Aus der Amazon.de-Redaktion
Ein Dummerjungenstreich des hämischen Triumvirats, der dem Kameraden lediglich eine Nacht in einer Gefängniszelle bescheren sollte, mündet für Ned in einen 17-jährigen Albtraum. Kurz zuvor war ihm nämlich während einer Segelpartie von einem irischen Bootsmann ein Briefumschlag mit einer Londoner Adresse zugesteckt worden. Nachdem die Polizei den Schrieb als IRA-Botschaft identifizierte, tritt ein mysteriöser MI5-Beamter (eine Schlüsselfigur des Romans) auf den Plan, verhört Ned und schafft ihn umgehend und heimlich in die auf einer Insel gelegene Irrenanstalt des Dr. Mallo!
Gleich Nabokovs schwärzesten Romanen, gleitet hier die Story sanft ins Surreale. Von der Bildfläche verschwunden und in jahrelangem Tranquilizer-Nebel dahindämmernd, wird Ned von einem Mitinsassen, dem verrückt-genialen Babe, wieder aufgebaut, bis er die Zusammenhänge einer teuflischen Verschwörung erkennt. Babe, dem kein langes Leben beschert ist, arbeitet kurz vor seinem Tod für Ned einen minutiösen Fluchtplan von der Gefängnis-Insel aus (das Spannendste, was man seit langem gelesen hat!). Nach beinahe 20-jähriger Tortur kehrt ein veränderter Ned -- versteckt in Babes Sarg -- und nicht länger mehr nur ein von den Sternen hin- und hergeschlagener Tennisball, als hasserfüllter Racheengel in die englische Heimat zurück.
Upperclass-Themen, englische Schultradition, Geheimdienstaktivitäten, Hass zwischen Torys und Labour (hier verkörpert durch die köstlichen Tiraden von Portias linkem Papa) -- alles Lieblingssujets des mit dem Tweedimage behafteten Kultautors und Schauspielers Stephen Fry. Neu allerdings und stärkster Tobak dieses großen Fry-Wurfs, ist der haarsträubende Horror, verursacht durch Neds Besuchertour zu alten Freunden. --Ravi Unger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.09.2001
Dieser Roman sei die "überfällige Antwort" für alle, die an der Gegenwartsliteratur "das Fehlen packender Handlungen" beklagten, meint Rezensentin Ingeborg Harms. Frys Roman beschreibt sie als Aktualisierung von Alexandre Dumas' Roman "Der Graf von Monte Christo". Und Rezensentin Harms dechiffriert ausgesprochen begeistert viele mehr oder weniger verdeckte Bezüge zum Roman. Fry habe freilich Nebenhandlungen abgekürzt und auf Sentimentalitäten verzichtet, lesen wir. Sein Buch sei "lakonischer, realistischer und vor allem auch brutaler". Das Böse habe seinen Schmelz verloren, und auch die Laster seien moderner geworden. Fry verlege den Roman in ein anderes Land und ein anderes Jahrhundert. Den "bonapartistischen Untergrund zur Zeit Ludwig XVIII." habe er durch die IRA-Sympathisanten der Jetztzeit ausgetauscht. Wer sich nach Herzklopfen sehne, konstatiert die Rezensentin, der komme hier "voll auf seine Kosten".
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-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Der Sterne Tennisbälle von Stephen Fry, Ulrich Blumenbach. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ashley sah zu, wie Gordon sein zweites Guinness austrank.
»Du hast sie doch gesehen, Ashley«, sagte er, rülpste und wischte sich den Schaum vom
Mund. »Sie ist so schön. Findest du sie nicht auch unheimlich schön?«
»Doch, sehr schön, Gordon«, sagte Ashley, der mehrere uralte Griechischlehrbücher besaß,
die er sehr viel aufregender fand.
»Außerdem, dort, wo ich her bin«, fuhr Gordon fort, »ist Exogamie daneben. Das macht man
einfach nicht. Ist verpönt.«
Rufus starrte finster in ein Pint Directors, das er schon mit drei dreifachen Whiskys
aufgepeppt hatte. »Echsogamie? Heißtn das?«
»Gordon und Portia sind Juden«, erklärte Ashley. »Juden heiraten traditionell keine
Nichtjuden.«
»Ich bin katholisch«, sagte Rufus. »Bei uns ist das genauso.«
»Und sie kuckt mich nicht mal an«, sagte Gordon. »Scheiße, Mann, sie kuckt mich nicht mal
an. Verstehst du?«
»Du meinst, sie kuckt dich nicht mal an?« sagte Rufus.
»Genau. Erraten. Kuckt mich nicht an.«
»Verstehe. Muß dich ja echt ankotzen.«
»Und wie mich das ankotzt.«
»Würd mich auch ankotzen, das kann ich dir sagen.«
Ashley freute sich, daß Gordon und Rufus so gut miteinander klarkamen, aber ihm graute
davor, sich mit zwei Besoffenen abgeben zu müssen. Er brachte sich zwar gerade alles bei,
was es über Wein zu wissen gab, trank aber nur ungern Alkohol, und Betrunkenheit mochte er
weder bei sich noch bei anderen.
Er achtete allerdings darauf, sich keine Blöße zu geben, und begnügte sich mehrere Runden
lang mit einem Drink, ohne wie ein Abstinenzler zu wirken.
»Was ist da eigentlich genau passiert, Rufus? Willst du ehrlich behaupten, Leclare war tot, als
ihr zurückkamt?«
»Mann, das sag ich doch die ganze Zeit, Ash. Ich sollte eine beschissene Flasche Jamesons
holen, die es gar nicht gab, und als ich zurückkam, wiegte Sankt Ned ihn in den Armen und
gurrte wie eine Scheißtaube. Und dann hat er sich ruckzuck das Kommando unter den Nagel
gerissen. Und mich wie den letzten Dreck behandelt. Schließlich meinte der Arsch auch noch
dummdreist, in Anbetracht der Umstände hätte ich mich echt gut gehalten. Was natürlich
heißen sollte, in Anbetracht der Umstände hätte er sich echt gut gehalten. Wichser. Dafür
mußte er sich dann um die Polizei und die Sanitäter und den ganzen Papierkram kümmern.
Hähä! Daran hatte er vorher garantiert nicht gedacht.« Rufus kam schwankend auf die Beine.
»Is ja auch Banane. Auf den is geschissen. Noch ne Runde?«
»Von mir aus«, meinte Ashley. »Nochmal dasselbe. Gin Tonic, mit Eis, aber ohne Zitrone.«
»Das Zeug hats ganz schön in sich«, sagte Gordon und gab Rufus sein leeres Glas. »Diesmal
lieber nur n halbes Pint.«
»Ein halbes Pint Gin und ein Pint Guinness mit Zitrone. Ohne Eis, aber mit Tonic. Is
gebongt.« Rufus torkelte zur Bar.
»Der ist nicht halb so betrunken wie er tut«, sagte Ashley. »Sein Vater ist Alkoholiker, und er
will in seine Fußstapfen treten.«
Gordon sah Rufus nach und wandte sich dann an Ashley. »Macht dir Spaß, die Leute zu
durchschauen, was?«
»Na ja«, sagte Ashley überrascht. »Dir auch, nach der Bemerkung zu urteilen.«
»Genau. Touché. Jetzt sag mal, um wen dreht sich das alles eigentlich?«
»Der Typ war so eine Art Segellehrer bei uns an der Schule«, sagte Ashley mit einer
wegwerfenden Geste, als beschriebe er die Klofrau des Hauses. »Die Schüler, die bei ihm
Segeln lernten, mochten ihn auf diese kumpelhafte Weise, die man unter Seglern wohl
Kameradschaft nennt. In den Ferien hat er ohne Ende Törns für Schüler organisiert, die sich
sowas leisten konnten oder sich mit einer so geisttötenden Beschäftigung anfreunden
konnten. Im letzten Jahr gings
Rufus, wo wart ihr letztes Jahr noch mal?« Rufus war mit
einer Tüte Erdnüsse zwischen den Zähnen wieder da und stellte die Gläser auf den Tisch.
»Ff meft du?«
»Letztes Jahr. Wo seid ihr da hingesegelt?«
»Hooker Horror.«
»Wie bitte?«
»Hook of Holland«, sagte Rufus, riß die Tüte mit den Zähnen auf und schob sie Gordon hin.
»Aus Southwold durch die Nordsee nach Flushing. Dann durch die Binnengewässer nach
Amsterdam und die ganze Strecke wieder zurück. Ich hab schon dran gedacht, da noch mal
hinzufahren. Nach Amsterdam, mein ich jetzt. Da gibts nackte Mädchen in den Fenstern und
mehr Dope, als du im ganzen Leben gesehen hast.«
»Du kiffst?« fragte Gordon Rufus.
»Ist der Papst katholisch?« murmelte Ashley und nahm sich eine Erdnuß.
Seine Laune verfinsterte sich, als das Gespräch in Kifferfolklore umzukippen drohte. Er fand
es viel witziger, wenn Rufus und Gordon gemeinsam über Ned herzogen. Leider gab es keine
Gesprächsüberschneidungen zwischen Ned und Drogen. Obwohl genau das
»Hey, wäre das nicht ein Heidenspaß, wenn Maddstone vom Drogendezernat hopsgenommen
würde?« sagte er und nippte an seinem Gin Tonic. »Der Skandal ist da, der Ruf im Eimer, und
unser Tugendbold und sein Vater kommen mal auf den Boden. Stellt euch bloß vor, wie
schockiert die gute Portia wäre.«
Rufus gluckste, und Gordon gaffte ihn an.
»Er wollte sie doch zum wie hieß das noch mal? irgendwas fürchterlich Hochgestochenes
zum Knightsbridge College bringen, genau«, fuhr Ashley versonnen fort. »Angenommen, die
Polizei erfährt, daß ein niederträchtiger Drogendealer nachmittags immer vor dem College
rumhängt und den Sprachschülern Betäubungsmittel verkauft. Stellt euch vor, ihr könntet
zusehen, wie unser Musterknabe in Handschellen abgeführt wird.«
»Ja, aber wie
«
»Seine Jacke hängt unten an der Treppe. Wir brauchen nur ein bißchen Köpfchen.«
Ned stand nackt am Fenster seines Zimmers und sah über Londons Dächer hinweg. In einer
Stunde oder so konnte er ja mal runtergehen und ein paar Rühreier machen. Warum sonst
hätte er für den Rest seines Lebens dieses Zimmer verlassen sollen? Sie konnten für immer
hier bleiben. Dummerweise mußte Portia zu ihrem Bewerbungsgespräch. Aber danach
würden sie sofort wieder hier hochkommen. Gut, morgen vormittag kam sein Vater in die
Stadt zurück, dann mußten sie präsentabel sein, aber das war ja noch eine Ewigkeit hin. Er
konnte es gar nicht erwarten, daß Portia seinen Vater kennenlernte, er war sicher, daß sie sich
auf Anhieb verstehen würden. Plötzlich sah er ihre Zukunft vor sich. Portia und Pa an
Weihnachten, auf der Entbindungsstation, im gemeinsamen Urlaub. Das Lächeln, das Lachen,
die Zuneigung, die Liebe
er hätte vor Seligkeit weinen können.
Eine Bewegung unten auf der Straße fiel ihm ins Auge. Ashley und Gordon kamen zurück,
hatten aber noch jemanden dabei. Ned lächelte, als er Rufus Cade an seinem torkelnden Gang
erkannte. Wo waren sie dem denn über den Weg gelaufen? Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre
es ja ganz witzig gewesen, sie einzuladen, aber jetzt
Ned, der normalerweise weder ungesellig noch egoistisch war, schlich zur Tür und schloß
vorsichtig ab. Das leise Geräusch weckte Portia.
»Hast du grade abgeschlossen?«
»Mußte sein«, flüsterte Ned. »Die anderen kommen zurück. Ich finde, wir tun lieber so, als
wären wir weggegangen.«
Portia sah zu, wie Ned durchs Zimmer zu ihr zurückkam. Intensives Glücksgefühl durchfuhr
sie wie ein Windstoß eine Wiese, und vor Wonne zitterte und schauderte sie dermaßen, daß es
fast wehtat.
»Du darfst mich nie verlassen.«
»Keine Angst«, flüsterte Ned und kam zu ihr ins Bett zurück.
Sie hörten Ashley die Treppe hochrufen.
»Keine Angst, wir stören euch nicht. Mußte nur noch was holen. Ihr jungen Leute amüsiert
euch!«
Gordons und Rufus unterdrücktes Lachen entzückte sie. Es konnte so schön sein, ausgelacht
zu werden.
Ned seufzte vor Erfüllung und Freude.
Wo in der ganzen weiten Welt war wohl irgend jemand ebenso unermeßlich glücklich? Er
war jung, gesund und glücklich und hatte nirgends Sorgen oder Feinde.