Sie haben Etwas und wollen das meistbietend verkaufen? Dann hoffen Sie, dass niemand weiß, dass Sie es sind, der dieses Etwas hat und passen Sie gut auf, dass Sie nicht als "Jones" im Raum des Geigers enden!
Bei Amazon Vine entdeckte ich den Debüt-Thriller des amerikanischen Autors
Mark Allen Smith.
Der Produzent, Regisseur und Drehbuchautor lebt mit seiner Partnerin und drei Kindern in New York, macht Musik und spielt Softball.
Die Kurzbeschreibung reizte mich und da ich Thrillern immer wieder zugetan bin, war das Bestellknöpfchen schnell getätigt.
Der Antiheld
Er ist ein Einzelgänger und hat nur zu drei Menschen regelmäßigen Kontakt, zu seinem Geschäftspartner, seinem Psychiater und seinem Hauptauftraggeber. Sein Geschäft ist nicht legal, wird aber von staatlichen Behörden und Organisationen rege genutzt. Die Dinge, die er tut, privat wie beruflich, treibt er zur Perfektion. Sein Geschäft ist die Informationsbeschaffung. Seine Methoden schmerzen und greifen in die tiefsten Winkel der Psyche. Am Ende sagt ihm jeder "'Jones" die Wahrheit. Doch er hat auch Grundsätze, er arbeitet nie mit Kranken oder Kindern. Er ist der Geiger!
Foltern mit oder ohne physische Gewalt?
Im Prolog werde ich mit voller Wucht in die Psychospielchen des Geigers hineingeworfen und erlebe ihn in Aktion. Dabei bekomme ich ein richtig gutes Bild von den Örtlichkeiten und dem eigentlich grausigen Geschehen vermittelt. Obwohl ich das nach gesellschaftlich-moralischen Grundsätzen grauenvoll und verwerflich finden sollte, schafft es der Autor bereits hier, auf eigentümlich morbide Art mein Interesse an dem Hauptprotagonisten zu wecken.
Dann nimmt sich der Autor Zeit, seine Protagonisten einzuführen. Obwohl ich viel über den Geiger, die ihn umgebenden Personen und sein Geschäft erfahre, bleibt gerade der Geiger für mich undurchsichtig, eigenartig und geheimnisumwittert, aber nicht unsympathisch. Es gelingt mir zwar, ihn mir durch die gelieferten Beschreibungen äußerlich vorzustellen, doch genau wie sein Psychiater, kann ich sein Wesen nicht ergründen. Allerdings ist es genau das, was mich an diesem Buch in Hochspannung versetzt und mich immer weiter lesen lässt.
Als dem Geiger eines Tages statt dem erwarteten "Jones" ein Kind geliefert wird, trifft dieser eine von allen unerwartete Entscheidung. Die Ereignisse überstürzen sich und ich bin als Leser auf einmal Teil einer spannenden und aktionsreichen Verfolgungsjagd.
Der Autor hat sein Buch nach dem Prolog in 3 Teile und insgesamt 22 Kapitel gegliedert. Wegen seinem einfach flüssigen und bildhaften Schreibstil in der Erzählperspektive lässt sich das Buch insgesamt relativ schnell lesen. Die Spannung baut sich im ersten Teil aufgrund der vielen Geheimnisse um den Hauptprotagonisten auf. Ab dem zweiten Teil kamen zu diesen Geheimnissen weitere Protagonisten, zu denen ich eine gefühlsmäßige Beziehung aufbauen konnte und zahlreiche unvorhergesehene Aktionen dazu.
Im dritten Teil lüftet der Autor dann endlich einige dieser Geheimnisse. Diese, in Form von Rückblicken, sind unglaublich grausam, das aktuelle Geschehen ebenfalls. Bei aller Grausamkeit übte beides jedoch auf mich als Leser wieder eine morbide Faszination aus, weil sie das Wesen des Geigers zu einem Bruchteil erklärten und trotzdem in der Gesamtheit ein Geheimnis blieben. Das bringt mir den Hauptprotagonisten, der an sich noch immer genauso undurchsichtig ist, wie am Anfang, noch einmal näher.
Der Showdown an sich kam mir persönlich dann etwas zu schnell und auch ein bisschen zu vorhersehbar, obwohl sich dramatische Szenen abspielen. Danach klingt das Buch meiner Meinung nach etwas zu leise aus und lässt bei mir jede Menge Fragen offen. Fragen, die der Autor eventuell in einem Folgeband beantworten will? Leider konnte ich nirgendwo die Information finden, ob ein Solcher geplant ist. Wenn ja, dann würde ich diesen glatt lesen. Im Moment lässt mich das Ende dieses Thrillers jedoch ein bisschen unbefriedigt zurück.
Resümee
Alles in allem hat mir "Der Spezialist" sehr gut gefallen. Eine etwas andere Thrillerkost, die es schaffte, mich mit einem Protagonisten fiebern zu lassen, den ich eigentlich von Haus aus abstoßend finden sollte. Muss ich mir jetzt über mein Weltbild Gedanken machen? Ich vergebe jedenfalls eine Leseempfehlung.