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Günter Figals Beiträge zur hermeneutischen Philosophie
Zeitgenössische philosophische Entwürfe lassen sich durch die Art kennzeichnen, mit der sie dem «Ende der Metaphysik» begegnen. Für die einen markiert es die Einführung neuer begrifflicher Währungen, durch die der Sprachschatz der metaphysischen Millennien seinen Wert verliert. Aufmerksamkeit findet nur, was sich in die nun jeweils geltende Münze «nachmetaphysischen Denkens» konvertieren lässt. Für die anderen bezeichnet es keine Entwertung, sondern eine Metamorphose, keinen Exitus, sondern einen Transitus der Metaphysik. Sie möchten in Auseinandersetzung mit dem Fremdgewordenen und Befremdlichen der Tradition einen Denkzusammenhang entstehen lassen, «der die Gegenwart auf das Vergangene verweist und dem Vergangenen die Möglichkeit gibt, das Gegenwärtige aus der Beschränktheit zu führen».
Einem solchen Philosophieren hat sich Günter Figal mit einer Sammlung von Aufsätzen «Der Sinn des Verstehens» verschrieben. Um die Grundsätzlichkeit des Anspruchs zu unterstreichen, nennt er sie «Beiträge zur hermeneutischen Philosophie». Denn Hermeneutik ist für Figal keine philosophische Disziplin neben anderen: Sie ist die Gestalt der Philosophie nach dem Ende der Metaphysik.
Drei Gestalten der Hermeneutik
Wer zu verstehen sucht, möchte Sinn vergegenwärtigen. Solche Vergegenwärtigung kann nicht in einem einzigen Zugriff gelingen. Verstehen vollzieht sich in einem Durchlaufen und Zusammenfassen, Auflösen und Neuordnen der Ansichten. Die Vergegenwärtigung des Sinns, der in einem Gebilde präsent ist, wird allein im zeitlichen Vollzug erfahrbar. Erfahrung des Zeitlichen und Erfahrung einer Präsenz, die nicht zeitlichen Wesens ist, sind laut Figal im Verstehen verschränkt. Er nennt dieses Zusammengehören von Zeit und Präsenz «eigentümlich» und «nicht weiter begründbar». Darin liegt der Grund des Verstehens. Wäre der präsente Sinn ohne zeitlichen Vollzug zu vergegenwärtigen, so verlöre das Verstehen seine Bedeutung. Hermeneutische Philosophie wird daher nach der Lehre des Autors angetrieben durch die Unruhe eines Grundverhältnisses platonischer Metaphysik: des zusammengehörigen Widerspiels von Zeit und Ausserzeitlichem.
Das Zusammengehören von Zeit und Präsenz ist vieldeutig und findet seinen Ausdruck in der Vielheit philosophischer Hermeneutiken. Ihre Protagonisten sind Gadamer, Nietzsche, Benjamin. Gadamers Hermeneutik wirkungsgeschichtlichen Geschehens vertraut auf die Geschlossenheit der Überlieferung. Etwas verstehen heisst hier, etwas als Moment einer Wirkungsgeschichte zu vergegenwärtigen. Die Präsenz des Sinns erscheint als Tradition; sie trägt das Verstehen und schreibt es zugleich fort. Den Texten Nietzsches entnimmt der Autor die Hermeneutik perspektivistischer Integration. In dieser Lesart der Hermeneutik vergegenwärtigt das Verstehen keine in Traditionen sich fortschreibende Wahrheit. Vielmehr präsentiert es nur sich selbst. Das gegenwärtige Verstehen eignet sich das Vergangene an und vollzieht darin die Selbststeigerung deutenden Lebens.
Dagegen wendet die von Figal aus der Philosophie Benjamins extrapolierte Hermeneutik sich ereignender Konstellationen ein, dass der Verstehensvollzug in eine übergreifende Präsenz gehöre. Allerdings begreift sie diese Präsenz als Konstellation von Deutung und Gedeutetem, nicht als stetiges Überlieferungsgeschehen. Wenn Gedeutetes und Deutung in eine günstige Konjunktion treten, wird die verstrichene Zeit gleichsam übersprungen und die Ordnung der zeitlichen Abfolge suspendiert. Diese drei hermeneutischen Verhaltensbestimmungen von Zeit und Präsenz sind laut Figal keiner übergreifenden Einheit einzufügen. Der unverkennbar an Hegel und Heidegger geschulte Autor hofft aber, sie in ihrem notwendigen Zusammengehören begreiflich gemacht zu haben.
Hermeneutische Philosophie im Sinne Figals setzt Motive einer Theorie der Moderne frei. Drei Beiträge der Sammlung bemühen sich, diese Motive mit Hilfe gedanklicher Substanz aus der Philosophie Horkheimers und Adornos zu fixieren. Die Möglichkeit, sich über die eigene Situation zu verständigen, werde in einem bloss technokratisch und kommerziell verstandenen Fortschritt getilgt, in dem das Fremde immer nur als Variation des wesentlich Gleichen erscheinen könne. Dies mache die aufklärerische «Verfangenheit im Fortschreiten» aus. Erst wenn es gelinge, solche Tendenz in einem tieferen Verständnis von Zeit und Präsenz umzukehren, sei Modernität zu ihrem Recht gebracht.
Hermeneutische Kehre
An die Stelle eines erinnerungs- und besinnungslosen Fortschreitens von Zeitpunkt zu Zeitpunkt soll ein Gegenwartsraum treten, wie er sich in der Erfahrung von Kunstwerken erschliesse. «Das Fremde muss und darf fremd bleiben, nur deswegen lernt man das Eigene an ihm. Doch man gewinnt zum Eigenen, indem man seine unwiederholbare Geschichte erfährt, ein freies Verhältnis.» So kommt ein anderes Verständnis von Modernität in Sicht: eines, das sich der «Herrschaft der Zeit» im Fortschreiten nicht bloss ausliefert, sondern sie in dem Austrag des Streits von Zeit und Präsenz zu meistern sucht.
Der letzte Essay der Sammlung bringt die Frage auf, welchen Sinn philosophisches Verstehen überhaupt habe. Er ist Michael Theunissen gewidmet, dem Figals Betrachtungen insgesamt Wesentliches verdanken. Inwieweit man dem philosophischen Logos vertrauen könne, hängt nach Figal davon ab, «ob die Philosophie auch angesichts des schlechterdings Unausdenkbaren noch Bestand hat». Aufschluss über die Frage des Sinns von Philosophie sucht er daher in der Lektüre des platonischen Phaidon, in dem Tod und Unsterblichkeit verhandelt werden. Die Vertrauenswürdigkeit des philosophischen Nachdenkens wird dort den Zweiflern Kebes und Simmias nicht durch Argumente erwiesen. Vielmehr ist es der Ernst des Sokrates, der für sie einsteht. Angesichts des Letzten lässt dieser Ernst erahnen, «dass die philosophische Rede zu verstehen geben will, worüber sie selbst nicht verfügt».
Michael Schefczyk
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