Der Sinn des Lebens. Ein solcher Titel für ein Buch von 158 Seiten ist gewagt, aber auch verlockend. Ein Thema für Verrückte oder für Komiker", wie es im Vorwort heißt. Schon die Widmung "Für Oliver, der die ganze Idee extrem peinlich fand" verrät, dass der Autor Humor hat: als britischer Kulturwissenschaftler natürlich englischen! "Wir gehen gern davon aus, die Endeckung des Lebenssinns sei eine lohnende Sache", schreibt er. "Was, wenn das ein Irrtum wäre? Wenn die Wirklichkeit etwas Ungeheuerliches wäre, dessen Anblick uns zu Stein erstarren ließe?"
"Philosophen haben die ärgerliche Angewohnheit, Fragen nicht zu beantworten, sondern zu analysieren." So steigt Terry Eagleton ein und analysiert, warum die Frage nach dem Sinn des Lebens wieder einmal Konjunktur hat. Das muss wohl an unserer Zeit liegen. Denn die Sinnfrage stellt sich meist, wenn Überzeugungen und Traditionen in eine Krise geraten. So charakterisiert unsere Zeit, dass die symbolische Dimension des Lebens zunehmend aufgegeben oder ins Private verdrängt wird. Es scheint, als ob die Gemeinschaft den Weg verloren hat, wie immer der Einzelne auch dastehen möge. Nicht Werte des Teilens und der Solidarität kennzeichnen unsere Zeit, sondern Streben nach Macht und Profit, wofür Vernunft und Moral funktionalisiert werden. Auf wenigen Seiten wird eine Kulturkritik vom Feinsten geliefert: ob es um Esoterik anstelle von Religion geht, um Sex als Ware, um Kunst als Geldanlage, um Kultur als exotisch verpacktes Touristikhäppchen oder auch das Geplapper anstelle von philosophischer Reflexion.
Mehr Fragen als Antworten
Auch Eagleton gibt keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, sondern kreist sie vorsichtig ein. Dabei geht es ihm auch um die Frage, ob die Sinnfrage Privatsache ist oder ob es einen dem Leben selbst innewohnenden Sinn geben kann. "Möglicherweise besteht der Sinn des Lebens zumindest teilweise auch darin, dass man ihn nicht kennt." Was für ihn durchaus nicht damit gleichzusetzen ist, dass man deshalb die Suche gleich aufgeben muss, da durch sie vieles überhaupt erst entdeckt wird. "Vielleicht ist der Sinn des Lebens etwas so Einfaches wie das Atmen, das ich gerade jetzt tue, ohne mir dessen auch nur im Geringsten bewusst zu sein."
Wohltuend unprätentiös stellt Eagleton mit historischem Bewusstsein fest: "Der Gedanke, ein einzelnes Leben könne einen besonderen Sinn haben, der sich vom Sinn des Lebens aller anderen Mensch unterscheide, hätte nicht viele Anhänger gefunden. Der Sinn eines Lebens bestand weitgehend in seiner Funktion innerhalb eines größeren Ganzen." Leichtfüßig kritisiert er die Beliebigkeit und Gleichgültigkeit der Gegenwart: "Was den Glauben angeht, reist die Postmoderne lieber mit leichtem Gepäck. Sie glaubt so manches, doch hat sie keinen Glauben."
Da Reflexion und Selbstreflexion zu einem erfüllten Leben gehören, macht die Lektüre von Eagletons kleinem Buch über eine abgründige Frage großen Spaß. Ist also der Tod nicht eine Voraussetzung dafür, dass das Leben einen Sinn hat?