DIE HAUPTPERSONEN
ROBERT FORESTER: spricht nicht gern vom Tod. Auch Jenny kann daran nichts ändern.
JENNY THIEROLF: spricht immerfort vom Tod. Dabei liebt sie das Leben. Und Robert.
GREG WYNCOOP: macht aus seinem eigenen Tod ein schmutziges Geschäft. Leider ist er nicht tot genug.
NICKIE JURGENS: tötet Robert den Nerv. Bis sie es endlich zu bunt treibt.
So wurden einst in rororo-Thrillern die Akteure eines Krimis vorgestellt.
"Der Schrei der Eule" entstand 1962 und erschien in der rororo-Reihe als deutsche Erstausgabe 1964 unter dem Titel "Das Mädchen hinterm Fenster". Die Weltrechte für Patricia Highsmith' Werk liegen heute beim Diogenes-Verlag, der ihre Bücher ab 2002 in einer schönen Werkausgabe, jeweils neu und vollständig übersetzt und mit einem Nachwort versehen, herausgegeben hat. Diese sehr preisgünstige Taschenbuchausgabe lädt besonders dazu ein, in das Werk einer großen Meisterin ihres Fachs hineinzuschnuppern.
Robert Forester ist ein Voyeur. Er beobachtet das Mädchen hinterm Fernster aber nicht beim Ausziehen oder Duschen, sondern beim Kochen, Tischdecken und Spülen. Sexuelle Gefühle sind nicht im Spiel; die Art der Befriedigung, die sich beim Spannen einstellt, kann er selbst nicht genau beschreiben. Häuslicher Friede, Normalität, Ruhe und Gelassenheit, all' das verbindet er mit diesem Schauen, das er noch nicht lange treibt, aber schon nicht mehr lassen kann. Lauernd und auf der Hut, wissend, dass die Gefahr der Bloßstellung stets gegeben ist, fühlt er sich von den beiden hellen Fenstern, die das hantierende Mädchen einrahmen, unwiderstehlich angezogen. In seinem Leben gibt es dieses scheinbar ideale, häusliche Glück nicht. Forester lebt in Scheidung. Seine kapriziöse Frau Nickie ist in New York geblieben, sie will vehement die Scheidung und gleich wieder vorteilhaft heiraten. Er hat sich aufs platte Land zurückgezogen, nach Langley, einen kleinen Ort in Pennsylvania, gut 2 Autostunden von New York entfernt. Hier arbeitet er als technischer Zeichner, vielleicht auch als Ingenieur, bei einer Flugzeugkonstruktionsfirma und ist dabei, bescheiden Karriere zu machen. Er hat ein ausgeprägtes Zeichentalent und illustriert zum Vergnügen ein Buch über Pflanzen. Äußerlich läuft sein Leben in normalen Bahnen. Aber Forester weiß nicht, wie er leben soll. Seine Existenz scheint ihm zerbrechlich, um Normalität muss er sich bemühen. Er bangt um seine geistige Gesundheit. Die unglückliche Kindheit und Ehe zieht der gebildete und wohlerzogene Mann an einer schweren emotionalen Kette hinter sich her. Die verquere Beziehung zu Jenny, dem Mädchen, das er beobachtet, nimmt seinen Lauf, als sie ihn eines Nachts entdeckt und in ihr Leben zieht. Jenny Thierolf hat vor nicht allzu langer Zeit ihr Elternhaus verlassen, um selbständiger zu werden. Sie arbeitet bei einer Bank und ist halbherzig mit einem einfach strukturierten, durchschnittlichen jungen Mann vom Land verlobt. Greg hat einen hochexplosiven Charakter und wird Beteiligte wie Unbeteiligte ins Verderben stürzen. Schuld daran ist er aber nicht allein. Oberflächlich verläuft Jennys Leben in üblichen Bahnen. Dass sie sich emotional auf dünnem Eis bewegt, ist nicht leicht zu erkennen. Greg erkennt es gar nicht und passt auch nicht zu ihr. Aber Forester ist ein Mann, den Jenny nicht begegnen sollte. Als es doch passiert, verliebt sie sich in ihre Vorstellung von ihm und das Unheil entwickelt sich unerbittlich.
Nickie jedoch hasst ihren Exmann auf eine irrationale Weise und will mindestens seine moralische Vernichtung. Greg will noch etwas mehr und es scheint so, als wäre er ein geeignetes Werkzeug. Aber auch Greg ist unberechenbar und Nickie zahlt mit der Münze, die ihr nur einmal zur Verfügung steht. Jenny ist dem Ganzen nicht gewachsen. Am Ende bleibt uns nur Forester, der keinen Trost für uns parat hat und von dem wir nicht wissen, ob er rechtlich und emotional davonkommen will und wird.
Auch PH' achter Roman ist schwere Kost. Als Leser, der sich dem Sog der Geschichte nicht entziehen kann und will, ist man ständig geneigt, alle vier Hauptakteure kräftig durchschütteln und damit endlich zur Vernunft bringen zu wollen. Vergebens. In der hilflosen Position des Betrachters, ebenfalls in einer (gesellschaftlich anerkannten) Voyeursituation, sind uns die Hände gebunden. Uns bleibt nichts anderes übrig, als diese Leute bis zum bitteren Ende zu begleiten.
"Der Schrei der Eule" war der letzte Roman, den PH in den Vereinigten Staaten schrieb. Der darauffolgende, "Die gläserne Zelle" vollendete sie bereits in Europa, wo die Rastlose ab 1964 bis zu ihrem Tod im Jahr 1995 lebte. Sie war 42 Jahre alt, als sie ihr Leben in der Alten Welt fortsetzte; zur Ruhe kam sie auch hier nicht. Erst in den letzten Jahren, schon gezeichnet durch Krankheit nach einem schonungslosen Dasein, fand sie im Tessin, in ihrem von ihr selbst entworfenen Haus etwas, was am Ende Frieden nahe kam. Der Schlüssel zu den Geschichten dieser außergewöhnlichen, einzigartigen Schriftstellerin steht uns erst seit ihrem Tod zur Verfügung. Er lag verborgen im Wesen von PH, die zu Lebzeiten fast nichts von sich preisgab. Jetzt ist ihr erstaunlich gut dokumentiertes Leben öffentlich. Ihr Nachlass befindet sich im Schweizer Literaturarchiv. Es gab zwei beachtliche Ausstellungen über ihr Leben und Werk, aber nur innerhalb des Landes. Im Gegensatz zur Schriftstellerin ging die gelungene Präsentation leider nicht auf Reisen. Die erste Biografie "Schöner Schatten" von Andrew Wilson ist erschienen, weitere sollen folgen. Marijane Meaker erzählt in ihrem Buch "Meine Jahre mit Pat" nach deren Tod die Geschichte ihrer Liebe. PH war lesbisch. Die sonst so schonungslos offene Frau hatte gute Gründe, sich zeitlebens nicht öffentlich dazu bekennen zu wollen. Ein wesentlicher Grund war sicherlich die Zeit, in der ihr Leben verankert war. Ihre Bücher sind von ihrer Persönlichkeit durchdrungen, wenn man in ihnen auch meist vergeblich nach konkreten autobiografischen Zügen sucht. Die Frau mit dem äußerst schwierigen, facettenreichen Charakter bangte ebenfalls fast ein Leben lang um ihre geistige Gesundheit. Wie Forester wusste auch sie häufig nicht, wie sie richtig leben sollte. Schonungslosigkeit mit sich selbst und anderen bestimmte ihren Umgang. Ihr Anker war das Schreiben, wozu sie, um es pathetisch auszudrücken, geboren war. Zeichnen konnte sie auch sehr gut. Sie war eine akademisch gebildete Frau mit künstlerischen Ambitionen, wie viele ihrer Hauptdarsteller, die ein unterschwellig snobistisches Verhältnis zu ungebildeteren "Normalbürgern" haben. Ihre Helden, ich nenne sie mal so, sind in der Regel männlich, vertreten aber die Sichtweise ihrer Schöpferin, wenn auch nicht immer so klar wie in diesem Buch. Forester: "Ich bin ein Mensch, von dem man sich fernhalten sollte." Dieser doppeldeutige Mann macht mit niemanden gemeinsame Sache und schielt nicht nach Sympathie. PH' Geschichten umgibt eine Aura von Einsamkeit und Distanz, die nicht überwunden werden kann und soll.
PH hielt, im Gegensatz zu vielen Lesern und Kritikern, "Der Schrei der Eule" für kein sehr gelungenes Buch. Forester erschien ihr, wie die Umgebung in der er lebte, im Nachhinein als provinziell und spießig. Wie alle ihre Bücher erscheint auch dieses aus einem Guss, aber ihre Notizen erzählen von verschiedenen Plots, mit denen sie spielte. Die Quälerei des Verwerfens, Umschreibens, Kürzens und Entrümpelns blieben ihr nicht erspart. Der Kern dessen, was sie ausdrücken wollte, tastete sie aber nie an.
Das Buch ist "D. W." gewidmet. Dahinter verbirgt sich Daisy Winston, eine Kellnerin in New Hope, den letzten Wohnort von PH in den Vereinigten Staaten. In der Umgebung des idyllischen Städtchens auf dem Land wurde "Der Schrei der Eule" geografisch angesiedelt. Mit Daisy Winston hatte die Schriftstellerin eine Affäre, nachdem sie sich von Marijane Meaker getrennt hatte. Die Beziehung dauerte nur wenige Monate, aber die Frauen blieben trotz räumlicher Distanz freundschaftlich miteinander verbunden. Jenny Thierolf hat vielleicht Charakterzüge von Daisy Winston. Meaker, ebenfalls Schriftstellerin, die Jugend- Krimi- und Lesbenliteratur auch unter Pseudonymen veröffentlicht, fand sich nach eigener Einschätzung in einer der unsympathischsten Highsmithfiguren wieder: Nickie, die zweitklassige Künstlerin, die gut daran tut, ihre Werke nicht unter ihrem eigenen Namen auszustellen. Sie sind zu schlecht. Nickie, die zerstörerische Kraft im Hintergrund, ist für mich in ihrer irrationalen, bodenlosen Bosheit eine überzeichnete Figur in dieser Geschichte. Als versteckten, letzten Gruß an eine intensive Liebe, die für beide Seiten bitter und schmerzhaft endete, überzeugt sie mich mehr.
Highsmith und Meaker sollten sich nach über dreißig Jahren ein einziges Mal wiedersehen. Bei ihren Gesprächen über ihre Bücher wurde "Der Schrei der Eule" nicht erwähnt.
Helga Kurz