Schlachtkunst
Karl Braun erkundet den Stierkampf
Von Wolfgang Sofsky
«Die Essenz des Stierkampfs», heisst es bei Ernest Hemingway, «ist das Gefühl der Unsterblichkeit, das der Stierkämpfer mitten in einer grossen faena hat und das er den Zuschauern vermittelt. Er gestaltet ein Kunstwerk, und er spielt mit dem Tod . . . Der Stierkampf ist die einzige Kunst, in der sich der Künstler in Lebensgefahr befindet.» Die Exekution des Stiers: eine formvollendete Missachtung des Todes, ein Fest gegen die Versuchungen der Demut.
Kult der Grossen Mutter?
Auch für den Ethnologen Karl Braun ist die Arena eine Kultstätte. Was wie ein Kampf aussieht, ist in Wahrheit ein stilvolles Opferwerk, das jedoch nicht den Menschen, sondern einer weiblichen Gottheit dargebracht wird: der unbefleckten Jungfrau, der Grossen Mutter der Fruchtbarkeit. Hinter der christlichen Marienfigur, die in manchen Stierfesten präsent ist, sieht Braun das archaische Idol der Allesgebärerin und Alleszerstörerin. Der antiken Statue der Artemis waren einst unzählige Stierhoden angehängt: Trophäen unerschöpflicher Zeugungskraft.
Sonderlich überzeugend ist diese Deutung des tödlichen Spiels zwischen Stieren und Männern nicht. Die Einwände liegen auf der Hand. Eine kontinuierliche Traditionslinie vermag der Autor nicht zu belegen. Daher behilft er sich über viele Seiten mit spekulativen Assoziationen und abrupten Analogien, die Raum- und Zeitlücken behende überspringen. Zudem finden viele Dorffeste, von denen Braun selbst ausführlich berichtet, an den Feiertagen anderer Heiligenfiguren statt. Dass einige Arenen in der Nähe von Marienkapellen errichtet wurden, besagt wenig in einem Land, in dem die Muttergottes ohnehin allgegenwärtig ist. Vor allem jedoch gerät die Reise ins symbolische Universum zur mythologischen Irrfahrt, wenn sie keinen Anhaltspunkt im Selbstverständnis der Akteure findet. Lässt man die Generalthese vom matriarchalischen Urgrund beiseite, lässt sich Brauns materialreicher Studie eine Reihe interessanter Beobachtungen und historischer Erläuterungen entnehmen. Der Stierlauf in der Arena ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Er stellt einen historischen Kompromiss dar zwischen höfischen, dörflichen und städtischen Traditionen. Der Lanzenreiter, der die erste Runde der Corrida bestreitet, agiert wie ein degradierter Ritter, dem das Vorrecht zum Töten entzogen wurde. Vom Fussvolk auf den Tribünen wird er nicht selten verspottet.
Die Banderilleros, die mit hocherhobenen Händen dem Stier die Spiesse in den Widerrist stossen, entstammen hingegen der Stierhatz auf den Dorfstrassen. Und der Matador, dieser Virtuose des Degens, ist eine ganz und gar urbane Gestalt. Sein Ahnherr kommt aus dem Handwerk städtischer Fleischproduktion, aus dem Schlachthof. Der elegante Torero ein Metzger, der das Schlachten zur Blutkunst veredelt hat. Auch die Zuschauer haben ihre Geschichte. Beim populären Stiertreiben in den Strassen sind sie noch hautnah am Geschehen beteiligt. Sie hetzen das wilde Tier, vollführen allerlei Mutproben und Kunststücke, bis der Stier erschöpft ist und getötet wird. In einigen Orten wird anschliessend das Fleisch verteilt und gemeinsam aufgegessen.
In der modernen Arena ist aus dem Strassentumult ein gesittetes, mehr oder weniger sachkundiges Publikum geworden, das das Spektakel kritisch begutachtet. Sein Urteil ist gefürchtet, denn der Matador ist nichts anderes als der Repräsentant der Menge. An ihrer Stelle lässt er den Stier laufen, für sie riskiert er sein Leben, wenn er mit der Muleta in das Terrain des verwundeten Tiers eindringt, um es schliesslich zu töten. Auf den Rängen verzehren die Zuschauer Schinkenstücke, rauchen Zigarren, lassen untereinander die Flaschen kreisen und betrachten in sicherem Abstand die Kühnheit des Stiers und die Künste des Matadors. Sadistische Gelüste hat Braun in diesem Publikum der Gewalt nicht ausgemacht, eher eine distanzierte, ästhetische Einstellung, die sich mit der festlichen Stimmung vermischt.
Ausnahmezustand
Die Corrida ist ein Kunstwerk, und sie ist ein kollektives Vergnügen. In der Arena sind die Leidenschaften gebändigt, bei der lokalen Fiesta hingegen gerät die Gesellschaft in einen Ausnahmezustand des Tumults. Wenn der Stier einbricht, scheinen die Gesetze der Ordnung aufgehoben. Es ist eine heilige Zwischenzeit der Gemeinschaft, des Hetzens und Tötens zu gemeinsamer Hand. Der Tod des Stiers aber restituiert die Ordnung. Natur und Gewalt sind besiegt. Im Festschmaus verleiben sich die Menschen die Beute ein. Nicht einer weiblichen Gottheit und auch nicht dem mannhaften Helden der Arena wird der Stier geopfert, sondern dem unsterblichen Gott auf Erden, der Gesellschaft selbst. -- Neue Zürcher Zeitung