Christian Möller, emeritierter Professor für Praktische Theologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, hat sich auf die Themen Gemeindeaufbau, Pastoraltheologie und Poimenik spezialisiert. Mit seiner Einführung in die Praktische Theologie reagierte er 2004 auf zahlreiche Anfragen seiner Studierenden, einen kompakten Überblick über die fünfte theologische Disziplin zu erhalten (vgl. XI).
In neun Kapiteln erhält der Leser einen ersten Einblick in die Praktische Theologie und ihre Problemstellungen. Ein Anhang mit Register rundet die Ausführungen ab. Eine klare Gliederung verhilft zu einer schnellen Orientierung. Stichworte am Rand dienen demselben Ziel. Jedes Kapitel wird in der Regel unter drei Aspekten beleuchtet: "Stationen der Geschichte", "Positionen im 20. Jahrhundert" und einer kritischen "Diskussion" zu den dargestellten Inhalten. Sehr sympathisch wirkt die Kompaktheit des Buchs: Es kommt mit 286 Seiten aus, was sich aber nicht negativ auf die Inhalte auswirkt. Auch eine selektive Lektüre ist möglich.
Ein erster Blick ins Vorwort offenbart bereits Möllers Ansatz: Die Einführung ist entstanden, um Studierenden eine Art praktisch-theologischer Landkarte zur Orientierung mitzugeben.
Im ersten Kapitel gelingt es Möller, den Leser auf kurzem Raum für spezifische Fragestellungen der Praktischen Theologie sensibel zu machen. Die Ausführungen lassen vermuten, dass Möller seine Praktische Theologie zwar trinitarisch, jedoch zusätzlich mit einem deutlich pneumatologischen Akzent begründet.
Im zweiten Kapitel stellt der Verfasser die Pastoraltheologie (also die Lehre von Amt und Beruf des Pfarrers/der Pfarrerin) dar. Insbesondere der praktisch-theologisch noch nicht erfahrene Leser fragt sich an dieser Stelle unvermittelt, ob Möllers trinitarische Gliederung nicht etwas aufgezwungen wirkt, schon allein deshalb, weil für pneumatologische Aspekte ein Autor bemüht wird, der zuvor schon für die Vorstellung der kerygmatischen Gestalt von Bedeutung war.
Das dritte Kapitel behandelt die Lehre der Oikodomik (Gemeindebau). Bemerkenswert erscheint in diesem Kontext, dass sich die Theologie in jüngster Zeit häufiger und stärker mit Ansätzen aus der evangelikalen Szene auseinandersetzt. Möller spricht sich ausdrücklich gegen das Konzept von Willow Creek aus, das seiner Meinung nach einer theologia gloriae huldigt. Er selbst vertritt konsequent eine theologia crucis und plädiert dafür, die Spannung zwischen iustus et peccator, zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Kirche auszuhalten. Statt in unaufhörlichen Aktionismus zu verfallen und auf eigene Stärke zu vertrauen, sollte man sich demütig seiner eigenen Sünde bewusst werden und daran arbeiten, Hindernisse des Gemeindebaus aus dem Weg zu räumen.
Mit der Liturgik, der Lehre vom Gottesdienst, befasst sich Möller im vierten Kapitel. Sein weiter Blick über den konfessionellen Tellerrand hinaus behandelt u. a. aktuelle Entwicklungen der katholischen und orthodoxen Ansätze. Auch hier plädiert der Autor für ein Gottesdienstverständnis, das frei von aktivistischem Zwang ist und sich stattdessen an den Verheißungen Gottes orientiert: In die Gegenwart des Heiligen Geistes kann nur eingestimmt werden - sie kann nicht erzwungen werden. Das Kapitel wird mit zwei spannenden Exkursen zum Kirchenjahr und zur Hymnologie beendet.
Die Homiletik (Lehre von der Predigt) ist Inhalt des fünften Kapitels. Möller lädt zum Experiment ein, den Predigttext schon montags aufzugreifen, um durch die Woche hindurch mit ihm "schwanger zu gehen". Die Beschreibung seiner Erfahrungen hiermit klingt so überzeugend, dass man direkt versucht ist, sich auf dieses Experiment einzulassen.
Das erste Mal stockt der Lesefluss bei der Lektüre des sechsten Kapitels. Das mag vielleicht der Komplexität des Themas Poimenik (Lehre von der Seelsorge) geschuldet sein. So wirken etwa die Ausführungen zu den Entwicklungen im 20. Jahrhundert eher wie ein Konzept, das sich ein Student für sein Examen erstellt hat denn wie ein flüssiger Text. Bemerkenswert sind die Ausführungen zum Verständnis der Seelsorge in Abgrenzung zu psychologischen Ansätzen.
Von dem bislang gewohnten Gliederungsmuster weicht Möller im siebten Kapitel (Kasualien) ab und orientiert sich an den Amtshandlungen Taufe, Trauung und Beerdigung, wobei der Taufe der größte Raum eingeräumt wird. Möller zeigt sich in dieser Frage offen für eine gegenseitige Taufanerkennung zwischen Vertretern von Säuglings- und Gläubigentaufe.
Die Katechetik (Lehre vom Unterricht) ist Inhalt des achten Kapitels. Unweigerlich erinnert man sich bei diesen Ausführungen an eigene Erfahrungen z. B. mit dem Religionsunterricht und fängt plötzlich an zu verstehen, mit welchem Ansatz welcher Lehrer gearbeitet hat und vor welche Schwierigkeiten er sich dabei gestellt sah.
Mit dem neunten Kapitel zur Diakoniewissenschaft schließt Möller seine Einführung. Persönliche Erfahrungen mit dem praktisch-theologischen Studium von Studierenden, konkrete Hilfestellungen und Literaturempfehlungen im Anhang runden das Buch ab.
Insgesamt macht Möller auf eine gute Weise deutlich, mit welchen Entwürfen er sich auseinandersetzt. Dass Autoren, die aktuell die Entwicklung der Praktischen Theologie mitgestalten, kaum auftauchen, hat zwar einen etwas faden Beigeschmack, kann Möller aber nicht angelastet werden, da sein Buch eben bereits 2004 erschien.
Möller legt Wert auf einen durchgehenden und starken Bibelbezug, während er eine klar artikulierte kritische Haltung zu evangelikalen Ansätzen zeigt. Es gelingt ihm, diese Spannung auszuhalten und nicht in Extreme zu verfallen.
Etwas unschön wirken gelegentliche Wiederholungen, störend gar die Verwendung von Abkürzungen, deren Kenntnis nicht vorausgesetzt werden kann und die auch nirgends erläutert werden. Manchmal scheinen Überschriften von Unterkapiteln nicht so richtig zu deren Inhalten zu passen - spätestens, wenn man etwa unter der Ankündigung der Position Johannes Calvins mehr über Martin Luther liest. Überhaupt überrascht die Auflage durch eine offensichtlich etwas schlampige Überarbeitung des Francke-Verlags - insbesondere Satzzeichenfehler oder fehlende Buchstaben erinnern den Leser an leidvolle Erfahrungen aus eigenen Hausarbeiten.
Anfängern der Praktischen Theologie kann das Buch grundsätzlich empfohlen werden. Auch wer sich auf sein Examen vorbereitet, wird gerade im Anhang wertvolle Tipps finden, muss sich aber über die Entwicklungen seit 1994 aus anderer Quelle informieren.
Viktor Weber
ichthys 26 (2010), 258-260