Es gibt ein ganze Anzahl Schwanensee-Gesamtaufnahmen, darunter hervorragende, aber auch durchschnittliche. Wo liegen die Unterschiede? Wie findet man die richtige Aufnahme, die dem eigenen Geschmack und Bedürfnis (z.B. Hörfassung/Tanzfassung) entspricht? Da ich einige Schwanensee-CDs habe, möchte ich bei der Findung gern etwas behilflich sein.
Eins vorweg: Gesamtaufnahmen sind keinesfalls immer komplett. Ebenso wie die meisten Schwanensee-Balletts nicht immer vollständig im Sinne des Komponisten/Librettisten sind. Manch eine "Gesamtaufnahme" entspricht also eher der Vollständigkeit einer bestimmten Ballett-Inszenierung als der Originalpartitur.
Bonynge:
Diese Aufnahme (National Philharmonic Orchestra, 1975) ist die längste Fassung (neben Svetlanov), die ich kenne. Exzellente Tonqualität. Glasklarer, himmlischer Klang der Harfe (rechtes Ohr). Mincho Minchev spielt elegisch die Solo-Violine, z.B. beim Russischen Tanz. Bonynge nutzt nahezu das komplette musikalische Spektrum: verträumt (Pathos) bis dynamisch-explosiv (typisch philharmonisch). Auch sind die Tempi generell - sogar innerhalb der einzelnen Stücke - auffallend abwechslungsreich. Ballettkennern wird der Appendice I im sogenannten Schwarzen Schwan abgehen, und zwar der "Pas de deux" (4 Nummern im 3. Akt), welcher gewöhnlich auf "No. 19 Pas de six" folgt (ohne: 156 Minuten). Hierzu weiche man ggf. auf die 3er-Box (dort Gesamtaufnahme mit 165 Minuten) von Richard Bonynge aus ("Ballette" mit Schwanensee, Dornröschen, Nussknacker); dort ist die Schwanensee-Aufnahme tatsächlich komplett. Eine becken- und bläsergewaltige Offenbarung. 4 Sterne.
Brandenburger Symphoniker (Matthias Förster):
Aufgenommen 1994. Erinnert etwas an Sawallisch. Es fehlen No. 9 und No. 14 (Schwanensee-Themamelodie). Diese sind gewöhnlich identisch mit No. 10, welche vorhanden ist und zügig gespielt wird. Von den 3 Anfangs-Szenen im 2. Akt fehlt die letzte. Bei No. 13 fehlen ganze drei Nummern. Im Schwarzen Schwan (3. Akt) fehlen die 4 Nummern des Pas de deux. Im 4. Akt fehlt der Tanz der kleinen Schwäne. Damit es dem Laien nicht gleich auffällt, hat der Russische Tanz (sonst Appendix 2) die Nr. 27 erhalten. Dieser fällt mit 4:51 Minuten von allen Versionen am längsten aus. Den Solo-Violinisten (Bruno Merse) würde ich -- wenn das nur so einfach ginge -- sofort in die Version von Sawallisch tauschen. Bei No. 19 fehlt eine von 5 Variationen. Im Coda des "Pas de trois" wurde 2 x eine Note verändert. Zwischen den einzelnen Tracks oftmals ungünstig lange Verbindungspausen. Unterm Strich und bei leider so vielen fehlenden Nummern (12!) eine an sich überflüssige Aufnahme. Hervorragende Bläser. 3 Sterne.
Dorati:
Eine beliebte und legendäre Aufnahme aus dem Jahre 1954. Es war die allererste "Gesamtaufnahme" des Schwanensees überhaupt. Aber auch hier fehlt im 3. Akt der Pas de deux, denn kurz nach der Aufnahme war man schlauer. Erst mit der Wissenschaftlichen Gesamtausgabe der Werke Tschaikowskys wurde Schwanensee 1958 für die Öffentlichkeit in der Originalgestalt wieder zugänglich. Dorati verzichtet in dieser Aufnahme außerdem bewusst auf Wiederholungen. Solo-Geige: Rafael Druian. Tanzbar.
Wichtig: Es handelt sich um eine Aufnahme noch in MONO! Wem Stereo also wichtig ist, muss eine andere Wahl treffen. 4 Sterne.
Dutoit:
Orchestre symphonhique de Montréal, 1991. Unter seiner Leitung wurde dieses Orchester nach Meinung der Fachkritik zu einem der weltbesten Ensembles. Im Grunde eine komplette Gesamtaufnahme. Es ist nicht weiter tragisch, dass "No. 14 Scene (Moderato)" im 2. Akt fehlt. Hierzu weiche man einfach auf "No. 10 Scene (Moderato)" aus (ist ja identisch, also nur eine Wiederholung der Schwanensee-Themamelodie). Offensichtlich passte dieses letzte Stück vom 2. Akt nicht mehr auf Disc 1. Und auf Disc 2 wollte man es wohl nicht nehmen, damit der 3. und 4. Akt für sich bleiben. Des Weiteren ist zwar unter No. 13 der 3. Walzer aufgeführt, aber nicht enthalten (weil mit den beiden vorhergehenden Walzern identisch). Es wurden hier und da ein paar Stücke in einem CD-Track untergebracht, was die gezielte Anwahl erschwert (ebenso bei Ozawa) -- dies kann aber auch die programmierte Wiederholung von zusammenhängenden Abschnitten erleichtern. Chantal Juillet spielt zart die Solo-Geige. Ebenfalls schönes Harfenspiel. Dutoit und Lanchbery haben unterm Strich die gleiche Gesamtspielzeit, wobei Lanchbery die entscheidenden, ruhigen Nummern etwas mehr auskostet. Bonynge und Ozawa sind anregend, Dutoit wirkt eher beruhigend, harmonisierend und strahlt eine auffallend wohlige Wärme (durch nahe Celli/Kontrabässe) aus. 154 Minuten Gesamtspielzeit. Einzigartig und von Kennern geliebt. 5 Sterne.
Fedosejew:
Aufnahme aus dem Jahre 1985, Moskau. Großes Rundfunksinfonie-Orchester der UdSSR. Russisch, allerdings deutlich gemäßigter (eben symphonischer) als Svetlanov. Der Pas de deux (Appendix) nach "No. 19 Pas de six" fehlt hier. Alle Volkstänze im 3. Akt sind enthalten. Die Version von Svetlanov (ebenfalls von "Melodia", 1988) ist um Längen interessanter und viel besser als die von Wladimir Fedosejew -- allein schon von den Solisten her. 3er-CD-Box. 4 Sterne.
Fedotov:
Mariinsky Theatre Symphony Orchestra (Kirov), 1994. Bezaubernde Tanzfassung der 1895er-Kurzversion von Schwanensee unter dem Dirigat von Victor Fedotov (135 Min.). Näheres: Siehe bitte unter Gergiev. 5 Sterne.
Gergiev:
Leider fehlt hier der "Russische Tanz" im 3. Akt. Ausgerechnet der dürfte aber bei einer "russischen" Schwanensee-Version (Orchestra of the Marinsky Theatre, 2006) nicht fehlen: das virtuose Geigen-Solo. Des Weiteren wurden etliche Umstellungen der Nummern (sogar in verschiedene Akte hinein) vorgenommen, offensichtlich der Abfolge einer Ballet-Inszenierung entsprechend (DVD: Lopatkina/Koruntsev), die sich an der kürzeren, revidierten Festlegung aus dem Jahre 1895 orientiert statt an der im Westen üblichen und deutlich längeren Abfolge aus dem Jahre 1877. Etliche Kürzungen; aber auch Erweiterungen sind enthalten im letzten Akt, z.B. der Valse bluette (Walzer der schwarzen und weißen Schwäne), abgeleitet von einer Klaviermusik Tschaikowskys -- gehört aber nicht zum Original. Temperamentvoller Czardas und flotte Mazurka.
Der Pas d'action (Adagio) bei Valery Gergiev hingegen mit einer unübertroffenen Länge von 9:10 Minuten, was sogar bei visuellem Faktor (DVD) eigenartig zeitlupenhaft anmutet. Es gilt für diese Festlegung insgesamt die Version von Victor Fedotov (dort 7:34 Minuten) als eindeutig bessere und umfangreichere Alternative; dort finden sich auch der Russische Tanz und 3 weitere Auslassungen dieser Version als Extra. Tanzfassung. 3 Sterne.
Lanchbery:
Philharmonia Orchestra. John Lanchbery ist der bekannte Dirigent des weltberühmten Balletts mit Rudolf Nurejev und Margot Fonteyn auf DVD. Hier andere, hervorragende Aufnahme (1982) -- wie Sawallisch von EMI Classics und diesem vorzuziehen. Allerdings fehlen im 2. Akt 2 Tracks: No. 10 und No. 14. Es handelt sich hierbei um Wiederholungen der Themamelodie. So muss man sich z. B. mit der treibend (Szene: Jagdfieber) gespielten No. 9 begnügen. Bei No. 13 wurde des Weiteren der 3. Walzer (VI) weggelassen, der ja ohnehin mit den anderen beiden identisch wäre (so auch bei Dutoit). Eine Aufnahme, wo die Mazurka deutlich flotter gespielt wird (gewöhnlich viel zu schleppend für mein Musikempfinden). Die Walzer hingegen sind von allen Versionen die langsamsten und ballettigsten. Beste westliche Tanzfassung -- ausdrucksstark und facettenreich. 153 Minuten. Überaus gelungene Orchesterführung. Hochrangige Solisten. 5 Sterne.
Ozawa:
Eine Aufnahme aus dem Jahre 1978 mit dem Boston Symphony Orchestra. Ihm gelingt es, einen vielschichtigen, schillernden Klangteppich zu erzeugen. Ab und zu muss man allerdings die Lautstärke regulieren, da er tendenziell zu deutlichen Leise-laut-Schwankungen in den einzelnen Nummern neigt (extrem wuchtig/brachial/martialisch), was dem ungetrübten Genuss etwas abträglich ist. Seiji Ozawa war ein Schüler von Herbert von Karajan und Leonard Bernstein. Diese hohe Schule, die ihn zweifellos geprägt hat, erklärt wohl diese heftigen orchestralen Steigerungen/Ausbrüche. Joseph Silverstein spielt die erste Geige. Sein Geigen-Solo ist brillant, gefühlvoll und obertonreich, z.B. in der Danse russe im 3. Akt. Das ist Virtuosität! Kräftige, sonore Kontrabässe. Es fehlt leider Appendice I im 3. Akt (Schwarzer Schwan), d.h.: "Pas de deux": * Introduction, Moderato -- Andante; * Variation I Allegro moderato; * Variation II Allegro; * Coda Allegro molto vivace. Ozawas einzelne Musiknummern sind im Durchschnitt um die 12 Sekunden länger im Vergleich zu Rozhdestvenskys. Dennoch handelt es sich auch hierbei nur um eine Hörfassung (150 Minuten). 4 Sterne.
Pletnev:
Leider ohne Danse russe im 3. Akt. Auch der Pas de deux im selben Akt (4 Nummern) fehlt. Russian National Orchestra. Damals -- im Jahre 2009 -- hätte man inzwischen wissen müssen, dass bei Gesamtaufnahmen immer mehr auf Vollständigkeit Wert gelegt wird. Aber es existieren ohnehin andere russische Aufnahmen mit mehr Struktur und Niveau. (Dafür ist Mikhail Pletnev aber bei der Gesamtaufnahme von "Sleeping Beauty" für mich der unumstrittene 5-Sterne-Sieger der Hörfassungen.) 3 Sterne.
Previn:
Aufnahme aus dem Jahre 1976 unter dem Dirigat des bekannten Jazz- und Filmmusikers. 155 Minuten Gesamtspielzeit.
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