Das Jahr 1999 lud zu Rückblicken ja geradezu ein. Auch "Der Spleen von Berlin" gehört in gewisser Weise schon zu diesen nostalgischen Bänden, denn hier geht es um das Berlin der 90er Jahre. Neben Fotografien des 1953 in Chemnitz geborenen Rolf Zöllner stehen Texte von Jutta Voigt. Die waschechte Berlinerin wohnt in Prenzlauer Berg, und dort findet sie auch das Gros der Soffe für ihre Erzählungen. Aus dem heruntergekommenen Wohngebiet im Osten ist nach der Wende das Szeneviertel Berlins geworden. Touristen kommen, um Kneipen, bunte Hinterhöfe, Autonome, Künstler, Straßenmusiker und Gaukler zu bestaunen. Inzwischen haben auch die Berliner Yuppies den Stadtteil für sich entdeckt. Glänzende Fassaden, Sushi-Bars und Handies - das ist der moderne Prenzlberg. Viele der früheren Bewohner sind weggezogen. Die Alten, die noch da sind, treffen sich mittwochs beim Tanztee. Jutta Voigt beschreibt Menschen, Ereignisse, Orte und Stimmungen, reißt Schicksale an, charakterisiert Leute anhand kleiner Details. Alltagsbeobachtungen von einer, die dazugehört - genau, ungekünstelt, knapp, mit einer kleinen Prise Ironie, oft ein wenig melancholisch, aber immer voller Liebe für ihren Prenzlberg und Existenzen am Rand. Rolf Zöllners großformatige Schwarz-weiß-Aufnahmen haben das gewisse Etwas. Das kann eine absurde Anordnung der Bildkomponenten sein, das Spiel mit Linien, Flächen und Helligkeiten oder ein außergewöhnliches Detail. Zöllners Fotografien sind nicht inszeniert, sondern Blicke auf das ganz normale Leben. Einige haben beinahe dokumentarischen Charakter. Auffällig ist die Privatheit auf den Bildern vom Prenzlberger Kneipen- und Hinterhofleben, die den Betrachter unmittelbar an der Idylle teilhaben lassen. Die Fotos sind eine gute Ergänzung zu den Texten Jutta Voigts, da sich Themen und Sichtweise ähneln. Eine schlichte, stilvolle Aufmachung zeichnet den Foto-Lese-Band aus; über den viel zu reißerischen Titel muß man einfach großzügig hinweglesen. Die gelungene Auswahl von Geschichten und Bildern macht Lust, durch die Stadt zu bummeln und Leute zu beobachten - ganz egal, ob in Berlin oder Greiz.