Wie die Vorrezensentin bin auch ich begeistert von diesem Buch, das eine herrlich lesbare Geschichte mit gut recherchiertem Zeithintergrund liefert und noch weit mehr.
Die Handlung startet in einem interessanten Setting, der Frankfurter "Irrenanstalt" im Jahre 1853. Erzählt wird zunächst aus der Perspektive des Anstaltsleiters, Dr. Heinrich Hoffmann, Autor des vielgeschmähten "Struwwelpeter". Hoffmann hat eine neue Patientin namens Pauline Franck zu diagnostizieren, die unter "Melancholie mit fixem Wahn" leidet. (Man zweifelt zu keinem Zeitpunkt, daß die Autorin hier echte historische Begriffe verwendet.) Hoffmanns teils gräßliche und gräßlich schief gehenden Versuche, Pauline Franck zu heilen oder ihr wenigstens zu helfen, bilden zu Anfang des Romans den Hintergrund, vor dem in Rückblenden Hoffmanns vorheriges Leben sowie die tragische Geschichte der Patientin und ihrer Familie erzählt wird. Da gibt es Pauline selbst, die nach dem Tode des Vaters ins Waisenhaus gegeben wird, von einer Mutter, die glaubt, daß ihr das nichts ausmacht. Es gibt den Bruder Theo, der es in einer reichen Pflegefamilie nur scheinbar besser getroffen hat, sowie später die Fabrikantenfamilie Dürlemann, bei der Pauline fast zehn Jahre als Kindermädchen arbeitet. Die für sich schon romaneske Geschichte der Eheleute Dürlemann wird sich mit Paulines und Theos Schicksal und mit Hoffmanns auf unheilvolle Weise verbinden, doch das ahnt der Leser,' wenigstens ich,' lange nicht. Mit dem Stoff, den Berger hier zu einem Buch kondensiert hat, würden andere Autoren wohl drei Romane füllen.
Die pralle Familiensaga wird stilistisch glatt und leichtfüßig-lakonisch erzählt, mit liebevoller Gestaltung auch der Nebenfiguren. Selbst diejenigen Charaktere, die in manchen Szenen hart an der Karikatur wirken, sind niemals eindimensional. Man kann ihren Blickwinkel und ihre Gefühle nachvollziehen und sie wirken nie lächerlich. Das liegt auch daran, daß die Erzählstimme oft geradezu in die Perspektive der verschiedenen Personen hineinkriecht. In dem Roman passiert viel und er ist auch zeitgeschichtlich interessant, doch die innere, psychologische Zeichnung und Entwicklung der Figuren ist in Wahrheit seine größte Stärke.
Irgendwann verdichten sich die von Anfang an genährten Ahnungen, daß hier noch etwas höchst Dramatisches geschehen wird. Das letzte Drittel kann man getrost als Krimi bezeichnen, an dessen Ende Berger wirklich alle Erzählfäden zusammenführt. Und wenn man denkt: Hier ist es vorbei, setzt Berger dreimal hintereinander jeweils noch eine neue Wendung obenauf. Daher ist das Ende in diesem Roman besonders befriedigend. Daß sich am Schluss eine humoristisch formulierte "Entschuldigung der Autorin" findet, in der Berger klarstellt, was an dem Roman historisch ist und was nicht, bleibt ebenfalls positiv anzumerken. Ein Beizettel mit einer Liste der Personen samt Verwandtschaftsverhältnissen lässt sich gut als Lesezeichen verwenden.
Fazit: Man kann nur zuraten. Für Menschen, die sonst nur Bildzeitung lesen, ist das Buch mit gut 450 Seiten zu dick und zu hintergründig. Alle anderen werden den Roman verschlingen.