Dieses Buch stellt die Geschichte des Staates aus soziologischer Sicht dar, d. h. aus dem Blickwinkel der Klassen bzw. Schichten.
Der Staat entsteht, wenn Bauern laufend von nomadisierenden Horden überfallen werden (je nach Region entweder Jäger oder Hirten) und eines Tages einer der Räuber anbietet, gegen Zahlung eines Schutzgeldes alle anderen Räuber fern zu halten. Der nach Olson: "Power and Prosperity" so genannte "stationäre Räuber" setzt sich eine Krone auf und begründet so seine Herrschaft durch Eroberung. Der Staat erzeugt nun in der Gesellschaft zwei Klassen, nämlich die Herrscher und die Unterdrückten. Seine Existenzberechtigung sind Sicherung der Herrschaft und Ausbeutung der Verlierer. Dieses Muster belegt der Autor durch historische Quellen.
Die spätere Entwicklung kann zu Seestaaten oder zu Landstaaten führen. Landstaaten haben Großgrundbesitz und beuten so die Bauern aus. Seestaaten haben Häfen und beruhen auf Piraterie. Im Endeffekt benötigt der Staat entweder mehr Arbeitskräfte (Sklaverei) oder mehr Land (Eroberungskriege). Während die Seestaaten auf die Antike beschränkt blieben (z. B. die Phönizier und die griechischen Kolonien), hat der Landstaat grundsätzliche Bedeutung: Er bildete die Hautpentwicklungslinie des Staates (mittelalterlicher Feudalismus).
Die Geschichte bekam durch die Gründung der modernen Städte einen neuen Impuls. Stadtbewohner waren reich (Geldwirtschaft) und versprachen geflohenen Landbewohnern die Freiheit. Das schwächte die Grundherren. Da der Staat Steuern auch aus den freien Städten erheben konnte, war ihm die Unterwerfung der Fürsten durch gekaufte Söldner möglich.
Durch den Kapitalismus wurden die Reichen (statt früher die Grundbesitzer) schrittweise an der Regierung beteiligt. An der Ausbeutung der Arbeiter änderte dies nichts. Der Mehrwert ging weiterhin an die führende Klasse.
Im letzten Kapitel bietet der Autor einen Ausblick auf die Zukunft. Demnach muss man durch eine Landreform den Großgrundbesitz auflösen; dadurch entfällt auch die ausbeutende Funktion des Staates. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft "freier Bürger".
Unter Kapitalismus versteht der Autor anscheinend wirtschaftliche Ungleichheit, die durch Großgrundbesitz entstanden ist. Sozialismus ist dann wirtschaftliche Gleichheit ohne staatlichen Zwang.
Mir hat dieses Standardwerk zur Entstehung des Staates gut gefallen. Gegen Ende des Buches wurde die Argumentation jedoch zunehmend marxistischer. Der Autor sieht nicht, dass die angeblichen Probleme des Kapitalismus (Ausbeutung, Entfremdung, Macht) entweder nicht existieren oder vielmehr auf den Staat zurück gehen: Es gab bisher keinen reinen Kapitalismus, sondern nur "gemischte Wirtschaften" mit mehr oder weniger staatlicher Kontrolle.
Der Untergang Roms wird einseitig beschrieben (Großgrundbesitz); die tiefere Ursache (Steuerpolitik) bleibt unerwähnt (siehe Mises: "Human Action"). Eine genauere und zutreffendere Sicht auf die durch den Staat erzeugten Klassen bietet Blankertz: "Das libertäre Manifest". Wie eine anarchokapitalistische Gesellschaft aussehen könnte, beschreibt Rothbard: "Ethics of Liberty" / "Ethik der Freiheit".
(Hinweis: Ich habe die mit einer ausführlichen Einleitung versehene amerikanische Ausgabe "The State" gelesen.)