Die Überschrift sagt es schon: Es ist eindeutig ein Kinderbuch. Die Handlung ist einfach und geradlinig. Die Spannung ist mäßig, auch Kinder mit Herzproblemen oder Neigung zu schlechten Träumen können es lesen. Die Charaktere sind überschaubar und gerade mal so weit ausgearbeitet, dass es für einen kindlichen Leser genügt. Im Grunde geht es nur um eine schnelle Freund/Feind-Sortierung. Das Buch ist mit ca. 220 Seiten bei mittelgroßer Schrift einfach zu dünn, um tiefer zu schürfen. Darum wird auch nicht gleich die ganze Welt bedroht. Es geht diesmal "nur" darum, das britische Königshaus vor dem Ruin zu bewahren und eine Lanze für altmodische Magie zu brechen.
Die Atmosphäre, der Charme, die Erzählweise erinnern mich an "Die Schatzinsel", erreichen das Niveau aber nicht ganz. Die Stärke des Autors liegt eindeutig in der Beschreibung von Landschaft und Stadtleben und ihre Wahrnehmung durch die Sinne des Helden. Man hat sofort einen Eindruck vor Augen. Die Sprache ist ganz gut, die Dialoge innerhalb des einfachen Volkes wirken manchmal zu geschraubt. Es gibt viele gute Ideen, die leider nur vorgestellt, aber nicht ausgebaut werden. So hält sich die Spannung auf einem Niveau, dass man das Buch als Gute-Nacht-Lektüre empfehlen kann. (Nicht verwechseln mit Weglege-Lektüre!) Es gehört jedenfalls eine Menge kindlicher Phantasie dazu, um aus den vorgegebenen Stichpunkten im Kopf eine gruselige Welt entstehen zu lassen.
Jemand hat auch dieses Buch wieder mit "Harry Potter" verglichen - und deshalb hatte ich es mir besorgt. Aber das war wohl nix. Die einzige Ähnlichkeit ist die Atmosphäre des victorianischen Zeitalters und London als Handlungsort. Die Kinderbande hat nichts von der Bravheit der Hogwartsschüler. Allein die Zeit ist schon mal eine andere. Das Buch spielt nicht in der Gegenwart, sondern ca. um 1890. Konkrete Angaben finden sich nirgends, man muss von der Regentschaft Königin Victorias und dem Bau der U-Bahn ausgehen. Der Enkel Henry ist zwar erfunden, aber er muss entsprechende Jahre jünger sein als die Queen. Es ist das Zeitalter der Ablösung der Dampfmaschinen durch Elektrizität, von Messing durch Eisen. Es gibt allerdings jede Menge Anachronismen in einem London, wo das Zaubern alltäglich ist und die Luft von Zeppelinen und fliegenden Teppichen durchsetzt ist. Es gibt auch mechanische Pferde und eine Art Autos.
Ich persönlich verstehe nicht, wieso man eine reale Stadt nehmen und dann verfremden muss. Historische Romane sind so weit so schön, wenn sie den Hintergrund unangetastet lassen und von fiktiven Personen handeln, die im Dunkel der Vergangenheit wieder verschwinden. Große Katastrophen oder Erfindungen jedoch hätten die Geschichte verändert. Harry Potters Nebenwelt tarnt sich wenigstens mit allerlei Schutzzauber statt sich mit der Muggelwelt zu vermischen. Mit ein paar guten Ausreden akzeptiere ich Vorgänge, die sich mit meiner Erfahrung beißen. Ungenügende Einbettung führt jedoch vom Roman zur Lügengeschichte und das wirft mich aus der schön ausgemalten Kulisse.
Warum musste es denn London sein? Und warum eine echte historische Herrscherin?
Na ja, trotzdem besser als der Durchschnitt.