„Manche Krimileser scheuen Kurzgeschichten. In denen können nur eine Pointe abgefackelt werden, es bleibe kein Raum für Beschreibung. Gegen diese Irrmeinung gibt es eine wirksame Medizin: die Kurzgeschichten von Patricia Highsmith."
Diesem Kommentar eines Journalisten der Stuttgarter Zeitung auf dem Buchrücken kann ich mich nur anschliessen. Diese Sammlung von elf, zwischen 1941 und 1966 entstandenen, Short Stories braucht in der Tat den Vergleich mit ihren bekannten Romanen (u.a. Der talentierte Mr. Ripley, Zwei Fremde im Zug) nicht zu scheuen, wenngleich die Autorin ihre Kurzprosa lange Zeit nur in Magazinen veröffentlichte.
Im englischen „Eleven" betitelt, und 1970 erstmals erschienen, enthält dieser Band insgesamt 11 Short Stories aus der Feder der Suspense-Meisterin. Der deutsche Titel „Der Schneckenforscher" ist insofern treffend, da gleich 2 ihrer „snail stories" enthalten sind und 2 weitere Geschichten sich um Tiere (welche im Privatleben der Autorin stets eine grosse Rolle gespielt haben) drehen. Den zweiten Schwerpunkt dieser Sammlung bildet, wie so oft bei Highsmith, das Motiv seelischer Vereinsamung oder gar Zerrüttung - zumindest 3 Stories drehen sich um psychisch Kranke, 2 weitere könnte man als Grenzfälle bezeichnen; Grenzfälle in denen wir uns selbst ein Stückchen wieder finden, denn wie so oft „tritt uns der Schrecken bei Highsmith aus einem scheinbar harmlos erscheinenden Alltag entgegen" (diese und andere treffende Bemerkungen finden sich im aufschlussreichen Nachwort von Paul Ingendaay). "Vor dem Flug", "Die Schildkröte" und "Der leere Nistkasten" waren jedenfalls meine persönlichen Favoriten.
Das skurrile und ebenso skurril betitelte „Auf der Suche nach Soundso Claveringi" fällt allerdings in das Genre der phantastischen Erzählung, und das Ende scheint mir aufgrund der typischen Schlichtheit der Sprache und des unterkühlten Humors ein Zitat wert zu sein:
„...Würde er ertrinken oder bei lebendigem Leib gefressen werden? fragte sich der Professor. Er stand bis zur Taille im Wasser, als er das Gleichgewicht verlor, nur bis zur Taille, doch der Kopf war unter Wasser, als die Schnecke sich auf ihn warf, und während Tausende von Zahnpaaren sich in seinen Rücken gruben, erkannte er, daß es sein Schicksal war, zu ertrinken und gleichzeitig gefressen zu werden."
Wie Graham Greene in seinem Vorwort treffend formuliert: „Patricia Highsmiths Stories enttäuschen uns nicht, auch wenn wir uns wegen ihrer Kürze manchmal leichter von ihnen lösen können. Wir leben nicht lange genug in ihnen, um ganz von ihnen aufgesogen zu werden." Dennoch schafft die Autorin es auch auf 20 bis 30 Seiten, uns zu fesseln, zu unterhalten und erschaudern zu lassen. Das Geheimrezept ist scheinbar simpel: vieles wird angedeutet, nicht alles wird lückenlos erklärt. Der Rest spielt sich im Kopf des Lesers ab (die letzte Story „Der leere Nistkasten" ist dafür ein Paradebeispiel). Das macht einen grossen Teil der Faszination ihrer Bücher aus. Meine Empfehlung: aufs Nachtkästchen legen und 11 Nächte lang mit einem Gefühl der Beklemmung einschlafen.