Das von Hochhuth verfasste Zeitstück "Der Stellvertreter" hat mich persönlich tief bewegt, da es aufgrund seiner eindringlichen Sprache massiv zum Nachdenken und aktiven Handeln animiert. Hochhuths Appell, dass der Einzelne durch Ignoranz und Schweigen ebensolche Schuld auf sich lädt wie diejenigen, welche aktiv an Verbrechen und Greueltaten beteiligt sind und dass sich daher der Einzelne seiner Verantwortung nicht entziehen darf, da sonst die Menschheit verloren ist, wirkt sehr intensiv und eindringlich. Dieser Effekt wird meines Erachtens dadurch verstärkt, dass Hochhuth das Stück nach dem 5. Akt ohne jegliche jenseitige Heilsgewissheit enden lässt- anders als im christlichen Trauerspiel, in dem der Märtyrer- dessen Rolle im vorliegenden Zeitstück Riccardo, der "Stellvertreter des Stellvertreters" einnimmt- durch seinen Tod das Christentum erlöst. Riccardos Tod hingegen droht, sinnlos zu werden, da ihn, den Märtyrer, ein Massenschicksal ereilt, kein individuelles Einzelschicksal. Damit wäre die Menschheit verloren, wenn sich nicht jeder Einzelne seiner Mitverantwortung bewusst wird. Ich bewundere Hochhuth für dieses Werk!!