„Der Stadtneurotiker" ist eine Variation des klassischen Pygmalion-Mythos. Sie erzählt von einem Künstler, der sich in seine eigene Schöpfung verliebt und sie verliert, als sie aufblüht und ihr eigenes Leben sucht. Alvy Singer, ein erfolgreicher Stand-up-Comedian und Autor, verliebt sich in die Landpomeranze Annie, bildet sie, formt ihre Anfänge als Sängerin und verliert sie schließlich, als sie von Produzenten der Musikbranche nach L.A. gelockt wird. In freier Assoziation blickt Alvy zurück und sucht nach Wahrnehmungs- und Orientierungsfehlern, die seine Probleme erklären können. Er erinnert sich an seine Kindheit in Brooklyn während des Zweiten Weltkrieges und läßt seine diversen Frauengeschichten revue passieren. Dabei formuliert er eine These, die ihn ein Leben lang begleitet: das Problem, zwischen Phantasie und Realität zu unterscheiden. Denn Alvy ist besessen davon, die Realität zu beherrschen, und so benutzt er sein Privileg als Schriftsteller, um ein Bühnenstück zu schreiben, das zwar starke autobiografische Züge hat, aber mit dem Happy-End der beiden Hauptdarsteller endet. Die Wirklichkeit muss an diesem künstlerischen Anspruch jedoch scheitern. Mit „Der Stadtneurotiker" hat sich Woody Allen von der reinen Parodie verabschiedet und an die Stelle des austauschbaren Slapstick-Helden ein Film-Ego gesetzt, mit dem sich das Publikum identifizieren kann. Dabei sind die lauten Gags und Zoten einer eher leisen Komik gewichen und haben sich dem zumeist tragikomischen Kontext untergeordnet. Doch nicht nur thematisch, sondern auch technisch ist „Der Stadtneurotiker" innovativ. Die Struktur des Stoffes gleicht einer Sitzung beim Psychater, bei der Alvy seine gescheiterten Beziehungen resümiert und erst nach und nach immer tiefer in die Vergangenheit eintaucht. Was am Anfang wirkt wie bruchstückhafte Erinnerungen, ergänzt sich so allmählich zu einer ganzen Lebensgeschichte. Die Verfilmung von Allens Drehbuch mit Diane Keaton und ihm selbst in der Hauptrolle wurde von der internationalen Kritik als Meilenstein des Kinos gefeiert und erhielt 1977 zurecht den Oscar für den besten Film des Jahres. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)