(Original-Kinoversion)
Es ist sicherlich eine ganz interessante Idee, einen Film, der nahezu ohne visuelle Effekte auskommt und eine scheinbar ganz normale Geschichte erzählt, in 3D zu drehen. So bekommen diese ganzen "normalen" Szenen definitiv mehr räumliche Tiefe und wirken sehr real. Allerdings ist das nicht mehr als eine ganz interessante Idee, denn nichts hätte "Der Sezierer" weniger gebraucht als 3D-Effekte. Vollkommen überflüssig und irgendwie total am (technischen) Thema vorbei. Das aber nur mal nebenbei, denn die Geschichte, die "Der Sezierer" zu erzählen hat, ist weitaus interessanter als das Philosophieren über visuelle Gimmicks. Und wenn dann noch Method Man vom Wu-Tang Clan die Hauptrolle, nämlich einen Leichenbestatter, spielt, weiß man, dass es hier um ganz andere Dinge geht als ein paar raumvertiefende 3D-Effekte.
Das Leben des namenlosen Leichenbestatters (Method Man, "The Wire") ist ähnlich karg wie sein Arbeitsplatz. Er hat kaum soziale Kontakte, ist schweigsam und schüchtern und hat eine Vorliebe für altmodische Klamotten und das Präparieren von Tieren. So bewegt er sich auch fast ausschließlich zwischen der kühlen Leichenhalle und seiner Wohnung hin und her, tagsüber beschäftigt mit menschlichen Leichen, abends mit tierischen Kadavern, und darüber hinaus mit gelegentlichen Besuchen bei einer Prostituierten. Als eine unbekannte weibliche Leiche auf seinem Tisch landet, ist er fasziniert von dem großflächigen Tattoo des Bildes "Die Geburt der Venus" von Botticelli auf ihrem Bauch. Mit diesem Bild sind traurige Erinnerungen für den wortkargen Leichenbestatter verbunden. Zum Nachdenken kommt er allerdings nicht, da er sich erstens um seinen neuen Gehilfen Noah (E.J. Bonilla, "Springfield Story"), den Ex-Knacki auf Bewährung, und zweitens um den in der Leichenhalle auftauchenden Jungen Kane (Cruz Santiago, "Law & Order") kümmern muss, der unbedingt zu der Leiche mit dem großen Tattoo will. Außerdem taucht der local gangster Carver (Dash Mihok, "Kiss Kiss Bang Bang") immer öfter vor den Toren der Leichenhalle auf und fragt nach Kane. Bis der Bestatter die ganzen Fäden, mit denen Noah, Carver, Kane und die tätowierte Leiche verbunden sind, entwirrt hat, steckt er schon mittendrin im Schlamassel, der schnell lebensbedrohlich zu werden scheint. Er muss sich entscheiden... wie üblich den Weg des geringsten Widerstandes und Aufsehens gehen oder sich gerade machen, wenn es nötig ist...
Regisseur Gareth Maxwell Roberts liefert mit "Der Sezierer" erst seinen zweiten Langfilm ab und hat mit ihm einen ruhigen, eindringlichen, aber manchmal auch etwas behäbigen Thriller geschaffen, der diese Bezeichnung so eigentlich nicht verdient. Der Film ist mehr Drama oder vielleicht noch Krimi, denn viel Thrill gibt es hier nicht zu sehen. Das macht aber eigentlich auch nichts, da die Qualitäten von "Der Sezierer" eindeutig woanders liegen. In der Ausstattung zum Beispiel. Allein die an die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts angelehnten Klamotten des Leichenbestatters sind einen Blick wert. Die sterile Kühle der Leichenhalle, in der alles seine Ordnung hat, steht in krassem Gegensatz zu der Welt außerhalb der kalten Mauern der Leichenhalle, in der alles schmutzig, verwahrlost und trostlos erscheint. Verfallene Gebäude, dunkle Ecken, ein brackiger Fluss, Müll, Unrat und Kriminalität... und mittendrin Kane auf der Suche nach etwas, was ihm mehr bedeutet hat als alles andere auf der Welt. Und so gerät der Bestatter schneller in den Sog dieser Welt, die ihm so viel Angst macht und in der er sich nicht wohlzufühlen scheint, als ihm lieb ist und als er jemals gedacht hätte.
Es dreht sich sowieso vieles um das Innenleben der Protagonisten. Was hat der pseudocoole Noah zu verbergen? Wer ist Kane und was will er in der Leichenhalle? Und was will so ein übler Typ wie Carver von dem Kind? Wer ist die junge tote Frau mit dem tätowierten Gemälde auf dem Bauch? Und welches Geheimnis aus der Kindheit des Bestatters ist noch immer ungelöst und wird auch durch die ihn plagenden Erinnerungen nicht gelüftet? Nach und nach lichtet sich der Nebel und die Verbindungen der Protagonisten zueinander werden sichtbar. Im selben Maß nimmt aber auch die Gewalt um sie herum zu, bis sie nicht mehr abzuwenden scheint. Nach 89 Minuten ist die Welt des Bestatters nahezu vollständig auf den Kopf gestellt, aber das muss ja nicht unbedingt etwas Schlechtes sein, wenn man sich sein vorheriges Leben mal so anschaut.
Nahezu gemächlich plätschert "Der Sezierer" so vor sich hin, schafft es aber trotz aller Langsamkeit, nicht zu langweilen. Ein paar kleine Spannungshüpfer sind dem Regisseur gelungen, so dass die Story nie in die Bedeutungslosigkeit abdriftet. Und man stellt fest, dass man mit zunehmender Laufzeit auch wissen möchte, in welcher Verbindung die Protagonisten zueinander stehen und was es so Traumatisches in der Vergangenheit des Bestatters gibt. "Der Sezierer" ist ein ruhiger, aber auch eindringlicher Film, in dem alle ihre Rollen souverän spielen, in dem aber vor allem das leise und präzise Spiel von Method Man auffällt. Man nimmt ihm seine Rolle in jeder Sekunde ab und durch Bart, Brille und die steifen Klamotten ist er auch überhaupt nicht mehr als Rapper zu erkennen. "Der Sezierer" ist ein kleiner, feiner Film, der keine große Geschichte erzählt, aber dennoch etwas zu sagen hat. Man muss sich auf sein Tempo und auf seine Erzählweise einlassen und darf keinen spannungsgeladenen Thriller erwarten, eher eine etwas morbide Sozialstudie mit Krimitouch. Dennoch hätte man die manchmal etwas sehr zähe und sich zu sehr auf ihre Bilder verlassende Story ein wenig straffen können und auch ein wenig mehr Spannung hätte dem Film nicht geschadet. "Der Sezierer" ruft etwas widersprüchliche Gefühle beim Zuschauer hervor... einerseits ist man vom Look und der Zeit, die der Regisseur sich für seine Geschichte und ihre Protagonisten genommen hat, beeindruckt, andererseits kommt man um etwas Langeweile und Ungeduld ob der doch recht behäbig inszenierten Story nicht herum. Deshalb gute drei von fünf Kühlfächern, deren Inhalt so manche Überraschung birgt.