders enttäuschend ist Günthers Übersetzung der gereimten Verse. Als Beispiel Ariels Lied in I/2, das berühmte "Full fathom five":
FG: "Fünf Faden tief dein Vater liegt, / Sein Skelett wird zur Koralle, / Seine Augen Meerkristalle, / Nichts Lebendiges versiegt, / Geht Verwandlungen des Meeres / Ein in Seltsames und Hehres. / Nymphen tönen Glockenklang: / Horch! Ding-dong klang im Wellensang."
EF: "Fünf Faden tief liegt dein Vater, Kind. / Sein Gebein ist nun Korall'n, / Perlen seine Augen sind: / Nichts an ihm mehr muß zerfall'n, / Nur verwandelt hat's die Flut: / Seltsam ist es nun und gut. / Meeresnixen läuten heut / Stündlich ihm sein Grabgeläut: / Bimbam! Ja, ich hör Geläut."
Nicht nur ist Frieds Sprache poetischer, er folgt - im Gegensatz zu Günther - exakt Shakespeares Reimschema a-b-a-b-c-c-d-d. Zudem sind viele Worte sehr viel näher am englischen Original: z.B. "Grabgeläut" für "knell" - "Glockenklang" ist viel zu schwach.
Wie überhaupt regelrecht nervtötend ist, daß Günther oftmals einfachen, naheliegenden deutschen Begriffen förmlich auszuweichen scheint: warum muß die Regieanweisung "aside" mit "apart" (statt "beiseite") übersetzt werden? Warum muß aus "organ-pipe" im Deutschen "Orgelton" (statt dem wörtlichen "Orgelpfeife") werden? Eine Grußformel wie "Hail" kann im Zusammenhang mit einem Klassiker durchaus unverfänglich mit "Heil" übersetzt werden (Richard Wagner läßt grüßen...); ein ständiges Ausweichen in Floskeln wie "Zum Gruß" wirkt dagegen peinlich bemüht.
Für mich ist nach wie vor die Übersetzung von Erich Frieds die bedeutendste deutsche Version der Neuzeit. Bedauerlich lediglich, daß er "nur" 27 Stücke des Shakespeare-Kanons übersetzt hat.