"In der Schatzkammer deiner Seele gibt es unendlich kostbare Dinge, die man dir nicht wegnehmen kann.
Also bemühe dich dein Leben so zu gestalten, dass weltliche Dinge dir nichts anhaben können"
(Oscar Wilde)
Oscar Wilde (1854-1900) ist eine schillernde Figur seiner Zeit. Mit den großen Romanen, Erzählungen und Märchen hat er Großes geschaffen. Sein Nachlass zu lesen ist eine immerwährende Freude. Seine Aphorismen sind ein Sternenzauber von Geist und Esprit. Dass ihm in allem, was er dachte und tat, eines das Wichtigste war, liest man in jeder seiner Schriften: es geht um die Gunst der Kunst, der Schönheit und der Ästhetik.
In diesem Essay begibt sich Oscar Wilde auf die Suche, zu beleuchten, wie der Mensch zum reinen Individuum werden kann, d.h. der Individualismus anerkannte und treibende Kraft in einer Gesellschaft wird und somit durch ihn das Schöne und damit das Wahre sich im hellenistischen Gewand erneut zeigen kann. Die Gunst der Zeit ist ein Gespenst, welches in Europa umher ging. Die Angst vor dem Kommunismus wurde gemildert durch die Gedanken des Sozialismus, der bei Wilde den Individualismus in sich trägt. Denn die Unterscheidung von Arm und Reich und dessen Aufhebung zu Gunsten eines neuen vom äußeren Besitz befreiten Menschen, der zu sich in christlicher Manier sagt: Ich bin der Ich bin! als Echo der gesellschaftlichen neuen Botschaft: Sei Du selbst!, ist für Wilde der springende Punkt einer umfassenden Erneuerung. Wilde schwebt eine Umwandlung der Gesellschaft vor, die in der Umwertung der alten mit sozialistischen wie christlichen Argumenten zu einem Individualismus führt, wie die Kunst und der Künstler sie schon immer begriffen haben. Die schlecht erzogene Öffentlichkeit soll daher von der bornierten Meinung, Kunst habe ihrem Geschmack zu entsprechen, sich entfernen und ihrerseits künstlerisch werden. Denn nur in der Kunst und damit in der Wahrnehmung der Ästhetik liegt das Glück des Individualismus und damit in der Seele des Menschen.
Dass Wilde am Ende bedauernd feststellen muss, dass die Griechen zwar weit in der Vorbereitung zum vollkommenen Menschen waren, leider jedoch nur im Denken, macht ihn nicht wirklich zurückhaltend. Seine Forderung, jeder sei, wie er ist, heißt nicht mehr, als sich aus jeder Abhängigkeit zu befreien, sei es aus der abhängigen Beziehung, sei es vom belastenden Besitz und zu einer Form von Gesellschaft JA zu sagen, die keiner Regierung mehr bedarf, weil sie aus der neuen Werthaltung jedes Einzelnen sich selbst gestaltet. Denn nur in freiwilligen Zusammenschlüssen zeigt der Mensch seine wahre Größe. Und dieser neue Individualismus ist eben für Wilde sogar ein neuer Hellenismus, in dem die Muße über der Arbeit steht, weil die vita contemplativa vervollkommnet. (vgl Han: Duft der Zeit, Müdigkeitsgesellschaft; Sloterdijk: Stress und Freiheit)
Ein sehr lesenswerter Essay aus dem Jahre 1891 mit einer Menge scharfsinniger Gedanken und einer Portion (Sozial-)Utopie, dem jedoch der Satz von Spinoza anhaftet, alles denken zu können, wenn es nicht zum Handeln zwingt.
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