Es gibt ein ganze Anzahl Schwanensee-Gesamtaufnahmen, darunter hervorragende, aber auch durchschnittliche. Wo liegen die Unterschiede? Wie findet man die richtige Aufnahme, die dem eigenen Geschmack und Bedürfnis (z.B. Hörfassung/Tanzfassung) entspricht? Da ich einige Schwanensee-CDs habe, möchte ich bei der Findung gern etwas behilflich sein.
Eins vorweg: Gesamtaufnahmen sind keinesfalls immer komplett. Ebenso wie die meisten Schwanensee-Balletts nicht immer vollständig im Sinne des Komponisten/Librettisten sind. Manch eine "Gesamtaufnahme" entspricht also eher der Vollständigkeit einer bestimmten Ballett-Inszenierung als der Originalpartitur.
R. Bonynge:
Diese Spitzenaufnahme (National Philharmonic Orchestra, 1975) gilt als tanzbarer (auch bei anderen Ballettaufnahmen hat Bonynge den Ruf erworben, "realistisch" spielen zu lassen) als die von Dutoit oder Ozawa. Tatsächlich ist sie die ballettigste (längste) Fassung, die ich kenne. Exzellente Tonqualität. Glasklarer, himmlischer Klang der Harfe. Mincho Minchev spielt elegisch die Solo-Violine, z.B. beim Russischen Tanz. Bonynge versteht es, das komplette musikalische Spektrum auszuschöpfen -- verträumt (Pathos) bis sehr dynamisch (typisch philharmonisch). Ballettkennern wird der Appendice I im sogenannten Schwarzen Schwan abgehen, und zwar der "Pas de deux" (4 Nummern im 3. Akt), welcher gewöhnlich auf "No. 19 Pas de six" folgt. Hierzu weiche man ggf. auf die 3er-Box (Gesamtaufnahme) von Richard Bonynge aus (mit Schwanensee, Nussknacker, Sleeping Beauty); dort ist die Schwanensee-Aufnahme tatsächlich komplett. Ein Becken-"Virtuose" meint es speziell im 1. Akt vielleicht manchmal ein wenig zu gut (über Kopfhörer). Perkussionisten mögen das möglicherweise anders sehen/hören. Wie auch immer -- es handelt sich um eine exquisite Tanzfassung. Überaus harmonische und facettenreiche Spielweise. 5 Sterne.
Brandenburger Symphoniker:
Teilweise werden klebrig zähe Tempi gewählt (so ganz sicher nicht im Sinne des Komponisten), und das in Nummern, die üblicherweise fließend oder sogar lebendig gespielt werden (müssen). Es geht einfach nicht vorwärts. Die Interpretation mutet mitunter eigenwillig an. Den heiteren Nummern geht manchesmal die Spritzigkeit und das gewisse Etwas ab. Im Schwarzen Schwan (3. Akt) fehlen die 4 Nummern des Pas de deux. 3 Sterne.
Dorati:
Eine beliebte und legendäre Aufnahme aus dem Jahre 1954. Es war die allererste "Gesamtaufnahme" des Schwanensees überhaupt. Aber auch hier fehlt im 3. Akt der Pas de deux, denn kurz nach der Aufnahme war man schlauer. Erst mit der Wissenschaftlichen Gesamtausgabe der Werke Tschaikowskys wurde Schwanensee 1958 für die Öffentlichkeit in der Originalgestalt wieder zugänglich. Dorati verzichtet in dieser Aufnahme außerdem bewusst auf Wiederholungen. Die Oboe ist vielleicht ein wenig gewöhnungsbedürftig. Solo-Geige: Rafael Druian. Tanzbar.
Wichtig: Es handelt sich um eine Aufnahme noch in MONO! Wem Stereo also wichtig ist, muss eine andere Wahl treffen. 4 Sterne.
Dutoit:
Orchestre symphonhique de Montréal, 1991. Unter seiner Leitung wurde dieses Orchester nach Meinung der Fachkritik zu einem der weltbesten Ensembles. Im Grunde eine komplette Gesamtaufnahme. Es ist nicht weiter tragisch, dass "No. 14 Scene (Moderato)" im 2. Akt fehlt. Hierzu weiche man einfach auf "No. 10 Scene (Moderato)" aus (ist ja identisch, also nur eine Wiederholung der Schwanensee-Themamelodie). Offensichtlich passte dieses letzte Stück vom 2. Akt nicht mehr auf Disc 1. Und auf Disc 2 wollte man es wohl nicht nehmen, damit der 3. und 4. Akt für sich bleiben. Des Weiteren wurden hier und da mehrere Stücke in einem CD-Track untergebracht, was für die gezielte Anwahl nachteilig ist. Chantal Juillet spielt virtuos die Solo-Geige. Ebenfalls wunderschönes Harfenspiel. Die Tempi sind fließend und unterscheiden sich von denen Ozawas nur um ca. 5 Sekunden. Dieser kostet die meisten Nummern besser aus, Dutoit die der Schwanensee-Themamelodie. Bei Ozawa ist mehr Raffinesse (phantastische Kopfhörer-Version) und ein Gespür für Nuancierung gegeben, Dutoit ist vergleichsweise eleganter und symphonischer. Bonynge und Ozawa sind anregend, Dutoit wirkt eher beruhigend, harmonisierend und strahlt eine wohlige Wärme (Celli/Bässe) aus. Perfekt ausbalancierte Stereo-Abmischung. 5 Sterne.
Gergiev:
Leider fehlt hier der "Russische Tanz" im 3. Akt. Ausgerechnet der dürfte aber bei einer "russischen" Schwanensee-Version (Orchestra of the Marinsky Theatre) nicht fehlen: das virtuose Geigen-Solo. Des Weiteren wurden etliche Umstellungen der Nummern (sogar in verschiedene Akte hinein) vorgenommen, offensichtlich der Abfolge einer Ballet-Inszenierung entsprechend (DVD: Lopatkina/Koruntsev). Aber auch eine Erweiterung ist enthalten (Interpolation 2 im letzten Akt): der Valse bluette (Walzer der schwarzen und weißen Schwäne), abgeleitet von einer Klaviermusik Tschaikowskys -- gehört aber nicht zum Original. Ruhige (typisch russisch), tanzbare Aufnahme. 3 Sterne.
John Lanchbery:
Er ist der bekannte Dirigent des berühmten Balletts mit Rudolf Nurejev und Margot Fonteyn. Hier andere, hervorragende Aufnahme. Allerdings fehlen im 2. Akt 2 Tracks. Gelungene Orchesterführung. 4 Sterne.
Ozawa:
Eine Aufnahme aus dem Jahre 1978. Ihm gelingt es, einen vielschichtigen, schillernden Klangteppich zu erzeugen. Ab und zu muss man allerdings aufspringen und die Lautstärke regulieren, da er tendenziell zu deutlichen Leise-laut-Schwankungen in den einzelnen Nummern neigt (dynamisch/philharmonisch). Bei Rozhdestvensky und Dutoit sind solche Regulierungen nicht nötig. Ozawa war ein Schüler von Herbert von Karajan und Leonard Bernstein. Diese hohe Schule hat ihn zweifellos geprägt. Joseph Silverstein spielt die erste Geige. Sein Geigen-Solo ist virtuos, brillant, gefühlvoll und obertonreich. Zum Niederknien schön z.B. die Danse russe im 3. Akt. Er ist wohl nicht zu toppen. Kräftige, sonore Kontrabässe. Es fehlt leider Appendice I im 3. Akt (Schwarzer Schwan), d.h.: "Pas de deux": * Introduction, Moderato -- Andante; * Variation I Allegro moderato; * Variation II Allegro; * Coda Allegro molto vivace. Ozawas einzelne Musiknummern sind im Durchschnitt um die 13 Sekunden länger im Vergleich zu Rozhdestvenskys. Das macht diese Aufnahme ballettiger. Und tatsächlich, oft möchte man zu tanzen beginnen. 5 Sterne.
Mikhail Pletnev:
Leider ohne Danse russe im 3. Akt. Auch der Pas de deux im selben Akt (4 Nummern) fehlt. Wie schade! Russian National Orchestra. 3 Sterne. (Dafür ist er aber bei der Gesamtaufnahme von "Sleeping Beauty" der 5-Sterne-Sieger.)
Andre Previn:
Aufnahme aus dem Jahre 1976. Im Tempo sind die einzelnen Musiknummern um 4 bzw. 8 Sekunden durchschnittlich schneller als bei Dutoit bzw. Ozawa. Ausnahmen (oder das Gegenteil) gibt es aber auch. Die Solo-Geige spielt die berühmte Ida Haendel, unterstützt durch das renommierte London Symphony Orchestra. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 5 Sterne.
Gennady Rozhdestvensky:
Auf dieser Doppel-CD (USSR RTV Large Symphony Orchestra, 1969) -- sie ist derzeit leider vergriffen -- wird die Originalpartitur berücksichtigt, also einschließlich Pas de deux im "Schwarzen Schwan" des 3. Aktes (4 zusätzliche Musiknummern) und dem anschließenden Russischen Tanz (Violin-Solo). Wunderbare tiefe Streicher und im Timbre etwas zigeunerhaft klingende Solo-Geige (Mikhail Chernyakhovsky). Diese Aufnahme ist eine wohlklingende Hörfassung (großes Radio-Orchester); für diesen Zweck sind die Tempi optimal gewählt. Genuss pur. Wer diese Aufnahme besitzt, kann sich glücklich schätzen und benötigt eigentlich keine andere. Sie ist eine echte Gesamtaufnahme und verdient wirklich 5 Sterne.
Sawallisch:
Philadelphia Orchestra, aufgenommen 1993. Sehr beliebt und schön. Manchmal recht getragen gespielt (z.B. der Ungarische Tanz) und auch sonst deutlich langsamer als bei Ozawa (durchschnittlich um die 12 Sekunden). Sawallisch spielt das Werk wie ein einziges Ganzes, Ozawa überrascht eher mit gut modulierten Einzelstücken -- überspitzt ausgedrückt. Harfe und Violine (etwas "chinesisches" Geigen-Timbre) werden virtuos beherrscht. Das Beste an dieser Version ist wohl das grandiose Finale. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 5 Sterne.
Tilson Thomas:
Enthält den Russischen Tanz. Für meinen Geschmack vielleicht ein wenig bläserlastig.
Mark Ermler:
Orchestra of the Royal Opera House. Mit Danse russe. Die Streichinstrumente kommen gut heraus.