Vorwort: Jegliche Diffamierungen in Bezug auf die Supernanny und RTL geschehen rein zufällig und die meinige Person distanziert sich ausdrücklich davon.
Katja Saalfrank, die scheinheilige Sozialpädagogin bei RTL, würde Gewalt natürlich strengstens verabscheuen und dieses Buch bestimmt nur unter Zwang, wenn auch angeekelt, anfassen.
Aber dass das Motiv der elterlichen Gewalt bei der Sendung "Die Supernanny" eine quotenschaffende Entertainmentfunktion hat, wobei insgeheim die Regie zu "actionmäßigen Handlungen" auffordert, lässt ihre Seriosität in Frage stellen. Zumal die Supernanny innerhalb der zwei Wochen Drehzeit selten länger als zwei Stunden da ist (Quelle: Fernsehkritik TV)
Aber nun zum Struwwelpeter:
Da hat man es mit der Gewalt einige Jahrhunderte früher, wenngleich nicht perfekt, aber zumindest deutlich löblicher gehandhabt. Gewalt oder körperliches Leid ist hier nicht Konsequenz eines Kamerateams, sondern potenzielle oder wahrscheinliche Folge von kindlichem Fehlverhalten. Natürlich gibt es deutlich schonendere Ansätze zur Erziehung, die aber nicht zwangsweise effektiver sind.
Meine persönliche Kindheitserfahrung mit dem Struwwelpeter ist durchwegs positiv. Retrospektiv ist es gefühlte 50 Jahre später deutlich Angst einflößender, wenn man sich in die Lage eines Kindes versetzt, als früher. Das fällt mir auch des Öfteren bei Zeichentrickfilmen auf, die ja unterschwellig und unterm Strich oft auch ziemlich gewalttätig sind, aber die Verpackung ist ja so schön bunt, wodurch das kaum jemandem auffällt. Vor allem Kindern nicht. Und ich kenne viele inzwischen Erwachsene, die seit frühester Kindheit Spiele und Filme gesehen haben, die ihrem Alter bei Weitem nicht entsprechen würden (lt. FSK). Ich kenn des Weiteren niemanden, der davon Schaden getragen hat. Den meisten wurde irgendwann einmal der Struwwelpeter vorgelesen und niemand machte den Anschein, ein ernsthaftes Trauma davongetragen zu haben. Die meisten finden die Geschichten - damals wie heute - recht unterhaltsam und lustig.
Von diesen Erfahrungen aus - Ausnahmen gibt es natürlich immer - wird dieses Buch auch heute noch einen angemessenen pädagogischen Effekt erzielen, da die Geschichten sehr einprägsam (nicht zu verwechseln mit traumatisiderend) sind. Und es ist allemal besser, schlimme Folgen in literarischer Form darzustellen, die im Buch NICHT durch die Eltern bewirkt werden, sondern durch physikalische oder biologische Phänomene erklärbar sind. (Die Daumengeschichte schließe ich hier aus, da die Konsequenz hier in keiner Relation zum "Fehlverhalten" steht und überzogen ist.)
Das Spiel mit dem Feuer kann dir, lieb gewonnenen Personen oder Tieren erheblichen Schaden zufügen.
Nicht auf den Weg zu achten, kann dir schaden. Stolpern, ausrutschen usw.
Mit dem Stuhl schaukeln, kann gefährlich sein.
Rassistisch zu sein, kann bestraft werden und ist ungerecht.
Nicht zu essen, lässt dich abmagern und dich im Extremfall verhungern.
Beim Thema Ernährung kann ich natürlich keinem Kind erklären, dass Protein ja so wichtig für die geistige Entwicklung und Vitamine und Mineralstoffe für die Gesundheit nicht ganz unwichtig sind.
Damit kann ich kaum ein Kind zum Essen bewegen. Andererseits ist das Gegenteil zu befolgen, ebenso kontraproduktiv. Aber die steigende Anzahl an übergewichtigen Kindern auf den Suppenkasper zurückzuführen, halte ich für sehr gewagt.
Im Großen und Ganzen sei aber gesagt, dass das Kind in der Regel von diesem Buch profitieren wird. Man wird es wohl ohnehin frühzeitig merken, wie ein Kind darauf reagiert und man muss das Buch ja dann nicht zu Ende lesen. Aber es ist besser, dem Kind Gefahren konkret aufzuzeigen und das, ohne dass das Kind die Eltern fürchten muss oder eben gar nichts fürchtet und sich selbst ins Unglück stürzt. Am besten ist es, wenn es das als natürliche Folge von falschen Handlungen sieht. Wenn es dann groß genug ist und die Geschichten ohnehin nicht mehr glaubt, sollte der Vorsichtseffekt trotzdem noch nachwirken. Das ist mit dem Führerschein ab 17 und der Probezeit zu vergleichen, die die Fahrer statistisch gesehen, auch nach der Probezeit vorsichtiger und unfallfreier macht. Das alleine wird zweifelsohne nicht die Erziehung alleine entscheiden, aber dennoch unterstützt es sie positiv; zumindest kann ich heute diese Zeilen schreiben, ohne mein Elternhaus in Brand gesetzt zu haben. (Breno hat es jedenfalls aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gelesen :-). )
Natürlich ist das Buch des Weiteren auch gute Unterhaltung, lässt zumindest mich in nostalgischen Kindheitserinnerungen schwelgen und natürlich ist es literarisch betrachtet Kult!
Ich kann den Struwwelpeter also nur empfehlen.