Zunächst einmal: Ich habe tiefe Sympathie für alle, die dieses Buch aus persönlicher Betroffenheit lesen. Es mögen Menschen sein, die in christlichen Gemeinden Kälte, Überlastung, Moralismus und Vereinsamung erlebt haben. Ich behaupte mal, das sind sicher eine ganze Menge Leute.
Dass das Buch "Der Schrei Wildgänse" mit seinem suggestiven Titel und dem Foto und natürlich mit vielen Gedanken die persönlichen Gefühle und Verwundungen von Menschen anspricht, ist für mich durchaus nachvollziehbar. Seine Stärke bezieht dieses Buch aus seiner Ablehnung institutionalisierter Religion, ohne Religion und Glauben komplett abzulehnen. Auf die kurze Formel gebracht: Glauben ist gut - Kirche ist schlecht. So empfinden sicher viele Menschen, nicht erst seit der Aufdeckung der vielen Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche. Daher kann ich verstehen, dass viele Leser von diesem Buch geradezu begeistert sind und die positiven Wertungen bei Amazon sprechen dazu Bände.
Leider muss ich den vielen positiven Rezensionen meine entgegensetzen. Ja, auch mich haben Passagen dieses Buches durchaus angesprochen. Auch ich kenne die Unvollkommenheiten von Gemeinden und Personen sehr genau. Ja, auch ich habe schon über so manchen dort geschimpft und über die Erwartungen, die Menschen an andere haben, aber bei sich selbst nicht erfüllen. Ja, ich gebe zu. In der Kirche gibt es viele Heuchler und Heuchlerinnen - und ich gehöre oft genug selbst dazu.
Und hier setzt mein Hauptkritikpunkt an diesem Buch ein. Es gibt vieles andere, das ich kritisch daran sehe. Vor allem aber stört mich der selbstgerechte und überhebliche Grundtenor dieses Buches. Das Gebet eines chinesischen Christen lautet: "Herr, erneuere deine Kirche und fange bei mir an." Dies ist m.E. eine sehr realistische Betrachtungsweise. Was ich an anderen kritisiere, trifft vielleicht am meisten sogar auf mich zu. Bei dem Autorenduo Jacobsen und Coleman lese ich es von der Grundidee anders. Die Kirche, die anderen sind schuld, dass ich mich nicht erneuern kann, dass ich nicht meinen Glauben authentisch leben kann. Die durchgängige Institutionenkritik setzt voraus, dass ich als Individuum eigentlich ganz ok bin, aber dass die übrigen, vor allem in der Masse, geistliche Versager sind. Statt sich einer Gemeinde, einer Glaubensgruppe anzuschließen, predigen die beiden Autoren einen absoluten subjektiven Individualismus, in dem es keine Regeln, keine Verbindlichkeit, keinen Alltag gibt. Hier wird ein Glaube propagiert, der sich um sein persönliches Seelenheil kümmert, und sich aus den schmutzigen Geschäften des täglichen Lebens heraushalten will. Das passt absolut zum heutigen Zeitgeist, der einen zum Konsumieren, aber nicht zum Engagieren anhält. Es wirkt wie geistliches Fastfood.
Da kann das Autorengespann noch so oft den Apostel Johannes in dieser fiktiven Geschichte auftreten lassen. Biblisch begründet sind diese Gedanken alle nicht. Vielmehr lugt aus diesem Buch eine Einstellung hervor, die schon zur Zeit des Neuen Testaments versuchte, das Leben der Gemeinden zu zerstören, und mit der sich die Apostel kritisch auseinandergesetzt haben. Es ist die Vorstellung von einer geistlichen Elite, die besondere geistliche Erkenntnisse hat, die das normale Gemeindevolk nicht gewinnen kann. Diejenige Haltung, die man Vertretern der "offiziellen" Kirche vorwirft, findet sich in dem Buch selber: Gott selbst hat ihnen, den Autoren, gezeigt, dass sie die Wahrheit entdeckt haben. Das kann man schlucken, aber das Buch lässt wenig Platz für eine kritische Auseinandersetzung.
Wer an der Kirche leidet, an ihren Forderungen, an ihrem Personal, an den ständigen Appellen, an der Zwielichtigkeit ihrer Erscheinung, findet in diesem Buch zwar ein Sprachrohr der Unzufriedenheit, aber keine wirklich befriedigende Antwort. Könnte es nicht sein, dass diese manchmal nur schwer zu ertragende Gestalt der verfassten Kirche oder Gemeinde Ausdruck der "Gemeinschaft gerechtfertigter Sünder" ist? Der Kirche vorzuwerfen, dass es dort so viele schwierige und zuweilen trostlose Gestalten gibt, gleicht dem Vorwurf an einen Arzt, in seinem Wartezimmer säßen ja nur Kranke (so Tim Keller). Es macht aber auch deutlich, dass selbst die vollkommenste Gemeinde unvollkommen wird, wenn ich dazu komme. Diese Einsicht fehlt leider heute allzu oft in unserer narzisstischen Zeit und man kann es den Autoren durchaus zum Vorwurf machen, dass es ihnen selbst an der nötigen Demut fehle.