Diane Keaton heißt mit bürgerlichem Namen Diane Hall. Ihr Spitzname ist Annie. Eigentlich ist das unwichtig, für diesen Film aber nicht, denn Annie Hall ist auch der originale Titel von "Der Stadtneurotiker" und das kommt nicht von ungefähr. Weil Diane Keaton sich hier mehr oder weniger selbst spielt, genauso wie Woody Allen mit dem sie zu dieser Zeit auch liiert war. So wird das unbeständige Verhältnis von Annie Hall und Alvy Singer zur ironischen Selbstanalyse der eigenen neurotischen Paarbeziehung, bei der unter der vordergründigen Komik immer auch ein Hauch von melancholischer Tragik verborgen liegt.
In der Eröffnungssequenz teilt Alvy Singer in einer intimen Ansprache dem Publikum schon nach wenigen Sekunden ganz trocken und nüchtern mit, dass Annie und er sich getrennt haben, weil die Gefühle füreinander entschwunden sind. Wie es dazu kam, sollen die nächsten knapp 90 Minuten klären, die allerdings nicht mehr als eine Indizienkette für die gescheiterte Beziehung darstellen. Denn die Antworten sind ebenso irrational wie die an und für sich tiefgründige Liebe zwischen Annie und Alvy selbst. Ein Grund des paradoxen Scheiterns könnte in der unvereinbaren Vorstellung von Sex liegen. So gibt Annie in der virtuos-witzigen Splitscreen-Szene beim Psychiater an, dass ihr dreimal in der Woche einfach "schrecklich oft" vorkommen, während Alvy diese dreimal fast schon zu wenig sind. Ein anderer Grund könnte auch die permanente Bindungsangst des paranoiden Stadtneurotikers sein, die ihn unfähig macht, die Liebe seines Lebens für immer festzuhalten. Der Umgang mit diesem notorischen Pessimisten, der an der krankhaften Schwäche leidet, Lebensfreude zu empfinden, fällt Annie sichtlich schwer, was allzu verständlich ist, wenn man ständig Bücher mit einem "Tod" im Titel geschenkt bekommt. Oder liegt es doch daran, dass Alvy mit der emanzipatorischen Abkapselung der launischen Annie nicht zurechtkommt, deren Selbstbewusstsein sie auf die Suche nach einer neuen Bestimmung raus aus der Umklammerung angestaubter Geschlechterkonventionen treibt? Wenngleich auch Alvy jede heraufbeschworene Katastrophe mit einem Gag illustriert, trauert er dennoch innerlich der verlorenen Liebe nach, weil die Vergänglichkeit der Leidenschaft eben doch immer einen bitteren Beigeschmack hat. Wie so oft bei Woody Allen verschmelzen die vermeintlichen Gegenpole Tragik und Komik mit vernichtendem Witz ineinander. Sozusagen urbaner Humor als letzte Bastion im Kampf gegen existenzielle Selbstzweifel und innere Leere, wobei Woody Allen in aller Selbstironie auch seine jüdischen Wurzeln nicht verschont. So schlittert sein Alter Ego Alvy in eine peinliche Situation, als er mit den Sitten von Annies protestantischer Familie konfrontiert wird.
"Der Stadtneurotiker" ist eine sensible Komödie mit einem melancholischen Blick auf ein Paar, das unfähig ist, Neurosen und Selbstzweifel zu überwinden und sich seine Liebe bedingungslos zu offenbaren. Wobei aber am Ende beide Protagonisten mit sich selbst absolut im Reinen sind. Angesiedelt ist die Handlung im intellektuellen New Yorker Milieu der 70er Jahre. Dass Woody Allen seine Karriere als Stand-Up Comedian begann, ist nicht zu übersehen, wird die Handlung doch auf einer originellen Abfolge von Sketchen aufgebaut, die miteinander lose verbunden werden und viele schmunzelnde Momente auf die Leinwand zaubern. Eine der schönsten Szenen ist, als Annie und Alvy beim schüchternen Kennenlernen auf einem idyllischen Balkon stehen, sich im verlegenen Gefasel verlieren und in Untertiteln eingeblendet wird, was beide während des Gesprächs wirklich über den Anderen denken. Dabei wurde die schlaksige Diane Keaton in einem androgynen Outfit eingekleidet mit Hut, Schlips, Herrenhemd und maskulinen Chino Pants im Stil der 30er Jahre. Für die eklektische Modeausstattung, in der sich scheinbar die irritierende Unordnung der Geschlechter reflektiert, war Ralph Lauren verantwortlich, der damals noch ein unbekannter Stylist war.
Ironisch konnotiert ist auch die Besetzung der kleineren Nebenrollen. Paul Simon ist hier als dubioser Plattenproduzent besetzt worden, der die Nachtclubsängerin Annie schließlich in die Traumwelt nach LA lockt. Ein geschickt eingebauter Abstecher von Woody Allen, den er nutzt, sarkastische Schimpfkanonaden auf die Stadt an der Westküste und die seichten Formen der Unterhaltungsindustrie abzufeuern. Christopher Walken spielt den leicht soziopathisch veranlagten Bruder von Annie. Außerdem ist Shelley Duvall in einem Kurzauftritt zu sehen.
Die stets charmant-schelmisch blickende Diane Keaton wurde von der SZ-Cinemathek in die Reihe dieser Traumfrauen-Edition aufgenommen. Für die versponnene Annie Hall bekam sie auch einen Oscar als beste Schauspielerin in einer Hauptrolle. Bonusmaterial zum Film ist in dieser Ausgabe nicht vorhanden. Die Tonspur liegt jeweils in Englisch und Deutsch nur in Dolby Digital 2.0 vor. Die Qualität der Bildauflösung ist in Ordnung. Format ist 1,85:1 bzw. 16:9.