Der neue Roman "Der Schneeleopard" erreicht nicht ganz die emotionale Tiefe von "Der Tag zieht den Jahrhundertweg", auch nicht die verblüffende Vielschichtigkeit der "Richtstatt". Dennoch ist dem Autor, wie in den beiden genannten Meisterwerken ein weiteres Mal eine packende Analyse des globalen gesellschaftlichen Wandels gelungen.
Noch einmal entführt uns Aitmatow in seine Heimat. In die Bergdörfer (Aile) des Tienschan, die einsamen Bahnstationen in der kasachischen Steppe und die Städte Mittelasiens. Das Schicksal der Menschen, die ihr Glück irgendwo zwischen Islam, Sozialismus und westlichem Geschäftssinn ("Bisnes") suchen, lässt uns das ganze Ausmaß der Globalisierung erahnen. Es ist der unbeschreibliche Schreibstil Aitmatows, der sehr einfühlsam die kleinen Dinge beschreibt und den Leser dahinter doch das große Ganze begreifen lässt.
Wie immer gibt es auch in diesem Roman ein Parallel-Schicksal in der Tierwelt. Warum der deutsche Übersetzter das Buch nach dieser Zweithandlung benannt hat ist mir nicht klar. Der eigentliche Titel des Romans ist "Die ewige Braut", eine der schicksalsschweren kirgisischen Sagen, die schon so oft in Aitmatows Romanen eine tragende Rolle gespielt haben und auch diesem Buch als "roter Faden" dient. Möglicherweise erscheint der Titel "Der Schneeleopard" unverfänglicher und ist somit besser für's "Bisnes"?
Wer mit diesem Buch Tschingis Aitmatow entdeckt hat, dem seien die beiden genannten Romane empfohlen, die heute unter diesen Titeln erhältlich sind:
"Der Richtplatz" und "Ein Tag, länger als ein Leben"