'In der Taschen seines Bloussons fand man einen Schal, drei Nagescheren, zwei Kämme, die Hausschlüssel. Im Gummizug der rechten Socke steckten ein Küchenmesser, Geschenkband, eine Tüte Instant-Orangengetränk, mehrere Nagelfeilen und weitere Kämme. Aus der linken Socke rollte ein Ei, das mit einem Knirschen zerbrach.
Wer sich nicht bereits nach ihm umgedreht hatte, tat es jetzt.
Denen, die ihn festnahmen, nannte er einen Namen.
Als sie nicht begriffen, nannte er noch einen anderen.
Dann bat er darum, telefonieren zu dürfen.'
Während sein Vater, ein Polizist, seine Augen vor dem organisierten Verbrechen verschließt, versucht seine Mutter das Schweigen zu brechen. Und mitten drin, zwischen allen Stühlen, steht der neunjährige Giovanni und versucht, den Geschehnissen um ihn herum in seiner kindlichen Sichtweise zu ergründen und im späteren Verlauf, seinen Familie und seinen Vater zu beschützen.
Dieses Buch ist etwas besonderes, was vor allem an der Perspektive liegt. Der Autor schreibt so nah, so authentisch aus der Sicht eines neunjährigen Kindes, dass es herzerwärmend und zugleich schmerzhaft naiv wirkt. Naiv für den Leser, der nach und nach merkt, in welcher Welt dieses Kind groß wird.
Dies fesselt, nimmt mit, bezaubert und tut weh, auf einer zutiefst menschlichen Ebene.
Später, im zweiten Teil des Buches, ist Giovanni ein Teenager, der die Welt inzwischen begriffen hat und versucht, seine gefallene Familie allein aufzufangen. Sehr schön beschreibt der Autor auch hier die Beziehung zwischen Vater und Sohn und fängt dabei sehr präzise die schmale Grenze des erwachsen werden ein. Wenn der Status zwischen Kind und Erwachsenem sich langsam ändert, angleicht, wandelt und verschiebt und es plötzlich Giovanni ist, der seinen starken, aber gealterten und gefallenen Vater zu stützen und zu beschützen versucht. In wieder zurück ins Leben führen will, dass er doch gerade erst selbst begriffen hat.
Dieses Buch ist eines von solche, die langsam genossen werden sollten, allein schon wegen der großartigen Sprache und Präzision der Wortwahl des Autors. Mich hat dieser Stil von der ersten Seite an gepackt, auf welcher der Autor eindringlich schildert, wie der kleine Giovanni zum ersten Mal einen Farbfernseher sieht. Heutzutage eine Normalität, doch der Autor schafft es, die Besonderheit, die Faszination des Fernsehens, des Farbfernsehens der ersten Stunde, auf beeindruckende Art und Weise wieder einzufangen und wiederzugeben. Kurz: Der Autor ließ mich die Welt mit anderen Augen sehen. Wie es bei Schilderungen von Dingen oder Ereignissen aus der Sicht einer Figur eigentlich immer sein sollte. 'Point of View' in Bestform umgesetzt.
Die Geschichte spielt sich hauptsächlich auf der psychologischen Ebene ab. Es ist kein Buch für Actionfreunde, Blockbusterliebhaber oder für die leichte Lektüre nebenbei. Es ist ein Buch für lange, ruhige Nachmittage, ohne Nebengeräusche. Es ist ein Buch für Leser, die an leisen Tönen, an Tiefe, an schöner Sprache und an der Darstellung der Menschlichkeit interessiert sind.
Fazit: Wortgewand, bildgewaltig, berührend, traurig-schön und tragikomisch. Eine Charakterstudie der besonderen Art aus besonderer Perspektive glaubwürdig erzählt.