Das Buch ist hervorragend geschrieben. Auch kam an keiner Stelle Langeweile auf. Insgesamt habe ich das Buch mit sehr viel Freude und Gewinn gelesen.
Stefan Klein - gemäß Umschlag der erfolgreichste Wissenschaftsautor deutscher Sprache - versucht in seinem Buch den Nachweis zu führen, dass Altruismus gerade aus evolutionärer Sicht vorteilhafter als Egoismus ist. Dazu grenzt er sich zunächst einmal gegenüber gängigen Lehrmeinungen ab, die nachgerade das genaue Gegenteil behaupten (21):
"In der Verhaltensforschung setzte sich während der letzten Jahrzehnte ein Menschenbild durch, das uns als zutiefst eigennützige Wesen beschreibt. Biologen sehen uns auf maximalen Fortpflanzungserfolg programmiert, Evolutionspsychologen auf das Erringen von Status. Ökonomen, die wohl einflussreichsten aller Sozialwissenschaftler, verstanden menschliches Handeln mehrheitlich als Streben nach Bequemlichkeit und Wohlstand. Übereinstimmend beruhten alle Disziplinen auf der Annahme, jeder sei sich selbst der Nächste und Altruismus eine Illusion."
Eine volle Breitseite handeln sich insbesondere die Soziobiologen und Anhänger der
Theorie der egoistischen Gene ein, die gemeinnütziges Sozialverhalten gerne über die sog. Verwandtenselektion zu begründen versuchen (34): "Eine Gruppe von Menschen ist keine Ameisenkolonie, in der alle miteinander verwandt sind. Wer unser Zusammenleben verstehen will, muss erklären, warum wir mit Personen außerhalb der Familie teilen und uns für sie einsetzen. Doch statt sich dieses Problems anzunehmen, diskutieren die Soziobiologen nur über das, das sie mit ihrem Ansatz lösen konnten: der Altruismus innerhalb der Familie."
Damit spricht Stefan Klein ein darwinistisches Problem an, auf das ich mittlerweile recht ungehalten reagiere: Viele menschliche Verhaltensweisen und Phänomene lassen sich mit dem vorhandenen darwinistischen Instrumentarium nicht erklären. Dennoch wird oftmals weiterhin so getan, als sei diese Theorie quasi universell und überall anwendbar.
Stefan Klein hält den menschlichen Altruismus für in der Natur einzigartig (142): "Tiere geben nichts ab." Seine Vermutung ist, dass er wesentlich aus der Not heraus geboren wurde, und zwar bei der Anpassung des Vormenschen an die afrikanische Savannenlandschaft vor etlichen Millionen Jahren (156): "Überleben konnten nur Gemeinschaften, in denen die Menschen für einander einstanden. Solidarität auf allen Ebenen zahlte sich aus. Familien, die besser zusammenhielten als andere, brachten mehr Nachkommen durch. Clans, die sich das Vertrauen ihrer Nachbarn erwarben, konnten eintauschen, was ihnen fehlte. Und Stämme, in denen die Clans ihre Interessen denen des Volkes unterordneten, vergeudeten weniger Kraft mit inneren Querelen."
Dabei sei dem menschlichen Altruismus eine harte Selektion zu Hilfe gekommen. Mehrmals in seiner Geschichte habe der Mensch kurz vor dem Aussterben gestanden. Die Folge davon sei, dass sich alle Menschen auf der Erde genetisch sehr stark ähnelten. Dies gelte aber auch für die Fähigkeit zur Kooperation, die Neigung zum Altruismus und das Empfinden für Fairness (145): "Erwachsene Menschen sind dank der Leistungen ihres Stirnhirns zur Selbstbeherrschung und damit zum reziproken Altruismus imstande. Dieser am höchsten entwickelte Teil des Gehirns ist bei Homo sapiens stärker ausgeprägt als bei jedem anderen Tier."
Er weist darauf hin, dass sich Menschen innerlich gut fühlen, wenn sie Gutes tun. Ein Belohnungssystem im Gehirn sorge nämlich dafür, dass es bei guten Taten nicht nur den Beschenkten besser, sondern vor allem auch dem Schenker selbst gut gehe. Ferner weist Klein darauf hin, dass selbstlose Menschen meist besonders ausgeglichene und angstlose Menschen sind, während das Verhalten von Egoisten stark von Angst geprägt ist. Aus diesem Grund sei die mittlere Lebenserwartung von altruistischen Menschen besonders hoch.
Hier spricht er dann allerdings auf indirekte Weise einen Punkt an, der meiner Meinung nach im Buch zu wenig Beachtung findet. Evolutionsbiologisch lässt sich Altruismus auch als
Handicap und damit wiederum als Stärke interpretieren, ganz so wie dies in der Natur bei ausladenden Pfauenschweifen oder Hirschgeweihen geschieht. Wer sich nämlich Altruismus - als Handicap und ohne unmittelbare Gegenforderung - leisten kann, der muss im Grunde souverän sein. Aus dem gleichen Grund empfinden viele Frauen nutzlose, teure Geschenke (Brillanten, ein Meer aus Rosen, ...) als besonders romantisch, wie Geoffrey F. Miller in
Die sexuelle Evolution. Partnerwahl und die Entstehung des Geistes dokumentiert. Und der generöse Jäger, der bereitwillig einen Teil seiner Beute anderen abgab, war eben auch ein äußerst dominanter Jäger, der sich seiner Fähigkeiten bewusst war und sie zum Zwecke seines höheren Fortpflanzungserfolges zu Nutzen wusste (wie viele Frauen mag er dadurch von sich überzeugt haben?).
In diesem Sinne kann Geben dann manchmal auch aggressive Züge in sich tragen. Viele Menschen fühlen sich abgewertet, wenn andere nur so mit Geld und Gaben um sich werfen. Und auch Beschenkte empfinden eine Beschenkung nicht immer nur als Wohltat. Viele fühlen sich danach schlecht. Der Biologe
Amotz Zahavi berichtet gar von einer Drosselart (die im Buch aber irgendwie nicht auftauchen will), bei der ranghöhere Tiere rangniedrigere füttern und genau darüber etabliere sich dann der gruppeninterne Rang. Der umgekehrte Versuch des rangniedrigeren Individuums wird prompt als unerwünschte Aggression zurückgewiesen. Menschen reagieren im Allgemeinen nicht viel anders. Selbst in Familien etabliert sich üblicherweise eine ganz entsprechende Hierarchie: Wer am meisten geben kann und gibt, der ist der Boss. Deswegen legen Männer ja so viel Wert darauf, der Ernährer zu sein ;-).
Auch ein anderer Punkt wird mir im Buch zu wenig durchleuchtet. Der Mensch ist wohl das einzige Lebewesen, das so etwas wie Eigentum kennt. Bei der gegenseitigen Anerkennung von Eigentum scheint es sich um eine fundamentale menschliche Fähigkeit zu handeln, wird sie doch bereits früh im Kleinkindalter und lange vor dem Geben erprobt, wie auch Stefan Klein zu berichten weiß (138): "Jede noch so geringe Habe verteidigen die Kleinsten mit Gebrüll und, wenn es sein muss, Gewalt."
Erst später in der Entwicklung, wenn die allgemeine Anerkennung von Eigentum geklärt ist, kommt es zum Geben. Dies deutet darauf hin, dass das Geben auch im Rahmen der Menschwerdung ein Folgeschritt war. Und das ist ja irgendwie auch logisch. Denn wenn persönliches Eigentum unantastbar ist, dann kann man es dem anderen nicht gewaltsam oder trickreich entwenden, wie es in der Natur der Standard ist. Dann muss man versuchen, dem anderen zu gefallen, sodass er es freiwillig gibt. Haben, Geben und Handeln beruhen im Grunde auf den gleichen Grundmechanismen.
Stefan Klein hat insgesamt ein sehr lesenswertes Buch geschrieben, dessen positive Botschaft mir jedoch manchmal etwas zu gewollt erschien. Angesichts dessen, dass selbst viele gebildete Menschen es vor nicht allzu langer Zeit noch als ganz normal betrachteten, Sklaven zu haben, sehe ich die Sache deutlich nüchterner. Man macht den Menschen nicht allein dadurch gut, indem man ihn gut redet.