Herr Joffroy breitet eine verwirrende Biographie vor uns aus. Sie entzieht sich sowieso dem schnellen Urteil - in der Sicherheit des heutigen Rechtsstaates gefällt, den pharisäerhaften Blick gerichtet auf eine Zeit, in der ein im Suff erzählter politischer Witz schon KZ bedeuten konnte! -
Aber auch, wer dieser Falle entgeht, länger nachdenkt und normalerweise zu einem sicheren Urteil findet, wird sich hier schwertun. Gerstein sei "eine um den Scheiterhaufen betrogene Jeanne d Arc" gewesen, so ein für vorliegendes Buch Interviewter, der meiner Ansicht nach der Sache ziemlich nahe kommt.
Das Buch widersetzt sich einfach, Herrn Dr. Gerstein nach dem Schema "Gut/Böse" in eine Schublade zu stecken. Dafür ist der Sachverhalt zu komplex. Von "Heiliger" bis "größter Vergaser" reichen die Einschätzungen. Höchst selten dürfte es auch sein, das jemand die Welt der KZs von beiden Seiten kannte.
Naivität hat man ihm vorgeworfen, weil er als Christ im Nazisystem tätig war, es von innen heraus zu sabotieren suchte. Aber ist das Leben des Dr. Kurt Gerstein nicht auch einer der vielen Spiegel dessen, was Jesus gemeint haben könnte, mit: "Laßt die Kinder zu mir kommen...(Lk. 18. 15 - 17 und par.)
Ebenso verweigert sich das Buch einer all zu flüssig-glatten Lektüre als Unterhaltungsschmöker. Dazu ist der Inhalt zu grauenhaft und auch beim dreitausendsten Lesen solcherlei Veröffentlichungen zum 3. Reich, eigentlich immer noch unvorstellbar.
Gut, das es solche Bücher - dringend notwendige Augenöffner, Wachhalter und Wecker - gibt. Auch als die Fleißarbeit, die sie ist, kann ich dieser Schrift, trotz des sehr sprunghaften Erzählstils, meinen Respekt nicht verweigern.