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Der Spaziergang: Roman (edition suhrkamp)
 
 
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Der Spaziergang: Roman (edition suhrkamp) [Taschenbuch]

Attila Bartis , Hans Skirecki

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Kaltes Grauen

Attila Bartis' «Spaziergang»

Von Ilma Rakusa

Selten findet sich in einem Kurzroman so viel Schreckliches versammelt. Der Prosaerstling des ungarischen Schriftstellers und Photographen Attila Bartis (Jahrgang 1968) erinnert darin an «Das grosse Heft» von Agota Kristof, wobei sein enigmatisch-surrealer Charakter auf die Kafka-Tradition verweist.

Eine Ich-Figur erzählt ihr Leben zwischen acht und achtzehn. Der Krieg ist vorbei. Das Waisenkind lebt bei seinem blinden Grossvater, quält Katzen und tötet Hühner, bis der Alte stirbt. Jetzt kommt es in ein Heim. Hier wird es getauft und der Obhut von Schwester Adél anvertraut. Eines Tages verkündet diese, es müsse zum jüngsten Bruder seines Grossvaters, der Photograph in einem Badeort sei. «Ich schrie nicht. Ich fragte sie sehr leise. Sie sass vor mir im Gras, mir so gegenüber wie Gott, und sie hatte mich weggegeben.» Aber noch bevor es so weit ist, bricht eine Revolution aus. Adél und das Kind suchen Zuflucht in der Werkstatt des Schneiders Benjamin. Als diese von den Aufständischen gestürmt wird, werden Adél, Benjamin und alle Schneiderpuppen «über den Haufen geschossen». «Die Revolution dauerte noch einen Tag. Das war der Teil meines Lebens, wo ich dachte, Gott hat drei Goldzähne, mit denen feixt er.»

Das Kind gelangt zu dem älteren Paar, das die Werkstatt geplündert hat. Später findet es «mit tränennassen Augen» zum Bahnhof. In der Stadt am See wird es todkrank. Als «die Rebellion seines Körpers niedergeschlagen war», findet es sich bei seinem Grossonkel wieder – dem Vater von Adél, wie sich herausstellt. «Ich werde Sie siezen, mein Kind, sagte Engelhard und setzte sich auf den Bettrand. So lebten wir dann etliche Jahre.» Das Kind, das kein Kind mehr ist, assistiert im Fotoatelier, liest Dostojewski und lernt diverse Herren kennen: einen Ex-Astronauten im Rollstuhl, einen Maler, «Josef und seinen Bruder». Jetzt erst wird allmählich deutlich, dass der Ich-Erzähler weiblichen Geschlechts ist. Die älteren Herren sterben reihum – zuletzt auch Engelhard –, dann lernt die volljährig Gewordene einen gewissen Vendel Bódog kennen, der sie unzimperlich entjungfert. «Ich beobachte den Mond. Er ist bereits viermal vergangen, aber vergebens. Ich bin gleichzeitig ich und jemand anders. Die Person, die ich sehe, ist jung und fremd, und die ich fühle, ist provisorisch. Mein Gebet ist gottlos. Eher menschlich. Ich sage ihm jeden Abend: Mein matter Spiegel, spiegle mich nicht wider, es demütigt mich, wie ich wachse.» Der Ich-Bericht endet mit der Beschreibung der Abtreibung.

In Attila Bartis' Roman geht eine vielfältige Todessaat auf. Vor den Kulissen eines kriegsversehrten, revolutionsgeschüttelten Landes greifen Grauen und Verwesung um sich. Wo sind wir? Ungarische, deutsche, auch italienische und russische Namen wechseln sich ab, Anspielungen auf Kafka, Thomas Mann und Wittgenstein geistern durch die Zeilen. Eiskalt ist diese Welt, gespenstisch und irreal, gleichsam aus Versatzstücken zusammengebaut und atmosphärisch von Schrecken bestimmt. Zwischen den verworrenen Geschehnissen und der Lakonie der Sätze herrscht ein seltsamer Widerspruch. Während sich die Erzählung oft auf labyrinthische Nebengeleise verirrt, tendiert die Sprache zum messerscharfen Urteil: «Das Wunder dauerte drei Tage. Manche töteten, manche futterten, und manche wanderten aus. Als es zu Ende war, wurden die Gesetze über das Töten, das Futtern und das Auswandern geändert.» Gnadenlos ist das Walten des diktatorischen Staats – und ebenso gnadenlos der Bericht einer gottlosen Kindheit und Jugend. Die fühllose Härte, die ihn kennzeichnet, lässt den Leser über weite Strecken vermuten, hier erzähle ein männliches Ich – bis er gegen Ende des Buches überraschend eines Besseren belehrt wird. Attila Bartis spielt mit der Irreführung, so wie er auch andere Spiele treibt: mit Namen und Allusionen, mit Zitaten und Schauplätzen. Dabei entsteht eine kalkulierte Aura des Geheimnisvollen, rätselhaft wie De Chiricos «pittura metafisica».

Und die Bilder, die photographisch genauen Details? In ihrer Zusammenballung wirken sie befremdlich wie die Topographie der Kleinstadt – mit dem «Toten Platz», der «Immanuel-Promenade» und dem «Karmelberg». Auf eine interessant eklektizistische Weise präsentiert Bartis einen Entwicklungsroman, der gerade dort erschüttert, wo er sich zur Allegorie verdichtet.

Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 03.06.2000
Einen rechten Schrecken scheint der Roman des jungen ungarischen Schriftstellers der Rezensentin Ilma Rakusa eingejagt zu haben. "Selten findet sich in einem Kurzroman so viel Schreckliches versammelt", schreibt sie. Sicherheiten gewährt die Erzählung nicht: Ort und Zeit sind nicht bestimmbar, immer wieder werde man in die Irre geführt, sogar über das Geschlecht des Ich-Erzählers (bzw., wie sich gegen Ende herausstellt: der Ich-Erzählerin) herrscht lange Unklarheit. Undurchsichtig sind die Geschehnisse, so Rakusa, lakonisch und klar dagegen die Sätze. Im ganzen zeigt sich die Rezensentin nicht unbeeindruckt, findet den Roman erschütternd, "wo er sich zur Allegorie verdichtet" (wovon, verrät sie aber nicht), scheint über viel Befremdliches jedoch nicht ganz hinwegzukommen.

© Perlentaucher Medien GmbH

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