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Der Seidenfächer: Roman
 
 
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Der Seidenfächer: Roman [Taschenbuch]

Lisa See , Elke Link
4.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (40 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Ergreifend bis zum letzten Satz!" (Petra )

„Der bewegende Roman einer großen Frauenfreundschaft im China des 19. Jahrhunderts.“ (Augsburger Allgemeine )

Kurzbeschreibung

Fremd, exotisch, geheimnisvoll – der bewegende Roman einer großen Frauenfreundschaft im China des 19. Jahrhunderts!

China im 19. Jahrhundert: Lilie und Schneerose wachsen in einer Welt auf, in der Mädchen als Last gelten und in der mit dem Binden der Füße auch ihr Herz gefesselt werden soll. Mit siebzehn Jahren werden beide verheiratet. Dank der Geheimschrift Nushu, die nur Frauen vorbehalten ist, gelingt es den Freundinnen, in Kontakt zu bleiben. Zu besonderen Anlässen schreiben sich die beiden Mädchen sogar Gedichte in Nushu auf einen Seidenfächer, der immer zwischen ihnen hin und her wandert. Doch die Sehnsucht nach Liebe, Glück und Freiheit kann ihnen niemand nehmen ...

Klappentext

"Der Seidenfächer ist ein geradezu schmerzhaft schönes Buch, ein wundervoller Einblick in eine geheime Welt, die noch bis vor kurzem genau so in China existierte. Dies ist Lisa Sees bisher bestes Buch: Eine faszinierende und anrührende Geschichte, die den Leser von der ersten Seite gefangen nimmt."
Amy Tan

"Nur den besten Romanciers gelingt, was Lisa See vollbracht hat: Sie hat nicht nur die Figuren, sondern eine ganze Kultur - eine Empfindungswelt, die der unseren so fremd ist - vor unserem inneren Auge erweckt. Hierbei handelt es sich um ein faszinierendes und lückenlos überzeugendes Porträt einer Frau, die durch das Leiden geprägt wird, das man ihr bereits im zarten Alter aufzwingt, sowie um das Porträt einer Freundschaft, die sie am Leben erhält."
Arthur Golden

"Lisa See liefert in ihrem Roman beeindruckende Einblicke in eine geheime Welt, die vor gar nicht langer Zeit noch genauso in China existierten."
Radio ZuSa

Über den Autor

Lisa See, geboren in Paris, aufgewachsen in Los Angeles in Chinatown, entstammt einer chinesisch-amerikanischen Familie. Sie arbeitete dreizehn Jahre lang als Journalistin. Ihr erstes Buch »On Gold Mountain« (dt. »Auf dem Goldenen Berge«, 1997) war ein internationaler Bestseller und erhielt 1995 die »Notable Book«-Auszeichnung der New York Times. Als Kuratorin betreut sie mehrere große Ausstellungen, die sich mit interkulturellen Beziehungen zwischen Amerika und China beschäftigen. Im Jahr 2001 wurde sie von der Organisation Chinesisch-Amerikanischer Frauen als »National Woman of the Year« ausgezeichnet; im Herbst 2003 erhielt sie den »Chinese American Museum´s History Makers Award«. Vor vier Jahren hat sie mit ihrem Roman »Der Seidenfächer« einen Weltbestseller geschrieben. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Los Angeles.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Ich bin, was sie in unserem Dorf »eine, die noch nicht gestorben ist« nennen - eine Witwe von achtzig Jahren. Ohne meinen Mann gehen die Tage langsam vorüber. An den besonderen Speisen, die Päonie und die anderen für mich zubereiten, liegt mir nichts mehr. Auf die vielen glücklichen Ereignisse unter unserem Dach freue ich mich nicht mehr. Mich interessiert allein die Vergangenheit. Nach all dieser Zeit kann ich nun endlich all das aussprechen, was ich früher nicht sagen durfte - als ich noch abhängig von meiner eigenen Familie war oder mich darauf verlassen musste, dass mich die Familie meines Mannes ernährte. Ich habe ein ganzes Leben zu erzählen; zu verlieren habe ich nichts mehr, und es gibt nur noch wenige, die sich daran stoßen könnten.
Ich bin jetzt so alt, dass ich meine guten und meine schlechten Eigenschaften, die häufig ein und dasselbe waren, nur zu gut kenne. Mein ganzes Leben lang habe ich mich nach Liebe gesehnt. Ich wusste, dass es mir - als Mädchen und später als Frau - nicht zustand, geliebt werden zu wollen oder das gar zu erwarten, aber ich tat es dennoch. Diese Anmaßung war letztlich die Wurzel jeden Problems, das ich in meinem Leben hatte. Es war mein Wunschtraum, dass meine Mutter Notiz von mir nehmen und dass sie und der Rest meiner Familie mich endlich lieb haben würden. Um ihre Zuneigung zu gewinnen, war ich folgsam - ganz wie es sich für Angehörige meines Geschlechts geziemte -, aber ich war allzu schnell bereit zu tun, was sie von mir verlangten. In der Hoffnung auf ein kleines bisschen
Freundlichkeit versuchte ich, ihre Erwartungen in mich zu erfüllen - nämlich die kleinsten gebundenen Füße im Landkreis zu bekommen -, und so ließ ich mir die Knochen brechen und in eine schönere Form bringen.
Wenn ich glaubte, die Schmerzen keinen Augenblick länger ertragen zu können, und mir die Tränen auf meine blutigen Bandagen tropften, flüsterte mir meine Mutter sanft ins Ohr, sprach mir Mut zu, noch eine weitere Stunde, noch einen Tag, noch eine Woche durchzuhalten, und sie erinnerte mich daran, wie ich belohnt würde, wenn ich es noch ein klein wenig länger schaffte. Auf diese Weise brachte sie mir bei, etwas zu erdulden- nicht nur die körperlichen Qualen beim Füßebinden oder Gebären, sondern auch den noch größeren Schmerz des Herzens, des Geistes und der Seele. Sie machte mich auch auf meine Schwächen aufmerksam und brachte mir bei, sie zu meinen Gunsten zu nutzen. In unserem Land nennen wir diese Art von Mutterliebe teng ai. Mein Sohn hat mir erklärt, in der Männerschrift besteht das Wort aus zwei Zeichen. Das erste steht für Schmerz, das zweite für Liebe. So ist die Liebe einer Mutter.
Das Füßebinden veränderte nicht nur meine Füße, sondern auch meine ganze Persönlichkeit. Irgendwie kommt es mir vor, als hätte dieser Prozess mein ganzes Leben hindurch angedauert. Aus einem nachgiebigen Kind wurde ein entschlossenes Mädchen, und später wurde aus einer jungen Frau, die fraglos alles befolgte, was ihre Schwiegereltern von ihr verlangten, die höchstrangige Frau im ganzen Landkreis, die für die strenge Einhaltung der Regeln und Gebräuche im Dorf sorgte. Mit vierzig war dann die Starrheit meiner Fußbandagen von meinen goldenen Lilien hinauf in mein Herz gewandert, das sich so sehr an Ungerechtigkeiten und Groll festhielt, dass ich denen, die ich liebte und die mich liebten, nicht mehr verzeihen konnte.
Meine einzige Rebellion vollzog sich in Form des Nushu, unserer geheimen Frauenschrift. Ich begegnete ihr zum ersten
Mal, als mir Schneerose - meine laotong, meine »Weggefährtin«, meine Geheimschrift-Brieffreundin - den Seidenfächer schickte, der hier vor mir auf dem Tisch liegt, und dann wieder, nachdem ich Schneerose kennen gelernt hatte. Doch unabhängig davon, was für ein Mensch ich in Gesellschaft von Schneerose war, ich war entschlossen, eine achtbare Ehefrau, eine lobenswerte Schwiegertochter und eine gewissenhafte Mutter zu sein. In schlechten Zeiten war mein Herz so fest wie Jade. Ich besaß die innere Stärke, Tragödien und Sorgen standzuhalten. Doch hier bin ich nun - eine Witwe, die nur noch stillsitzt, wie es die Tradition vorschreibt - und begreife, dass ich zu viele Jahre lang blind war.
Bis auf die drei schrecklichen Monate im fünften Jahr der Herrschaft des Kaisers Xianfeng habe ich mein Leben in Frauengemächern im oberen Stockwerk verbracht. Ich habe zwar den Tempel besucht, ich bin in mein Elternhaus gefahren, ich habe sogar Schneerose besucht, aber ich weiß wenig über das äußere Reich. Ich habe Männer von Steuern, Dürre und Aufständen reden hören, aber diese Themen sind ganz weit weg von meinem Leben. Ich beschäftige mich mit Sticken, Weben, Kochen, der Familie meines Mannes, meinen Kindern, meinen Enkeln, meinen Urenkeln und Nushu. Mein Leben ist völlig normal abgelaufen - erst die Tochtertage, die Tage des Haarehochsteckens, die Reis-und-Salz-Tage, und nun das Stillsitzen.
Hier bin ich denn also ganz allein mit meinen Gedanken und diesem Seidenfächer vor mir. Wenn ich ihn aufnehme, liegt er merkwürdig leicht in meinen Händen, wo er doch so viel Freude und so viel Kummer enthält. Ich lasse ihn schnell aufklappen, und das Geräusch der einzelnen Falten dabei erinnert mich an ein flatterndes Herz. Erinnerungen ziehen vor meinen Augen vorbei. In diesen letzten vierzig Jahren habe ich ihn so oft gelesen, dass ich alles darin auswendig weiß wie ein Kinderlied.
Ich erinnere mich an den Tag, an dem die Heiratsvermittlerin ihn mir gegeben hat. Meine Finger zitterten, als ich die Falten aufzog. Damals zierte eine einfache Girlande aus Blättern den oberen Rand, und nur eine einzige Nachricht tröpfelte die erste Falte hinunter. Zu der Zeit kannte ich noch nicht viele Nushu-Zeichen, deshalb las mir meine Tante den Text vor. »Es heißt, in deinem Haus gibt es ein Mädchen von gutem Charakter, das sich auf die weiblichen Künste versteht. Du und ich, wir sind im selben Jahr und am selben Tag geboren. Wollen wir Weggefährtinnen sein?« Wenn ich heute die zarten Striche betrachte, aus denen diese Zeilen bestehen, sehe ich nicht nur das Mädchen, das Schneerose war, sondern auch die Frau, die aus ihr werden sollte - beharrlich, offen, aufgeschlossen.
Mein Blick streift über die anderen Falten des Fächers. Ich sehe unseren Optimismus, unsere Freude, unsere gegenseitige Bewunderung, die Versprechen, die wir uns gaben. Ich sehe, wie diese einfache Girlande schließlich ein kompliziertes Muster aus miteinander verschlungenen Schneerosen und Lilien wurde, um unser gemeinsames Leben als ein Paar laotong darzustellen, als zwei Weggefährtinnen. Rechts oben in der Ecke ist der Mond, der auf uns herabscheint. Wir sollten wie lange Ranken mit verschlungenen Wurzeln werden, wie Bäume, die eintausend Jahre stehen, wie ein Paar Mandarinenten, die ein Leben lang zusammenbleiben. In eine Falte schrieb Schneerose: »Wir sind einander zugetan und wollen unser Band niemals durchtrennen.« Aber in einer anderen Falte sehe ich Missverständnisse, gebrochenes Vertrauen und eine endgültig zugeschlagene Tür. Für mich war die Liebe ein so wertvoller Besitz, dass ich sie mit niemandem teilen konnte, und so trennte sie mich am Ende von dem einen Menschen, der meine Weggefährtin war.
Ich lerne immer noch über die Liebe. Ich dachte, ich hätte sie verstanden - nicht nur die Mutterliebe, sondern auch die Liebe zu den Eltern, dem Ehemann und der laotong. Ich habe die anderen Arten von Liebe erfahren - mitleidige Liebe, respektvolle Liebe, dankbare Liebe. Aber wenn ich mir unseren geheimen Fächer mit seinen Botschaften anschaue, die Schneerose und ich uns im Laufe vieler Jahre geschrieben haben, sehe ich, dass ich die allerwichtigste Liebe nicht zu schätzen wusste - die Liebe aus tiefstem Herzen.
In den letzten Jahren habe ich für viele Frauen, die nie Nushu gelernt haben, ihre Lebensgeschichte niedergeschrieben. Ich habe jeder Trauer und jeder Klage gelauscht, jeder Ungerechtigkeit und jeder...

Auszug aus Der Seidenfächer von Lisa See, Elke Link. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Stillsitzen

Ich bin, was sie in unserem Dorf »eine, die noch nicht gestorben ist« nennen – eine Witwe von achtzig Jahren.
Ohne meinen Mann gehen die Tage langsam vorüber. An den besonderen Speisen, die Päonie und die anderen für mich zubereiten, liegt mir nichts mehr. Auf die vielen glücklichen Ereignisse unter unserem Dach freue ich mich nicht mehr. Mich interessiert allein die Vergangenheit. Nach all dieser Zeit kann ich nun endlich all das aussprechen, was ich früher nicht sagen durfte – als ich noch abhängig von meiner eigenen Familie war oder mich darauf verlassen musste, dass mich die Familie meines Mannes ernährte. Ich habe ein ganzes Leben zu erzählen; zu verlieren habe ich nichts mehr, und es gibt nur noch wenige, die sich daran stoßen könnten.
Ich bin jetzt so alt, dass ich meine guten und meine schlechten Eigenschaften, die häufig ein und dasselbe waren, nur zu gut kenne. Mein ganzes Leben lang habe ich mich nach Liebe gesehnt. Ich wusste, dass es mir – als Mädchen und später als Frau – nicht zustand, geliebt werden zu wollen oder das gar zu erwarten, aber ich tat es dennoch. Diese Anmaßung war letztlich die Wurzel jeden Problems, das ich in meinem Leben hatte.
Es war mein Wunschtraum, dass meine Mutter Notiz von mir nehmen und dass sie und der Rest meiner Familie mich endlich lieb haben würden. Um ihre Zuneigung zu gewinnen, war ich folgsam – ganz wie es sich für Angehörige meines Geschlechts geziemte –, aber ich war allzu schnell bereit zu tun, was sie von mir verlangten. In der Hoffnung auf ein kleines bisschen Freundlichkeit versuchte ich, ihre Erwartungen in mich zu erfüllen – nämlich die kleinsten gebundenen Füße im Landkreis zu bekommen –, und so ließ ich mir die Knochen brechen und in eine schönere Form bringen.
Wenn ich glaubte, die Schmerzen keinen Augenblick länger ertragen zu können, und mir die Tränen auf meine blutigen Bandagen tropften, flüsterte mir meine Mutter sanft ins Ohr, sprach mir Mut zu, noch eine weitere Stunde, noch einen Tag, noch eine Woche durchzuhalten, und sie erinnerte mich daran, wie ich belohnt würde, wenn ich es noch ein klein wenig länger schaffte. Auf diese Weise brachte sie mir bei, etwas zu erdulden – nicht nur die körperlichen Qualen beim Füßebinden oder Gebären, sondern auch den noch größeren Schmerz des Herzens, des Geistes und der Seele. Sie machte mich auch auf meine Schwächen aufmerksam und brachte mir bei, sie zu meinen Gunsten zu nutzen. In unserem Land nennen wir diese Art von Mutterliebe teng ai. Mein Sohn hat mir erklärt, in der Männerschrift besteht das Wort aus zwei Zeichen. Das erste steht für Schmerz, das zweite für Liebe. So ist die Liebe einer Mutter.
Das Füßebinden veränderte nicht nur meine Füße, sondern auch meine ganze Persönlichkeit. Irgendwie kommt es mir vor, als hätte dieser Prozess mein ganzes Leben hindurch angedauert. Aus einem nachgiebigen Kind wurde ein entschlossenes Mädchen, und später wurde aus einer jungen Frau, die fraglos alles befolgte, was ihre Schwiegereltern von ihr verlangten, die höchstrangige Frau im ganzen Landkreis, die für die strenge Einhaltung der Regeln und Gebräuche im Dorf sorgte. Mit vierzig war dann die Starrheit meiner Fußbandagen von meinen goldenen Lilien hinauf in mein Herz gewandert, das sich so sehr an Ungerechtigkeiten und Groll festhielt, dass ich denen, die ich liebte und die mich liebten, nicht mehr verzeihen konnte.
Meine einzige Rebellion vollzog sich in Form des Nushu, unserer geheimen Frauenschrift. Ich begegnete ihr zum ersten Mal, als mir Schneerose – meine laotong, meine »Weggefährtin«, meine Geheimschrift-Brieffreundin – den Seidenfächer schickte, der hier vor mir auf dem Tisch liegt, und dann wieder, nachdem ich Schneerose kennen gelernt hatte. Doch unabhängig davon, was für ein Mensch ich in Gesellschaft von Schneerose war, ich war entschlossen, eine achtbare Ehefrau, eine lobenswerte Schwiegertochter und eine gewissenhafte Mutter zu sein. In schlechten Zeiten war mein Herz so fest wie Jade. Ich besaß die innere Stärke, Tragödien und Sorgen standzuhalten.
Doch hier bin ich nun – eine Witwe, die nur noch stillsitzt, wie es die Tradition vorschreibt – und begreife, dass ich zu viele Jahre lang blind war.
Bis auf die drei schrecklichen Monate im fünften Jahr der Herrschaft des Kaisers Xianfeng habe ich mein Leben in Frauengemächern im oberen Stockwerk verbracht. Ich habe zwar den Tempel besucht, ich bin in mein Elternhaus gefahren, ich habe sogar Schneerose besucht, aber ich weiß wenig über das äußere Reich. Ich habe Männer von Steuern, Dürre und Aufständen reden hören, aber diese Themen sind ganz weit weg von meinem Leben. Ich beschäftige mich mit Sticken, Weben, Kochen, der Familie meines Mannes, meinen Kindern, meinen Enkeln, meinen Urenkeln und Nushu. Mein Leben ist völlig normal abgelaufen – erst die Tochtertage, die Tage des Haarehochsteckens, die Reis-und-Salz-Tage, und nun das Stillsitzen.
Hier bin ich denn also ganz allein mit meinen Gedanken und diesem Seidenfächer vor mir. Wenn ich ihn aufnehme, liegt er merkwürdig leicht in meinen Händen, wo er doch so viel Freude und so viel Kummer enthält. Ich lasse ihn schnell aufklappen, und das Geräusch der einzelnen Falten dabei erinnert mich an ein flatterndes Herz. Erinnerungen ziehen vor meinen Augen vorbei. In diesen letzten vierzig Jahren habe ich ihn so oft gelesen, dass ich alles darin auswendig weiß wie ein Kinderlied.
Ich erinnere mich an den Tag, an dem die Heiratsvermittlerin ihn mir gegeben hat. Meine Finger zitterten, als ich die Falten aufzog. Damals zierte eine einfache Girlande aus Blättern den oberen Rand, und nur eine einzige Nachricht tröpfelte die erste Falte hinunter. Zu der Zeit kannte ich noch nicht viele Nushu-Zeichen, deshalb las mir meine Tante den Text vor. »Es heißt, in deinem Haus gibt es ein Mädchen von gutem Charakter, das sich auf die weiblichen Künste versteht. Du und ich, wir sind im selben Jahr und am selben Tag geboren. Wollen wir Weggefährtinnen sein?« Wenn ich heute die zarten Striche betrachte, aus denen diese Zeilen bestehen, sehe ich nicht nur das Mädchen, das Schneerose war, sondern auch die Frau, die aus ihr werden sollte – beharrlich, offen, aufgeschlossen.
Mein Blick streift über die anderen Falten des Fächers. Ich sehe unseren Optimismus, unsere Freude, unsere gegenseitige Bewunderung, die Versprechen, die wir uns gaben. Ich sehe, wie diese einfache Girlande schließlich ein kompliziertes Muster aus miteinander verschlungenen Schneerosen und Lilien wurde, um unser gemeinsames Leben als ein Paar laotong darzustellen, als zwei Weggefährtinnen. Rechts oben in der Ecke ist der Mond, der auf uns herab scheint. Wir sollten wie lange Ranken mit verschlungenen Wurzeln werden, wie Bäume, die eintausend Jahre stehen, wie ein Paar Mandarinenten, die ein Leben lang zusammenbleiben. In eine Falte schrieb Schneerose: »Wir sind einander zugetan und wollen unser Band niemals durchtrennen.« Aber in einer anderen Falte sehe ich Missverständnisse, gebrochenes Vertrauen und eine endgültig zugeschlagene Tür. Für mich war die Liebe ein so wertvoller Besitz, dass ich sie mit niemandem teilen konnte, und so trennte sie mich am Ende von dem einen Menschen, der meine Weggefährtin war.
Ich lerne immer noch über die Liebe. Ich dachte, ich hätte sie verstanden – nicht nur die Mutterliebe, sondern auch die Liebe zu den Eltern, dem Ehemann und der laotong. Ich habe die anderen Arten von Liebe erfahren – mitleidige Liebe, respektvolle Liebe, dankbare Liebe. Aber wenn ich mir unseren geheimen Fächer mit seinen Botschaften anschaue, die Schneerose und ich uns im Laufe vieler Jahre geschrieben haben, sehe ich, dass ich die allerwichtigste Liebe nicht zu schätzen wusste – die Liebe aus tiefstem Herzen.
In den letzten Jahren habe ich für viele Frauen, die nie Nushu gelernt haben, ihre Lebensgeschichte niedergeschrieben. Ich habe jeder Trauer und jeder Klage gelauscht, jeder Ungerechtigkeit und jeder Tragödie. Ich habe die unglücklichen Leben derjenigen aufgezeichnet, die ein elendes Schicksal ereilte. Ich habe alles gehört und alles aufgeschrieben. Aber wenn ich auch viel über die Geschichten von Frauen weiß, so weiß ich über die Geschichten von Männern fast nichts, außer dass gewöhnlich ein Bauer dazugehört, der gegen die Natur kämpft, ein Soldat in der Schlacht oder ein einsamer Mann auf einer inneren Suche. Wenn ich mein eigenes Leben betrachte, sehe ich, dass es Elemente der Geschichten von Frauen und Männern enthält.
Ich bin eine bescheidene Frau mit den üblichen Klagen, aber im Inneren kämpfte ich eine Art Männerschlacht zwischen meiner wahren Natur und dem Menschen, der ich hätte sein sollen.
Ich schreibe diese Seiten für diejenigen, die im Jenseits wohnen. Päonie, die Frau meines Enkels, hat versprochen, dafür zu sorgen, dass sie bei meinem Tode verbrannt werden, damit meine Geschichte jene erreicht, bevor mein Geist es tut. Meine Worte mögen meine Handlungen erklären – meinen Vorfahren, meinem Mann, aber in der Hauptsache Schneerose, bevor ich sie alle wieder begrüße.

Tochterjahre

Milchjahre

Mein Name ist Lilie. Ich kam am fünften Tag des sechsten Monats des dritten Jahres der Herrschaft von Kaiser Daoguang auf diese Welt. Mein Heimatdorf Puwei liegt im Landkreis Yongming, dem Landkreis der ewigen Helligkeit. Die meisten Menschen, die hier leben, stammen vom Volk der Yao ab. Von den Geschichtenerzählern, die in meiner Kindheit durch Puwei zogen, hörte ich, dass die Yao zur Zeit der Tang-Dynastie in diese Gegend einwanderten, also vor zwölfhundert Jahren. Die meisten Familien kamen aber ein Jahrhundert später, sie waren auf der Flucht vor den Mongolenarmeen, die in den Norden einmarschierten. Die Leute hier waren zwar nie reich, aber wir waren selten so arm, dass die Frauen auf den Feldern arbeiten mussten.
Wir gehörten der Familie Yi an, die eine ganz alte Yao-Sippe und in dieser Gegend sehr verbreitet war. Mein Vater und mein Onkel hatten sieben mou Land von einem reichen Grundbesitzer gepachtet, der tief im Westen der Provinz lebte. Sie bauten dort Reis, Baumwolle, Taro und Getreide an. Das Haus meiner Familie war insofern typisch, als es zwei Stockwerke besaß und nach Süden ausgerichtet war. Ein Zimmer oben war den Zusammenkünften der Frauen vorbehalten und diente den unverheirateten Mädchen als Schlafraum. Zimmer für jede Familieneinheit und ein eigener Raum für unsere Tiere flankierten den Hauptwohnraum im Erdgeschoss, wo mit Eiern oder Orangen gefüllte Körbe und zum Trocknen aufgefädelte Chilis am Balken in der Mitte aufgehängt waren, um sie vor Mäusen, Hühnern oder auch einem umherstreifenden Schwein zu schützen. An einer Wand stand ein Tisch mit Hockern. In der Ecke gegenüber befand sich eine Feuerstelle, an der Mama und Tante kochten. In unserem Hauptwohnraum hatten wir keine Fenster, deshalb ließen wir in den warmen Monaten die Tür zu der Gasse vor unserem Haus offen, damit Licht und Luft hereinkamen. Die restlichen Zimmer waren klein, der Boden bestand aus festgestampfter Erde, und, wie gesagt, unsere Tiere lebten bei uns.
Ich habe nie weiter darüber nachgedacht, ob ich als Kind glücklich war oder mich vergnügte. Ich war ein ganz normales Mädchen, das in einer ganz normalen Familie in einem ganz normalen Dorf wohnte. Ich hatte keine Ahnung, dass es noch eine andere Art zu leben geben könnte, und ich machte mir auch gar keine Gedanken darüber. Aber ich erinnere mich an den Tag, an dem ich plötzlich bewusst wahrnahm, was mich umgab, und darüber nachzudenken begann. Ich war gerade fünf geworden und hatte das Gefühl, ich wäre über eine hohe Schwelle getreten. Ich wachte kurz vor Sonnenaufgang auf und verspürte so eine Art Kitzeln im Hirn. Diese kleine Irritation machte mich sensibel für alles, was ich an diesem Tag sah und erlebte.
Ich lag zwischen Älterer Schwester und Dritter Schwester. Ich warf einen Blick auf die andere Seite zum Bett meiner Cousine hinüber. Schöner Mond, die so alt war wie ich, schlief noch, also blieb ich still liegen und wartete darauf, dass sich meine Schwestern rührten. Ich hatte das Gesicht Älterer Schwester zugewandt, die vier Jahre älter war als ich. Wir schliefen zwar im selben Bett, aber ich lernte sie erst wirklich gut kennen, als mir die Füße gebunden wurden und ich selbst ins Frauengemach kam. Ich war froh, dass ich Dritte Schwester nicht sah. Sie war schließlich ein Jahr jünger als ich, und deshalb fand ich, sie sei viel zu unbedeutend, um einen Gedanken an sie zu verschwenden. Meine Schwestern verehrten mich sicher auch nicht gerade, aber die Gleichgültigkeit, die wir an den Tag legten, war nur eine Maske, um unsere wahren Wünsche zu verbergen. Jede Einzelne von uns wollte von Mama wahrgenommen werden. Jede Einzelne von uns wetteiferte um Babas Aufmerksamkeit. Jede Einzelne von uns hoffte, jeden Tag etwas Zeit mit Älterem Bruder verbringen zu dürfen, denn als erster Sohn war er das wertvollste Familienmitglied. Auf Schöner Mond war ich nicht so eifersüchtig. Wir waren gute Freundinnen und froh, dass unser Leben miteinander verknüpft sein würde, bis wir beide verheiratet würden.
Wir vier sahen einander sehr ähnlich. Wir hatten alle schwarze, kurz geschnittene Haare, wir waren sehr dünn und beinahe gleich groß. Unterscheidungsmerkmale hatten wir nur wenige. Ältere Schwester hatte einen Leberfleck über dem Mund. Dritte Schwester hatte die Haare immer in kleinen Büscheln hochgebunden, weil sie es nicht leiden konnte, wenn Mama sie kämmte. Schöner Mond hatte ein hübsches rundes Gesicht, während ich stramme Beine vom Rennen und kräftige Arme vom Herumtragen meines kleinen Bruders hatte.
»Mädchen!«, rief Mama über die Treppe zu uns herauf.
Das genügte, um die anderen zu wecken und uns alle aus dem Bett zu holen. Ältere Schwester zog sich rasch an und ging hinunter. Schöner Mond und ich brauchten etwas länger, weil wir nicht nur uns, sondern auch Dritte Schwester ankleiden mussten. Dann gingen wir zusammen nach unten, wo Tante den Boden fegte, Onkel ein Morgenlied sang, Mama – mit Zweitem Bruder auf dem Rücken – gerade das letzte Wasser zum Kochen in den Teekessel goss und Ältere Schwester Lauchzwiebeln für den Reisbrei schnitt, den wir Congee nennen. Meine Schwester warf mir einen gelassenen Blick zu, den ich so verstand, dass sie an diesem Morgen bereits die Anerkennung meiner Familie bekommen hatte und nun für den Rest des Tages sicher war. Ich verbarg meinen Groll, ohne zu begreifen, dass ihre vermeintliche Selbstzufriedenheit eher die freudlose Resignation war, die meine Schwester nach ihrer Verheiratung an den Tag legen sollte.
»Schöner Mond! Lilie! Kommt her! Kommt her!«
Meine Tante begrüßte uns jeden Morgen so. Wir rannten zu ihr hin. Tante gab Schöner Mond einen Kuss und klopfte mir liebevoll auf den Po. Dann rauschte Onkel herein, nahm Schöner Mond in die Arme und küsste sie. Nachdem er sie wieder abgesetzt hatte, zwinkerte er mir zu und zwickte mich in die Wange.
Du kennst doch das alte Sprichwort, dass schöne Menschen immer schöne Menschen und begabte Menschen begabte heiraten? An diesem Morgen kam ich zu dem Schluss, dass Onkel und Tante zwei hässliche Menschen waren und deshalb perfekt zusammenpassten. Onkel, der jüngere Bruder meines Vaters, hatte O-Beine, eine Glatze und ein rundes, glänzendes Gesicht. Tante war mollig, und ihre Zähne ragten hervor wie Steinzacken aus einer Karsthöhle. Ihre gebundenen Füße waren nicht sonderlich klein, vielleicht vierzehn Zentimeter lang, also doppelt so groß, wie meine Füße später einmal werden sollten. Böse Zungen in unserem Dorf behaupteten, dies sei der Grund, weshalb Tante – die aus einer gesunden Familie stammte und breite Hüften hatte – nie einen Sohn austragen konnte. Solche Vorwürfe hörte ich zu Hause nie, nicht einmal von Onkel. Für meine Begriffe führten sie eine ideale Ehe: Er war eine liebevolle Ratte, und sie war ein pflichtbewusster Ochse. Tag für Tag sorgten sie für Glück in unserem Heim.
Meine Mutter hingegen hatte sich bis jetzt noch nicht anmerken lassen, dass sie meine Anwesenheit zur Kenntnis genommen hatte. Das war so, seit ich denken konnte, aber an diesem Tag spürte ich ihre Missachtung deutlich. Ich wurde ganz melancholisch, und die Freude, die ich eben noch mit Tante und Onkel empfunden hatte, war zu meiner Verblüffung sofort wie weggeblasen. Doch gleich darauf verschwand dieses Gefühl so schnell, wie es gekommen war, denn Älterer Bruder, der sechs Jahre älter war als ich, rief mich, damit ich ihm bei seinen morgendlichen Pflichten half. Da ich im Jahr des Pferdes geboren wurde, bin ich natürlich immer gerne im Freien, aber noch wichtiger war mir, dass ich Älteren Bruder ganz für mich allein haben konnte. Ich wusste, dass ich mich glücklich schätzen durfte und meine Schwestern mir das übel nehmen würden, doch das war mir egal. Wenn er mit mir redete oder mich anlächelte, dann fühlte ich mich nicht unsichtbar.
Wir rannten nach draußen. Älterer Bruder zog Wasser aus dem Brunnen hoch und füllte unsere Eimer. Wir trugen sie zurück ins Haus und machten uns gleich wieder auf, um Feuerholz zu sammeln. Wir legten alles auf einen Haufen, dann lud mir Älterer Bruder die Arme mit kleineren Ästen voll. Er nahm den Rest, und wir machten uns auf den Heimweg. Zu Hause reichte ich Mama die Stöcke, in der Hoffnung, sie würde mich loben. Immerhin ist es gar nicht so einfach für ein kleines Mädchen, einen Wassereimer zu schleppen oder Feuerholz zu tragen. Aber Mama sagte gar nichts. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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