Schon der wunderschöne Einband dieses großartigen Buches besticht durch eine farbenprächtige Vielfalt "fliegender Edelsteine": der Schmetterlinge. Doch wenn wir sie durch die Lüfte "torkeln" sehen, ist ihr Leben eigentlich fast schon vorbei. Eine lange Zeit des Verborgenen, Unauffälligen ist ihrem kurzen Glanz vorangegangen.
Schmetterlinge fungieren in diesem Buch auch als verbindendes Element, auch hier liegt etwas unter der Oberfläche verborgen.
Der namenslose Ich-Erzähler erhält im April 1991 überraschend ein Schreiben, in dem ihm mitgeteilt wird, dass er der alleinige Erbe eines gewissen Henri Ruzicka sei. Dieser hinterlässt ihm ein Haus, ein Grundstück und eine Geldsumme. Noch nie zuvor hat er von ihm gehört.
Als er zum ersten Mal das abgelegene, stille, beinahe verfallene Haus besucht, offenbaren sich ihm noch weitere Geheimnisse: eine überwältigende Schmetterlingssammlung, ein Bündel alter Briefe von einer gewissen Anna Prinz aus Pirna - einer kleinen Stadt in der Nähe von Dresden-, ein schwarzes Notizbuch, eine Postkarte aus Kreta, auf der sein Name und seine Adresse notiert sind und eine kleine Holzschachtel, in deren Innerem ein blutgetränktes weißes Stoffstück liegt.
Die unerklärliche Erbschaft lässt ihn nicht los. Nach unruhigen Wochen begibt er sich auf dessen geheimnisvolle Spuren. Er kontaktiert Anna Prinz, die immer noch unter der gleichen Adresse wie auf den Briefen wohnt und fliegt zu ihr nach Deutschland.
Joel Haahtela hat einen psychologisch eindrucksvollen und feinfühligen Roman über die Geheimnisse des menschlichen Lebens geschrieben.
Das menschliche Interesse am Einzelnen steht bei ihm ganz klar im Vordergrund. Haahtela, der auch als Psychologe arbeitet, ist ein ausgezeichneter Beobachter, der sehr feinfühlige Charakterstudien zeichnet. Sei es das Bild der alten, vom Leben gezeichneten Anna Prinz oder aber die wenigen noch anderen Personen, die der Ich-Erzähler auf seiner weiteren Reise trifft, denn Pirna wird nicht die letzte Station seiner Suche sein. Über eine kurze Zwischenstation am Gardasee in Italien, gelangt er schließlich nach Kreta in eine wunderschöne Meeresbucht, an dessen Strand sich einst etwas Entscheidendes zugetragen haben muss und dessen weit reichende Folgen heute noch spürbar sind, zum Beispiel in dieser Erbschaft. Doch erst nach der Rückkehr in seine finnische Heimat, lüftet sich das Geheimnis um den Zusammenhang zwischen ihm und Henri Ruzicka.
Haahtela erzählt auf großartige Weise, in leisen Tönen, beinahe wie die sphärische Musik seines Landsmannes Sibelius. Erinnerungen überlagern und vermischen sich und erst auf den letzten Seiten vermag der Ich-Erzähler das eigentliche Leben bzw. den Ursprung des Rätselhaften zu entflechten und freizulegen.
In Sandra Doyen hat der Autor eine eindrucksvolle Übersetzerin gefunden, obwohl ich nicht feststellen kann, ob ihr der kleine Fehler unterlaufen ist, die wunderschöne "Sächsische Schweiz" - das Elbsandsteingebirge -, das der Ich-Erzähler gemeinsam mit Anna Prinz aufsucht, als Erzgebirge zu bezeichnen. Bis auf diese geografische Unkorrektheit, eine beeindruckende Übertragung ins Deutsche, welche die geheimnisvolle Aura der gesamten Diktion großartig wiederzugeben vermag.
Fazit:
Auf der Suche nach den Spuren eines Unbekannten, der dem namenslosen Ich-Erzähler eine Erbschaft hinterlassen hat, stößt jener auf ein entscheidendes Schlüsselerlebnis aus seiner eigenen Kindheit.
Großartige Literatur aus Finnland!
Hintenan möchte dieses wunderschöne Gedicht aus der Feder von Carlo Karges (1951-2002), einem Mitglied der deutschen Rockband NOVALIS, stellen, da es den Ton und auch den Inhalt des Romanes eindrucksvoll wiedergibt:
Schmetterlinge
Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken,
der wird im Mondschein
ungestört von Furcht,
die Nacht entdecken.
Der wird zur Pflanze, wenn er will,
zum Tier, zum Narr, zum Weisen,
und kann in einer Stunde
durchs ganze Weltall reisen.
Er weiß, dass er nichts weiß,
wie alle andern auch nichts wissen,
nur weiß er was die anderen
und er noch lernen müssen.
Wer in sich fremde Ufer spürt,
und Mut hat sich zu recken,
der wird allmählich ungestört,
von Furcht sich selbst entdecken.
Abwärts zu den Gipfeln
seiner selbst blickt er hinauf,
den Kampf mit seiner Unterwelt,
nimmt er gelassen auf.
Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß wie Wolken schmecken,
der wird im Mondschein,
ungestört von Furcht,
die Nacht entdecken.
Der mit sich selbst in Frieden lebt,
der wird genauso sterben,
und ist selbst dann lebendiger,
als alle seine Erben.