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Der Spurenzeichner
 
 
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Der Spurenzeichner [Taschenbuch]

Peter Bosch
4.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Paul Kersten im Kulturjournal auf NDR, 13. Feber 2006

Möchten Sie wissen, wie man auf der Suche nach der verlorenen Zeit den Heiligen Gral findet? Dann lesen Sie Peter Bosch' Roman "Der Spurenzeichner". Ein Mix aus Gralslegende, Marcel Prousts "Recherche" und Tausendundeiner Nacht. Eine irrwitzige Tour de force durch imaginäre Räume und Regionen. Trivial und elitär zugleich. Mit Gralsrittern von der skurillen Gestalt. Wer findet den Gral? Ein kokainsüchtiger Schriftsteller? Ein nekrophiler Sodomit? Oder ein syphilitischer Rattenfänger? Wo steckt der Gral? Im Hinterzimmer einer Peep-Show? Oder als gefangener Geist Gottes im Regal eines pädophilen Buchhändlers? "Der Spurenzeichner": Kultbuchverdächtig!

Kurzbeschreibung

Der Ich-Erzähler nimmt im Jahr 1985 die Suche nach dem Heiligen Gral auf, requiriert im österreichischen Ort Hallstatt eine Mannschaft aus den seltsamsten Subjekten des Or tes und macht sich um Mitternacht mit dem schanghaiten Kapitän des Ausflugsschiffes auf die Suche nach dem Durchgang zum Meer. Wila, die Scheherazade des Romans, erfindet immer wieder neue Geschichten der verlorenen Zeit, die der Ich-Erzähler nicht hören will, nach denen er aber süchtig geworden ist. Bis zum Schluss verweigert er seinen eigenen Namen, ist auch nicht bereit, sich die der Gefährten zu merken, teilt ihnen Namen aus Prousts »Temps« zu. Eine irrwitzige Tour de force durch reale und imaginierte Regionen beginnt, um schlussendlich in den unterirdischen Gewölben des Stiftes Melk in einem unheiligen Experiment zu kulminieren.

Klappentext

Ein bizarr verwegener, religiös stolpernder und geisterhaft träumerischer Parforce-Ritt auf der Suche nach dem Heiligen Gral und der seit Proust verlorenen Zeit. Von Hallstatt aus segeln die modernen Gralsritter durch die Weltmeere, kämpfen sich durch Steinwüsten und Philosophenstädte, durch Katakomben und 50er Jahre-Wohnhöhlen, begleitet von Fischlaichenschändern, nekrophilen Sodomiten, kokainsüchtigen Poeten, Nagellackentfernerinnen, pädophilen Buchhändlern und syphilitischen Rattenfängern, die in Tausendund-einer Nacht-Manier Geschichte schreiben, Geschichten erfinden, vergessen, weiterspinnen, verleitet von einem namenlos strauchelnden Ich-Erzähler, der die Gefährten und den Roman mit beißender Ironie und Schärfe vorantreibt.

Über den Autor

Peter Bosch, geb. 1957 in Wien. Wirtschaftswunderkind. Literarische und grafische Veröffentlichungen in div. Zeitschriften, Anthologien und auf Tonträgern. Multimediale und szenische Lesungen. »Elsbeth & Ingwer – Einbildroman in fünf Zoomstufen«, Aarachne-Verlag, 2001. Gewinner des Literaturwettbewerbes »Paradiese«, Maya- Media-Verlag, München. Textbeitrag zum Rockoratorium »Eversmiling Liberty«. Lesung und Wort-Installation im Rahmen der Vernissage »Stille Gäste« mit einem Soundscape von K.H. Essl jun. Mitglied der AutorInnengruppe »SchreibWeisen«: Projekt »DichterInnen auf der Waltz« im Mai 2003. Gründungsmitglied von »BOeS – Berufsverband Österreichischer SchreibpädagogInnen« Lebt und arbeitet in Wien.

Auszug aus Der Spurenzeichner : Wie man auf der Suche nach der verlorenen Zeit den Heiligen Gral findet von Peter Bosch, Micha Oppeneiger, Birgit Kaas. Copyright © 0. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Wila. Das war ihr Name. So hat sie geheißen.

[adagio]
In der Mammuthöhle am Dachstein habe ich sie getroffen,
beim Canyon der verlorenen Zeit, ohne zu
ahnen, wer sie ist. Eine Feder hat sie im Haar gehabt
und halbgeschlossene Augen.
– Ich möchte mit dir ans Meer fahren und mit
dir schlafen, sagt sie zu mir unter den rot-gelben
Sonnenschirmen. Sie nimmt ein Stück Zucker in
den Kaffee, zwei Stück Zucker. Verschlafen blinzle
ich durch die farbigen Streifen in die Sonne, das
Gegenlicht, die Struktur des Stoffes. Drei Stück, vier
Stück. Tagelang könnte ich so sitzen und an nichts
denken. Bei fünf Stück hört sie auf.
»Es ist meist alles viel trivialer. Ich habe immer gedacht,
hinter dem Canyon der verlorenen Zeit steckt
eine unglaubliche Geschichte, aber in Wirklichkeit hat
dort bloß einer seine Uhr verloren.«
Wir kommen nach Hallstatt und beschließen, die
Nacht im Beinhaus zwischen den aufgestapelten Knochen
und bemalten Schädeln zu verbringen und uns
Geschichten der verlorenen Zeit auszudenken. Mir
fällt nichts ein, also lasse ich Wila erzählen.
Die Büffelherden ziehen nach Westen. Der stärkste von
allen, ein mächtiges weißes Tier, ahnt, dass es das letzte
Jahr sein wird. Er hat die Asche der Friedenspfeifen
im Dorf verstreut gesehen und die müden Augen der
Häuptlinge. Er wartet auf die Gewehre und weiß, dass
es sinnlos ist, weiterzuziehen. Sie werden sterben und
Häuser werden an ihre Stelle treten.

[con impeto]
Ich habe keine Lust mehr, weiter zuzuhören, ich stehe
auf und gehe an die Anlegestelle des Ausflugsschiffes.
Es ist Mitternacht und unverständlicherweise ist keiner
mehr da. Gott sei Dank weiß ich wo der Kapitän
wohnt. Vielleicht will er heute Nacht einen Schiffsjungen
zeugen, aber mir ist das egal. Ich läute ihn
aus dem Schlaf und zwinge ihn mitzukommen, mit
Versprechungen, Beschimpfungen, Erpressungen und
Bestechung. Nach Aushändigung eines unverschämt
hohen Geldbetrages ist er bereit, mich nötigenfalls bis
ans Ende der Welt zu führen.
Wir stürmen die Kirche. Ich habe ein gestörtes Verhältnis
zu Geistlichen, ich lasse mich nicht gern absichtlich
in die Irre führen und schütte ihm den halben
Weihwasserkessel ins Gesicht. Er soll gefälligst mitkommen,
schreie ich den nachthemdnassen Priester
an, ich wäre ohnehin in der Stimmung zu plündern,
zu rauben und brandzuschatzen, und wenn er nicht
willig ist, könne ich für seinen gotischen Flügelaltar
nicht garantieren.
Ich habe insgeheim beschlossen, meine Mannschaft
aus den verruchtesten und verkommensten Subjekten
des Ortes zu rekrutieren. Mir sind alle Mittel recht.
Nach und nach müssen sich unserem Zug ein Fischleichenschänder,
der Vizebürgermeister, ein Damenund
Herrenfriseur, ein nekrophiler Sodomit, eine Volksschullehrerin,
ein Souvenirladenbesitzerehepaar, ein
kokainsüchtiger Schriftsteller, ein Heiligenschnitzer,ein Tierkonservator, ein halbtauber und gelähmter
Ururgroßvater, der örtliche Fremdenverkehrsobmann,
ein pädophiler Buchhändler, eine Nagellackentfernerin,
ein frühreifes elfjähriges Mädchen mit Namen Greta,
ein syphilitischer Rattenfänger und das schwangere
Stubenmädchen aus dem »Goldenen Lamm« anschließen.

[rallentando]
Langsam werde ich ruhiger und zufriedener. Wila
hat sich in der Zwischenzeit ein gutes Dutzend weiterer
Geschichten der verlorenen Zeit ausgedacht.
Ich breche noch kurz im Geschäft des pädophilen
Buchhändlers ein und nehme mir mit seinem Einverständnis
die Frankfurter Geschenkausgabe von Prousts
Monumentalwerk in zehn Bänden mit Dekorüberzug
im Schmuckschuber mit. Die Reise wird lange dauern,
und ich möchte nicht, dass Wila ohne Lesestoff bleibt.
Wenn ich mich nicht in sie verliebe, soll sie wenigstens
geistige Ablenkung haben.
Es ist halb Vier als wir in den See stechen. Die Sonne
wird bald aufgehen und bis dahin sollten wir die
Verbindung vom Hallstätter See zum Meer gefunden
haben.
– Welches Meer?, fragt mich der Kapitän.
Die Dinge scheinen kompliziert zu werden. Ich
steige in die Kajüte des Priesters, der sich gerade die
Selbstbeichte abnimmt und gebannt seinen Verstößen
gegen das sechste Gebot lauscht und lasse ihn an
Deck eine Messe lesen und um ein Wunder flehen.
Wir singen »Kyrie eleison«, und ich schwöre bei allen
Heiligen, unsere gesamte Mannschaft in den Dienst
der Gralssuche zu stellen, denn soweit mir der benebelte
Schriftsteller glaubhaft versichert, sei dieses Unternehmen immer noch offen.
Ich postiere den Tierkonservator mit einem Fernglas
am Bug und ziehe mich für eine Stunde unanständigen
Tuns in meine Kabine zurück. Nach 53 Minuten
klopft der Heiligenschnitzer an die Tür: laut seinen
Berechnungen laufen wir gerade in den Hafen von
Korinth ein.
»Sehr gut«, rufe ich zurück, wenn er den Gral gefunden
hätte, solle er wiederkommen, ich sei beschäftigt.

Das war der 14. Mai und das 1. Kapitel, in dem ich Wila
kennen lernte, mir die Möglichkeit offen hielt, mich trotz
einer Geschichte über die verlorene Zeit in sie zu verlieben
und in Hallstatt eine nicht ganz übliche Mannschaft für die
Fahrt zum Meer anheuerte.

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