Es wurde in einer früheren Rezension bereits gesagt: auch das viel geliebte Original mit Raimund Harmstorf in der Hauptrolle war nicht original.
Möglicherweise hatte ich das Glück den "alten" Seewolf mehrmals zu sehen.
Zum ersten MAl sah ich ihn als Kind, ohne das Buch von Jack London zu kennen. Zum zweiten Mal sah ich ihn als Jugendlicher, der das Buch von Jack London gelesen hatte, weil er den Film gesehen hatte, und zum dritten Mal sah ich ihn als Erwachsener, der alle Bücher von Jack London gelesen hatte, weil er das erste Buch gelesen hatte. Der Ur-Seewolf war keinesfalls original. Der Drehbuchautor Walter Ulbrich verquickte - wenn auch auf schlüssige und kreative Art und Weise - verschiedene Erzählungen Londons zu einer Geschichte, für die allerdings der "Seewolfroman" den Rahmen bildete. Erzählungen,wie zum Beispiel "Frisco Kid", "Abenteuer des Schienenstrangs" und "Martin Eden" flossen zusammen und ergaben eine für die damalige Zeit übliche, neue Interpretation des Hauptwerks.
Die vielschichtige Persönlichkeit des Seewolfs kam im "Original" allerdings kaum zur Geltung. Die im Roman vorhandene Intellektualität des Protagonisten ging im "Original" völlig unter und wurde an den Gentleman "Van Weyden" delegiert. Die Persönlichkeit von Larsen - wenn auch Harmstorf hervorragend spielte - wurde gängigen Klischees geopfert, nach denen Intellektualität und körperliche Stärke nicht vereinbare Widersprüche bilden.
Wolf Larson, wie er von London beschrieben wurde, war eine seltsame Synthese aus roher Kraft, ungebrochenem Individualismus und und merkbar autodidaktisch erarbeiteten Wissen. Genau das konnte Harmstorf nicht spielen - er war der starke Unterdrücker, der rohe Kartoffeln in der Hand zerquetschte. Zu keiner Zeit wurde der "originale" Seewolf der Romanvorlage gerecht. Unglücklicherweise kannte allerdings kaum jemand Londons zerrüttete Charaktere. Im Original war Van Weyden weder der körperlichen Kraft von Larsen gewachsen, noch seiner hart erarbeiteten Intellektualität. Van Weyden war ein Gentleman, der seine Daseinsberechtigung NUR aus seinem Dasein schöpfte. Schon in dieser Beziehung hat der "originale" Seewolf komplett die Pointe verpasst. Larsen war Van Weyden in intellektueller und physischer Hinsicht weit überlegen. Genau das brachte London - wie er es in zig anderen Romanen auch tat -auf den Punkt: die (damals) herrschende Klasse herrscht nur, weil man ihr dieses Privileg in die Wiege gelegt hat, nicht aber weil sie physisch oder intellektuell dazu in der Lage ist.
Genau an dieser Pointe ging das "Original" komplett vorbei, indem es Larsen zu einem überstarken Brutalo machte, der geitig nicht viel zu bietenb hatte und dem Gentleman "Van Weyden" intellektuelle Fähigkeiten verlieh, welche dieser im Roman gar nicht hatte. Im Rahem der Filmhandlung entstanden zwei Pole: Van Weyden und Wolf Larsen. Während der Erste für Klugheit und Schwäche stand, verkörperte der Zweite nur rohe Kraft.
Und genau das hat der viel gelobte Weihnachtsvierteiler nicht auf die Reihe bekommen: er hat den Hauptakteuren nicht die Charakterzüge verliehen, die London im Sinne hatte. In der Romanvorlage war Van Weyden ein nichtsnutziger Gentleman, der es weder an Kraft noch an Intellektualität mit Larsen aufnehmen konnte.
Genau das hat die Neuverfilmung aber geschafft: sie hat Larsen nicht auf einen naiven Rohling reduziert, sondern ihm auch eine glaubwürdige Aura der Intellektualität verliehen, die mich im ersten Teil wirklich fesselte. Die Dialoge zwischen Weyden und Larsen fand ich richtig gut. Ich war quasi begeistert, dass man Nietzsche und Darwin mal als angenehme Kost serviert bekommt.
Dann kam aber der zweite Teil. Ich weiß nicht was da passiert ist. Die guten Dialoge des ersten Teils machten albernen Romanzen Platz, und die letzte Szene, in der das Liebespaar in den Sonnenuntergang hinein segelt, ist nichts weniger als lächerlich.
Das macht es schwer eine Wertung abzugeben. Teil 1 war klasse und brachte den Charakter des "Seewolf" besser rüber als das "Original". Teil 2 war eine echte Enttäuschung.
Kretchmann fand ich sehr überzeugend - Harmstorf hätte man den messerscharfen Verstand von Wolf Larsen nicht abgenommen - Kretschmann schon.
Wieso der zweite Teil so schwach wurde weiß ich beim besten Willen nicht.
Ich war gefesselt und begeistert von Teil 1 und hatte bei Teil 2 nur noch Fragezeichen in den Augen.