Was hier auf 180 Seiten verbraten wird ist ein von Naivität und sehr geringem Verständnis des Themas geprägter Schnellschuss. Jeder Aspekt des weltlichen Lebens wird mit der Alchemie-Brille betrachtet. Wer ein tiefes Wissen über sie besitzt könnte so eine Weltsicht vielleicht haben. Dieser Verfasser aber wohl kaum.
Dafür hat er es gern dramatisch. Schon zu Beginn werden wir in bester Hitchcock-Manier dringend gebeten, seine Identität nicht preiszugeben. Das kan wohl kaum ernst gemeint sein. Er schreibt beinahe täglich im Internet (wie man in seinem Forum bei "forgotten-books" sehen kann). Noch dazu stellt er fest, dass er ganz uneigennützig und ohne Wunsch nach Notorität handeln würde. Nun ist aber gerade die Rolle des "anonymen Retters der Welt" eine klassische Artchetypus des Helden. Da hat er sich wohl etwas vertan, oder er will seine Anhänger für dumm verkaufen.
Inhaltlich sind nützliche Aussagen zur Alchemie sehr weit gestreut - eigentlich kann man sagen, dass er einen Ansatz aufzeigt, der z.B. schon von Georg Andrea Dolhopff in seinem Büchlein "Lapis animalis Microcosmicus" beschrieben wird. Allerdings auf mittelhochdeutsch (und Latein). Das ist selbst für einen deutschen Zeitgenossen schwer zu lesen. Es deutet aber auf die größte Schwäche seiner Schlussfolgerungen hin. Sie basiert auf enger Selektion der Quellen. Und auf noch engerer Selektion der Interpretationen dessen, was er in den (englischen) Quellen vorfindet. Kurzum, seine Abhandlung ist viel zu kurz gegriffen.
Die Behauptung sein Werk würde in einzigartiger Weise jede "These" mit mehrfachen Zitaten "belegen" ist lachhaft. Es ist üblich, Theorien mit Zitaten zu stützen. Dies geschieht normalerweise im Anhang oder als Fußnote, denn die meisten Verfasser schreiben Bücher, sie sammeln nicht nur Zitate, die sie mit eingesteuten Bemerkungen verzieren wie es hier geschehen ist. Tatsächlich würde das Buch 60-70% seines Umfangs einbüßen, wären alle Zitate weggelassen worden.
Wie der Verfasser mit "Ungläubigen" umgeht, deutet auf eine gewisse Infantilität und/oder Arroganz hin.
Wer sein Buch nicht versteht ist einfach nur zu sehr mit seinem aufgeblähten Ego beschäftigt (!) - und würde ja auch schon von sich behaupten, die String-Theorie zu vestehen. Nun, ich behaupte das keineswegs, schon weil mir die Mathematik dazu fehlen würde. Allerdings gibt er als Begründung an, "diese Leute" würden nicht erfassen, dass die String-Theorie nur ein Modell ist, nicht etwa die Wahrheit. Zum einen sagt aber schon die Bezeichnung String-"Theorie" eben das aus, zum anderen ist alles, was er als Erklärung anzubieten hat, auch nur modellhaft. Was aber wohl beide gemein haben ist, dass sie zu nichts führen, weder seine alchmistischen "Wahrheiten" noch die String-Theorie (Letzteres behauptet der bekannte Quantenphysiker Lee Smolin in seinem Buch "The trouble with Physics", nicht etwa ich).
Nach der Leserbeschimpfung geht es weiter mit großspurigen Ankündigungen, denen aber wenig Substanz folgt.
Wir werden aufgeklärt, dass die alchemistischen Schriften "obskur" sind und sich daher Halbwissende leicht mit falschen Federn schmücken und die Leute mit ihrem Halbwissen an der Nase herumführen können. Dieser Absatz hätte eigentlich gesperrt gedruckt und rot unterlegt werden müssen, denn er beschreibt genau, was der Verfasser tut. Projektion?
Danach wird mit vordergründigen Argumenten die spirituelle Interpretation der Alchemie niedergemacht.Er behauptet, hunderte Bücher wären allein in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen, die Alchemie falsch darstellen. Er selbst hat aber nur eine handvoll gelesen. Ist er also Hellseher? Oder nur unverschämt?
Dann folgt ein aberwitziger Abschnitt über angebliche Redefreiheit im Mittelalter bezüglich der von kirchlichen Dogmen abweichenden Theorien. Wo lebt dieser Mensch? Hat er je ein Geschichtsbuch in der Hand gehabt? Inquisition? Templer? Katarer? Ganze Völke rausgerottet im Namen der rechten Glaubens. Unfassbar diese Ignoranz.
Dann folgen kindisch anmutende Thesen zu Jin & Yang ("Die Männer würden den ganzen Tag nur kämpfen und die Frauen nur reden ...")
Schlussendlich kommen noch Abhandlungen zu seiner Weltsicht, die an Naivität und Engstirnigkeit dem restlichen Traktat in nichts nachsteht. Die Yugas werden bemüht, sie sind natürlich nur Reflektionen der Verfügbarkeit des Steins. Das sie Reflektionen des Bewusstseins ihrer Bewohner sein könnten (ganz ohne Stein) ist zwar die übliche Sicht, sie ist auch leicht nachvollziehbar, passt hier aber nicht ins Bild. Und dann die UFOs. Sie kommen nicht aus fernen Galaxien sondern werden von Menschen mit dem Stein gesteuert (hier verabschiedet sich dann die weltweite Ufo- und Exopolitik-Gemeinde mit ihren ca. 10.000 Autoren und unzähligen Berichten von ausserirdischen Begegnungen).
Dann folgt noch ein Abschnitt über Frequenzen und Ebenen des Seins, dessen Erkentnisse uns dankenswerterweise schon 1978 von Jane Roberts über das Geistwesen "Seth" bekanntgegeben wurden (unter anderem). Vielen Dank für die Wiederholung.
Alles in allem ein ermüdendes und wenig inspirierendes Leseerlebnis - ungeeignet für Menschen, die die spirituelle Sexta hinter sich gelassen haben.
Warum dann drei Sterne und nicht nur einer?
Diese Version des "Book of Aquarius" hält sich recht eng an das Original. In der "anderen" Variante werden Kapitelnummerierungen ignoriert und der Text für den besseren Lesefluss geglättet, was aber den Sinn z.T. entfremdet. Ich lese es lieber holprig aber nah am Original. Zudem kostet diese Variante deutlich weniger, enthält aber den vollständigen Text des Originals (in der anderen Variante fehlt wohl ein Kapitel). Am wichtigsten für mich ist aber der Fakt, dass der Übersetzer am Schluss des Buches auf eine Webseite hinweisst, auf der er sich selbst kritisch mit dem Material auseinandersetzt. Diese Kritik hätte ich mir in dem Buch selbst gewünscht. Dann wäre es aber keine Übersetzung mehr gewesen sondern ein Buch ÜBER das Original. Trotzdem ist die Mühe, den Text mit dem nötigen Abstand zu betrachten zu würdigen und führt zu der 3-Sterne Beurteilung.
Unterm Strich ist es aber nicht wirklich die Mühe des Lesens wert. Es gibt im Internet und in Buchform weit hilfreichere Einführungen zum Thema Alchymie (bzw. Alchemie).