Klappentext
Eine vollkommen neue Sicht auf einen Angelpunkt des mittelalterlichen Europa: Die Pest von 1348, der Dreiviertel der Bevölkerung zum Opfer fiel, war nicht nur die größte geschichtliche Katastrophe, sondern auch der Auslöser einer technologischen und gesellschaftlichen Erneuerung, die bis heute andauert.Das Jahr 1348 war eine Wasserscheide' für Europa: durch die Pest - den Schwarzen Tod' - sank die Bevölkerung auf etwa ein Viertel; eine Katastrophe, die sich nie wiederholte und die auch keine Vorgänger hatte. Das letzte Buch des amerikanischen Historikers Herlihy ist eine jener legendären universitären Gastvorlesungen, in denen bedeutende Wissenschaftler Auskünfte über ihre Lebensart geben. Herlihy gelingt dies glänzend. In drei Kapiteln untersucht er den radikalen Einschnitt durch den Schwarzen Tod'. Zuerst die medizinischen Probleme: Welche Krankheit verbarg sich wirklich hinter dem Schwarzen Tod' (und war er AIDS vergleichbar)? Wie kam es zur massenhaften Verbreitung und welche gesellschaftlichen Voraussetzungen haben sie gefördert? Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit den überraschenden Folgen der Epidemie: Die wenigen übrig gebliebenen Menschen wollten höhere Löhne - ein Modernisierungsausdruck, der zu vielen neuen Universitäten und umwälzenden Erfindungen führte, bis hin zum Buchdruck. Das Schlußkapitel ist den sich entwickelnden neuen Weisen des Verhaltens und Denkens gewidmet: Der Vervielfachung der Pilgerzahl entsprach der wachsende Argwohn gegenüber möglichen Pestverbreitern - Juden, Fremde, Andere. Den Kindern wurden neue Namen gegeben, neue Heilige wurden ausgerufen, Klassentrennungen durchbrochen, nationale Kulturen gestärkt. Ein höchst anregendes, vielseitiges, interdisziplinäres Buch: die Pest nicht nur als Katastrophe, sondern als Auslöser einer grundlegenden Erneuerung, die bis heute anhält.Leseprobe:Der Schwarze Tod von 1348 und die folgenden Epidemien waren die verheerendsten Naturkatastrophen, die Europa jemals heimgesucht haben. Genau lassen sich die Verlust nicht beziffern; es gibt keine globalen Zahlenangaben. Aber auch in so weit auseinander liegenden Gegenden wie England und Italien ging die Bevölkerung um 70 bis 80 Prozent zurück. Je mehr wir über den spätmittelalterlichen Zusammenbruch der Bevölkerungszahlen erfahren, um so schrecklicher wirkt er. Um 1420 kann Europa kaum mehr als ein Drittel an Menschen gezählt haben als noch hundert Jahre früher. Der Schwarze Tod war zugleich aber auch die letzte Umweltkatastrophe in dieser gewaltigen Größenordnung, die der europäische Kontinent zu ertragen hatte. Die Epidemien der modernen Geschichte wirken geradezu harmlos, verglichen mit dem Furor des Schwarzen Todes. Die beiden hervorstechendsten Merkmale des spätmittelalterlichen Bevölkerungzusammenbruchs können aber nicht unabhängig voneinander gesehen werden. Die verheerenden Seuchen bewirkten nämlich eine Reaktion in der Gesellschaft, welche die Gemeinschaft der Europäer bis heute vor vergleichbaren Katastrophen bewahrt hat. In der letzten Zeit haben die großen Epidemien des Mittelalters verstärkt die Aufmerksamkeit der Historiker gefunden. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum Teil entspringt es dem zeitgenössischen Bemühen der Historiker, von der Vergangenheit mehr zum Leben zu erwecken als ihre Vorgänger; im Idealfall möchten sie die gesamte Umwelt vergangener Epochen, ihre Lebenssituation in toto, rekonstruieren. Bei dieser Suche nach der totalen Geschichte beziehen sie natürlich das kulturelle Klima ein, in das der Einzelne eingebettet war. Aber auch die physische Umwelt fordert Beachtung. Welche Wechselwirkung bestand zwischen menschlichen Gemeinschaften und ihrer natürlichen Umgebung? Worin bestanden die ökologischen Systeme der Vergangenheit? In allen Systemen menschlicher Ökologie spielen unbestreitbar Mikroorganismen eine ausschlaggebende Rolle, und auch mikrobische Parasiten haben eine Geschichte - gewiß eine dunkle, aber eine, die mit der Geschichte ihrer menschlichen Wirte auf das Engste verknüpft ist. Sodann verdankt sich das gegenwärtige Interesse für vergangene Seuchen zu einem guten Teil auch den heutigen Bemühungen um die öffentliche Gesundheit. Vor hundert Jahren erklärte die große Bakteriologe Louis Pasteur: "Heute steht es in der Macht des Menschen, alle parasitären Erkrankungen von der Erde zu tilgen." Die Wissenschaft, die Pasteur begründen half, brachte es zu spektakulären Erfolgen. Aber der Sieg erweist sich heute nicht als total - die mikrobiotischen Legionen stellen sich als unerwartet widerstandsfähig heraus. Noch vor kurzem galten die Schilderungen von mittelalterlichen Epidemien, wie sie im großen Lagerhaus der Geschichte gespeichert sind, als belanglos für das moderne Leben. Aids hat sie wieder belangvoll gemacht: Wie verhalten sich die Menschen, wenn die Umwelt lebensbedrohlich wird? Hier kann die Geschichte dienen; denn sie erinnert sich, wie vergangene Gesellschaften die Drohung der mors repentina, des jähen Todes, bestanden haben."Herlihys Fragestell
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
David Herlihy (1930 - 1991) lehrte Geschichte zuerst in Wisconsin, danach in Harvard und zuletzt an der Brown University. Er war Präsident der American Historical Association und Träger zahlreicher internationaler Auszeichnungen.