Man kann es sich einfach machen bei der Beschreibung dieses Buches und sagen, es handle von der Rugby Weltmeisterschaft in Südafrika sowie von dem damaligen Präsidenten Nelson Mandela. Ein Mann, der trotz einer langen Zeit im Gefängnis in der Lage war gütig und verzeihend sein Land zu einen. Der triumphale Siegeszug einer Idee der Menschlichkeit. Aber ist das wirklich alles?
Wenn man sich den Inhalt des Buches ansieht, dann verblüfft zunächst einmal die Tatsache, dass nur ca. 1/3 das sportliche Ereignis, dessen Vorbereitung und Umsetzung betrifft. Zwar beginnt das Buch mit einer Beschreibung der morgendlichen Tätigkeiten am Tag des Endspiels von verschiedenen Personen, die für die Geschichte Südafrikas von Bedeutung waren, danach folgt aber ein Blick in die Biografie Mandelas. Historisches und menschliches Verhalten steht im Mittelpunkt. Was für ein Mensch war Mandela als er ins Gefängnis kam? Wie hat dieses ihn verändert? Die zunächst geheimen Verhandlungen mit der Regierung - wie entstanden sie? Wie entwickelten sie sich weiter? Was passierte nach Mandelas Freilassung?
Carlin stellt dabei die unterschiedlichsten Personen vor: Regierungsvertreter, Militärangehörige, Geheimdienstler, aber auch Mitglieder des ANC, Sportler, und andere Persönlichkeiten. Indem er ihre Lebensgeschichte anreißt, gibt er dem Leser die Möglichkeit deren Verhalten, deren Motivation und Ziele, aber auch deren Ängste und Sorgen zu verstehen. Er zeigt den Riss, der durch die Gesellschaft ging. Des Weiteren erzählt er von den turbulenten Jahren bis zur ersten allgemeinen freien Wahl im Jahre 1994. Von dem Blutvergießen in den Townships, auch von der Gefahr durch militante rechte Gruppierungen, die sich auf einen Krieg vorbereiteten. Vor allem aber zeigt er wie Nelson Mandela mit der Situation umgegangen ist, wie er einen Bürgerkrieg verhindert hat:
- Auf Menschen zugehen, Vertrauen aufbauen, eine Kluft überwinden, die unüberbrückbar erscheint. Ein freundliches, gewinnendes Verhalten, Interesse für den anderen, es sind einfache, aber effiziente Methoden. Und dabei bleibt er doch authentisch, wahrt seine Integrität. Ein Mann von starken Überzeugungen, aufrichtig. Vor allem auch ein kluger Stratege, der zu manipulieren weiß.
- Die Integration der weißen Mitarbeiter in seine neue Mannschaft nach der gewonnenen Wahl.
- Und nicht zuletzt die Fähigkeit selbst in den Menschen das Gute zu sehen, die das alte Regime verkörperten.
Die Idee zur Rugby Weltmeisterschaft kam von Arnold Stofile, der 1985 für sein Engagement Südafrika sportlich zu isolieren ins Gefängnis gekommen war. Dem weißen Südafrika, welches so lange unter dem Sportboykott gelitten hat, einen Köder anbieten. Mandela greift diese Idee auf und macht sie sich mit allen Konsequenzen zu Eigen. Scheut auch nicht vor unangenehmen Entscheidungen zurück.
Dank Carlins Darstellung von Nelson Mandela habe ich aber auch einen anderen Aspekt der damaligen Ereignisse wahrgenommen. Dass die Jahre im Gefängnis doch nicht spurlos an ihm vorübergegangen sind, auch wenn er in der Pressekonferenz nach seiner Freilassung etwas anderes gesagt hat. Deutlich wurde dies nach der Verleihung des Friedensnobelpreises, der Mandela und de Klerk gemeinsam zugesprochen wurde. De Klerk gesteht die Ungerechtigkeiten, die durch die Apartheid verübt worden sind, in seiner Dankesrede nicht ein. Mandela, der selber immer bereit war alles zu geben, um auf andere zuzugehen, reagiert mit Unverständnis. Seine Geduld endet und er berichtet schließlich vor den versammelten hochrangigen Gästen in aller Schärfe von den grauenhaften Unmenschlichkeiten des Systems. Die Bitterkeit, die er immer verleugnet hat, bricht in dieser Szene durch. Insofern hat der Kapitän der Springboks, Francois Pienaar, genau die richtigen Worte gefunden, als er von Mandela den Pokal erhielt und diesem erwiderte: "Nein, Mr. President. Ich danke Ihnen für das, was Sie für unser Land getan haben." Der Jubel der Massen und der ausgesprochene Dank für all die Leiden der Vergangenheit.
Der Autor John Carlin war von 1989 bis 1995 Chef des Südafrika-Büros der englischen Zeitung Independent und blieb Land und Leuten auch danach noch verbunden. Dass seine Berufserfahrung in die Darstellung eingeflossen ist, merkt man nicht nur durch die Beschreibung von verschiedenen Pressekonferenzen. Die Idee zu dem vorliegenden Buch baute Carlin nach einer Unterredung mit Mandela aus. Zahlreiche Interviews mit Spielern, Politikern, auch mit Erzbischof Desmond Tutu und anderen folgten. Deren Erzählungen, deren Zitate sind es, die dem Leser die damalige Atmosphäre so authentisch vermitteln. Hinzu kommt eine gelungene Übersetzung, die dem lockeren, aber doch informativen Schreibstil des Autors Rechnung trägt.
MEIN FAZIT:
DER SIEG DES MENSCHEN MANDELA enthält nicht nur die Beschreibung eines sportlichen Triumphes und die Darstellung von geschichtlichen Ereignissen. Es ist auch ein Ratgeber für den Umgang mit Menschen. John Carlin zeigt wie Nelson Mandela seine strategischen Ziele verfolgt hat, wie man Menschen gewinnt, indem man auf sie zugeht und ihnen die Ängste nimmt. Und er zeigt den Menschen Mandela mit all seinen Stärken und Schwächen. Sein Erzählstil ist locker und dennoch informativ. Das Buch ist leicht lesbar. Viele Zeitzeugen kommen zu Wort.
Empfehlenswert!