In diesem Werk vertritt Pinker anknüpfend an den Linguisten Noam Chomsky die These von der Instinkthaftigkeit der Sprache, die er argumentativ verteidigt und mit der Sapir-Whorf-Hypothese des linguistischen Determinismus kontrastiert.
Dem linguistischen Determinismus zufolge determiniert Sprache vollständig unser Denken, und sie ist ausschließlich kulturell bedingt. Dieser These liegt das 'Sozialwissenschaftliche Standardmodell' des Kulturrelativismus zugrunde: (1) Wir sind frei von biologischen Zwängen, Kulturen können willkürlich variieren. (2) Angeboren ist nur ein Allzwecklernmechanismus, die Kultur wird durch Unterweisung, Belohnung, Bestrafung und Rollenmodelle erlernt. Pinker erschließt nuanciert die wissenschaftstheoretischen und -praktischen Widersprüche dieser Auffassung. Sprache kann schon deshalb unser Denken nicht determinieren, weil es Gedanken gibt, für die wir keine Worte finden. Und wären Gedanken von Wörtern abhängig, ist schwer einzusehen, wie Worte neu geprägt oder in eine andere Sprache übertragen werden können.
Pinker ist überzeugt, daß wir nicht in einer Sprache, sondern auf 'Mentalesisch', in Gedankensprache, denken. Sprache ist ein 'Instinkt'. Es gibt eine angeborene mentale Universalgrammatik, die Kindern sagt, wie aus der gesprochenen Sprache ihrer Eltern die syntaktischen Muster herauszufiltern sind. Dies geschieht mittels einer 'Ähnlichkeitsgliederung', die es Kindern erlaubt, von Sätzen ihrer Eltern auf die 'ähnlichen' Sätze zu generalisieren, die den Rest ihrer Sprache ausmachen. Nomen, Verben und Phrasen der gesprochenen Sprache werden identifiziert und von der in die Lernmechanismen eingebauten Universalgrammatik berechnet. Ohne diese angeborenen Berechnungen könnte das Kind nie angemessen generalisieren!
Kern des menschlichen Sprachinstinktes ist die Übermittlung von Neuigkeiten. Dies erlauben die 'Beliebigkeit des Zeichens' und eine generative Grammatik. Die Menschensprache erweist sich als diskretes kombinatorisches System. Ihre Merkmale u.a.: Referenz, die Verwendung von Symbolen, die eine zeitliche und räumliche Trennung von ihren Referenten aufweisen, Kreativität, kategorische Sprachwahrnehmung, konsistente Anordnung, hierarchische Struktur, Unendlichkeit, Rekursion.
Pinker verteidigt aus realistisch-naturalistischer Perspektive die Einmaligkeit der Menschensprache. Der Sprachinstinkt hat sich durch natürliche Auslese und gegenseitige Anpassung allmählich entwickelt, was ein breit gefächertes Kontinuum existenzfähiger Sprachsysteme voraussetzt. Erfolgreiche Vorhersagen über die Welt durch Austausch von ökologischen und sozialen Informationen (und eventuell einem geistigen Wettrüsten zwischen sozialen Konkurrenten) boten einen Überlebensvorteil und förderten den individuellen Fortpflanzungserfolg. Der Autor plausibilisiert seine Sicht mit tiefgehenden Erörterungen primatologischer, paläoanthropologischer und neurophysiologischer Forschungserträge.
Angeborene psychische Mechanismen werden durch Vererbung konstruiert, die Umwelt schafft ihren 'Input', und sie verursachen ein bestimmtes Verhalten. Sie entwickeln und erschließen Fertigkeiten, Wissen und Werte, aber auch umgekehrt, d.h. zwischen beiden Größen herrscht Interdependenz. Grundlage ist die Annahme, daß nicht nur für die universale Grammatik, sondern auch für Wahrnehmen, Ziehen von Schlußfolgerungen, Handeln verschiedene 'Module' (geistige Software, 'Instinkte') zuständig sind. Diese treffen als 'Ähnlichkeitsgliederungen' in den Wissensbereichen der physikalischen, biologischen und sozialen Welt die richtigen Generalisierungen. Module existieren für zahllose Lebensbereiche, z.B. für intuitive Mechanik, Biologie, Psychologie, Gefahren, Nahrung, Zahlen, Auswahl des Lebensgebietes usw.
Der Autor entwickelt seinen Gegenstand mit beeindruckender Gründlichkeit und Perspektivenvielfalt. Sein Werk besitzt hohes wissenschaftliches Niveau, ist aber auch für Laien gut verständlich und unterhaltsam. Als Einführung in die Problematik vorzüglich! Lesern, die weiterführendes und tiefergehendes Wissen über die Entstehung der Menschensprache suchen, empfehle ich: Merlin DONALD: "
Origins of the Modern Mind: Three Stages in the Evolution of Culture and Cognition" (1991); Steven MITHEN: "
Prehistory of the Mind: A Search for the Origins of Art, Religion and Science" (1996) und derselbe: "
Singing Neanderthals: The Origins of Music, Language, Mind and Body" (2006)