Durch dieses Buch habe ich erstmals überhaupt verstanden was ein Soziopath ist. Ich dachte immer Soziopathen laufen mordend durch die Welt so wie Hannibal Lecter im "Schweigen der Lämmer", aber das sind nur Ausnahmen. Es gibt sehr viele Soziopathen und die meisten leben nach Außen hin völlig unauffällig, terrorisieren aber ihre Mitmenschen. Selbst wenn man vielleicht die eine oder andere Stelle in dem Buch kritisch betrachten kann, so hat die Autorin doch etwas sehr wichtiges getan, nämlich auf sehr verständliche und anschauliche Weise zu erklären, dass es viele Menschen gibt, die nicht zu tiefen Gefühlen fähig sind, keine emotionale Bindung an andere Menschen haben, keine Liebe empfinden (auch nicht zu den eigenen Kindern) und somit auch kein echtes Gewissen haben. Bei einem Menschen wie Adolf Hitler hätte man dies vermutet, aber es gibt sehr viel mehr Soziopathen als die meisten Menschen wahrhaben wollen und jeder kennt welche. Als ich dieses Buch las, hatte ich sehr viele Aha-Erlebnisse und in meiner Erinnerung sind einige Menschen aufgetaucht, deren Verhalten ich rückwirkend, nach dieser Lektüre klar als soziopathisch bezeichnen würde. Und dies waren immer Menschen, die mir massiv geschadet haben und deren Verhalten ich mir nie erklären konnte - bis zu diesem Buch. Dank an die Autorin.
Alltags-Soziopathie ist m.E. ein absolutes Tabuthema dem sich niemand stellen will und ist viel wichtiger als die wenigen sensationellen Fälle die durch die Medien gehen, wenn z.B. eine Mutter neun Säuglinge nach der Geburt umgebracht und im Blumenkasten vergaben hat und sich niemand erklären kann, warum die Mutter dies tat. Dann werden allerhand "Erklärungen" herangezogen, die aber nie den Kern der Sache treffen, weil das Fehlen von Emotionen, Liebe und Gewissen für den normalen gesunden Menschen einfach unvorstellbar ist. Der Alltags-Soziopath dagegen terrorisiert seine Nachbarschaft, seine Familie, seine "Freunde", seine Kollegen usw. und eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich war, dass mit diesen Menschen kein echter Kontakt möglich ist. Denn wie soll man einen Menschen erreichen der nichts fühlt? Die Autorin geht davon aus, dass es nicht möglich ist mit Soziopathen Kontakt zu pflegen und rät jeden Kontakt grundsätzlich ganz abzubrechen. Dies deckt sich mit meinen persönlichen Erfahrungen.
Sehr interessant fand ich auch die Ausführungen zu "Gewissen" und "Moral". Schön fand ich z.B. ihre Erklärung der "infantilen Moral" vieler Menschen, die stur Regeln befolgen, ohne sie jemals zu hinterfragen. Das kann man auch auf Alltagssituationen fern jeglicher Soziopathie anwenden: Der Flur wird geputzt, auch wenn der Fußboden so sauber ist, dass man ihn ablecken könnte, denn es gibt eine Regel die besagt, dass man den Flur putzt.
Sehr gut fand ich den Stil des Buches, der einerseits so schlicht gehalten ist, dass auch psychologische Laien das Buch gut lesen können und andererseits ist es insgesamt so anspruchsvoll, dass es auch für Fachleute noch interessant sein kann. Ich finde es ist eines der wenigen Highlights am "Selbsthilfebüchermarkt" und das Thema sollte Pflichtprogramm in den Schulen und Universitäten werden!