Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Geschichte besticht aber auch durch ihre visuelle Kraft: Linoges Augen ändern auf ominöse Weise ihre Farbe, Wind und Meer richten schlimmste Verwüstungen an, ein Basketball zeichnet blutige Kreise auf den Boden. Zweifelsohne schlägt der Jahrhundertsturm in der Printversion stärker ein als auf dem Fernsehschirm; der Schnee steht jedoch als Symbol für den weitaus beängstigenderen emotionalen Mahlstrom, den zu evozieren nur Worte vermögen. Und erst im Buch überkommt uns das kalte Grausen, wenn wir Zeuge werden der Morde an Personen, die wir kennengelernt haben. Dank der Straffheit und Schärfe des Drehbuchs ist dieses Buch besser als viele von Kings oft etwas zu umfangreichen Romanen -- das Ende zieht sich nicht endlos hin und die Dialoge knistern förmlich. Was jedoch am meisten für dieses Werk spricht ist, daß Sie es nicht schaffen werden, nur die ersten beiden Teile und nicht Teil 3, The Reckoning, zu lesen. --Tim Appelo -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Der Sturm des Jahrhunderts von Stephen King. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
In den meisten Fällen - sagen wir, drei bis vier von fünf - weiß ich, wo ich gewesen bin, wenn mir die Idee für eine bestimmte Geschichte gekommen ist, und welche Kombination von (normalerweise profanen) Ereignissen den Anstoß dazu gegeben hat. So entstand Es beispielsweise, als ich eine Holzbrücke überquerte; ich lauschte dem hohlen, dumpfen Dröhnen meiner Stiefelabsätze und dachte an das Märchen von den drei Ziegenböcken und dem Troll unter der Brücke. Bei Cujo war es eine reale Begegnung mit einem übellaunigen Bernhardiner. Friedhof der Kuscheltiere verdankte sich dem Kummer meiner Tochter, als ihre geliebte Katze, Smucky, auf dem Highway in der Nähe unseres Hauses überfahren wurde.
Manchmal jedoch kann ich mich einfach nicht entsinnen, wie ich zu einem bestimmten Roman oder einer bestimmten Geschichte gekommen bin. In diesen Fällen scheint der Keim der Geschichte eher ein Bild als eine Idee zu sein, ein geistiger Schnappschuss, der so mächtig ist, dass er schließlich Figuren und Ereignisse herbeiruft, wie eine Ultraschallpfeife angeblich jeden Hund in der Nachbarschaft ruft. Dies sind - zumindest für mich - die wahren kreativen Geheimnisse: Geschichten, die eigentlich keine Vorgeschichte haben, sondern ganz von selbst kommen. The Green Mile begann mit einem Bild von einem riesigen Schwarzen, der in seiner Gefängniszelle steht und einen Kalfakter auf sich zukommen sieht, der Süßigkeiten und Zigaretten von einem alten Metallkarren mit einem quietschenden Rad verkauft. Der Sturm des Jahrhunderts fing ebenfalls mit einem Gefängnisbild an: dem eines Mannes (diesmal eines Weißen), der in seiner Zelle auf der Pritsche sitzt, die Beine hochgezogen, die Arme auf den Knien, und dessen Augen nicht blinzeln. Er war kein sanfter oder guter Mensch, als der sich John Coffey in The Green Mile erweist; er war ein außerordentlich böser Mensch. Vielleicht sogar überhaupt kein Mensch. Jedesmal, wenn er wieder vor meinem geistigen Auge auftauchte - während ich fuhr, während ich bei der Augenuntersuchung darauf wartete, dass meine Pupillen geweitet wurden, oder am schlimmsten, wenn ich nachts im Dunkeln wach lag -, sah er ein bisschen bedrohlicher aus. Er hockte immer noch auf seiner Pritsche und rührte sich nicht, aber er war ein bisschen bedrohlicher. Ein bisschen weniger menschlich und ein bisschen mehr wie ... nun, wie das, was unter der Oberfläche lag.
Allmählich begann sich die Geschichte weiterzuspinnen - ausgehend von diesem Mann ... oder was immer er war. Der Mann saß auf einer Pritsche. Die Pritsche stand in einer Zelle. Die Zelle befand sich im hinteren Teil des Kaufmannsladens auf Little Tall Island, das für mich manchmal "Dolores Claibornes Insel" ist. Warum im hinteren Teil des Kaufmannsladens? Weil eine so kleine Gemeinde wie die von Little Tall keine Polizeiwache brauchen würde, sondern nur einen Teilzeit-Constable, der sich um den üblichen hässlichen Kleinkram kümmert - zum Beispiel um einen randalierenden Betrunkenen oder einen übellaunigen Fischer, der schon mal mit den Fäusten auf seine Frau losgeht. Wer würde dieser Constable sein? Na klar, Mike Anderson, der Besitzer und Leiter von Andersons Laden. Ein ziemlich netter Kerl, der gut mit den Betrunkenen und den übellaunigen Fischern umgehen kann ... aber angenommen, es käme etwas wirklich Schlimmes daher? Vielleicht etwas so Schlimmes wie der bösartige Dämon, der in Der Exorzist in Regan gefahren war? Etwas, das einfach in Mike Andersons selbst gebauter Zelle sitzen, herausschauen und warten würde...
Worauf?
Na, auf den Sturm natürlich. Den Sturm des Jahrhunderts. Einen so heftigen Sturm, dass er Little Tall Island vom Festland abschneiden und völlig auf sich selbst zurückwerfen würde. Schnee ist schön; Schnee ist tödlich; Schnee ist auch ein Schleier wie derjenige, mit dessen Hilfe der Zauberer seine Taschenspielertricks verbirgt. Auf diesem von der Welt abgeschnittenen, vom Schnee verborgenen Eiland konnte mein Schreckgespenst in der Gefängniszelle (inzwischen hatte es für mich bereits den Namen, den es angegeben hatte, Andre Linoge) großen Schaden anrichten. Und was vielleicht am schlimmsten war, ohne diese Pritsche je zu verlassen, auf der es mit hochgezogenen Beinen und den Armen auf den Knien hockte.