Wenn amerikanische Autoren Wissenschaftsthriller schreiben (so wie das Duo Preston/Child), dann verbanne ich beim Lesen meinen Wissenschaftssinn in eine ganz kleines Kämmerchen und genieße einfach nur den Spannungsbogen, den diese Autoren um wenige aber meist differenzierte Charaktere aufbauen können. Denn meist ist der wissenschaftliche Teil dieser Thriller so krude, dass man besser nicht darüber nachdenkt. Etwas ähnliches hatte ich von dem deutschen Autor Frank Schätzings bei seinem Roman "Der Schwarm" erwartet, aber ich wurde auf nicht gerade unangenehme Art und Weise enttäuscht. Zwar haucht Schätzing seinen Charakteren nicht ganz so viel Leben ein, wie die meisten amerikanischen Autoren (sie bleiben eher blass und bis auf wenige klischeehafte Verhaltensmuster austauschbar) aber dafür schlägt er mit geologischem und biologischem Wissen derart zu, dass es nur so rauscht.
Schätzings großer Verdienst bei diesem Roman ist, dass er zahlreiche tatsächlich existierende oder zumindest diskutierte Phänomene zusammenträgt: Tiefseeforschung, Riesenkraken, Geräusche aus der Tiefsee, tödlich giftige Bakterien, Methanablagerungen und deren Bedeutung für die Plattentektonik etc etc. das ganze zusammen mixt und mit viel wissenschaftlichem Gespür weiter entwickelt. Er schafft damit einen phantastischen Storyhintergrund, der bei aller Phantasie immer haarscharf am Rande der wissenschaftlichen Realität bleibt. Wie viel Arbeit Schätzing in seine Recherchen gesteckt hat zeigt sich alleine schon in seiner Danksagung am Ende des Buches. Da können sich andere Autoren von Wissenschaftsthrillern eine Scheibe abschneiden. Und für alle, die jetzt besorgt sind, die Geschichte könnte ihr Wissen/Verständnis überfordern: Schätzing schafft es in beispielhafter Art und Weise selbst komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge, die für seine Story wichtig sind in für jeden Verständliche Sätze zu packen. Da könnte sich manch ein Wissenschaftsjournalist eine Scheibe abschneiden.
Aber Schätzing geling nicht nur eine glaubhafte sondern auch noch eine über den ersten Teil des Buches unglaublich spannende Story, die dem Leser zunächst keinen Atem lässt, außer um vielleicht mal im Internet zu recherchieren, was von Schätzings Ideen nun real und was Fiktion ist. Leider schwächelt das Buch dann in der zweiten Hälfte ein wenig. Es sind noch nicht einmal die langen Gedankenspiele, die man sich tatsächlich so oder ähnlich vorstellen kann, wenn Wissenschaftler neue Theorien entwickeln, als die verzweifelten Versuche Schätzings, seinen Charakteren doch noch Leben einzuhauchen. Der traurige Höhepunkt ist der Selbstfindungstrip einer der Hauptpersonen, der sich über 50 Seiten zieht und während dem die eigentliche Story keinen Schritt vorwärts kommt. Ich muss zugeben, ich habe schließlich dreissig Seiten dieses Trips überblättert und dort weitergelesen, wo die Story weitergeht. Es hat dem Gesamtbild überhaupt nicht geschadet und man musste die auf diesen Seiten geschilderten Ereignisse offensichtlich nicht kennen, um den Rest des Buches zu verstehen, das zum Ende hin dann auch wieder ordentlich an Fahrt und Spannung gewann.
Hätte Schätzing sich und dem Leser die erwähnten langatmigen Passagen erspart, hätte ich dem Buch ohne Bedenken 5 Sterne gegeben. Aber offensichtlich wollte er unbedingt die 1000 Seiten voll bekommen, und deshalb gibt es auch nur vier Sterne, die sind aber völlig verdient.