Dieses Buch wirkt nach. Ich mochte, nachdem ich es gelesen hatte, einige Tage lang kein anderes Buch beginnen. Mir ging auch durch den Kopf, nach diesem Buch überhaupt kein anderes Buch mehr zu lesen oder lesen zu müssen. So als sei darin alles gesagt, als könne jedes weitere Wort, jede weitere Lektüre nur abschwächen, was sich als Eindruck bewahren wollte.
Die beiden Teile des Buches verhalten sich zueinander wie Kultur und Natur. Im ersten begegnen uns die beiden Hauptpersonen, der Junge und Jens, der Landbriefträger, der, an seinem Pferd festgefroren, von einem Postritt zurückkehrt, in einem Gasthaus mit Schankstube. Das Gasthaus, in dem es eine Wirtin und andere Frauen gibt, wo sich Dauergäste aufhalten, wo aber auch der Zeitungsredakteur verkehrt, wo deftig gegessen wird, wo es Schnaps gibt und Ströme schwarzen, brühendheissen Kaffees fliessen, ist der Pol der Wärme und Geborgenheit. Der Junge, dessen Vorgeschichte hier nur angedeutet (und in Stefánssons Vorgängerroman
Himmel und Hölle erzählt) wird, ist hier aufgenommen worden. Hier darf, hier soll er sogar Bücher lesen, hier schreibt er für Gäste Briefe, hier ermutigt man ihn, Englisch zu lernen und aus dem Englischen ins Isländische übersetzen, hier liest er den Gästen vor. Das Gasthaus liegt in einem kleinen, wohl im Norden Islands gelegenen Ort, in dem, wie in den nahe gelegenen Fjorden, ein Handelsimperium schaltet und waltet. Der Junge hat sich hoffnungslos in die Tochter des Händlers verliebt. Jens, der Landbriefträger, innerlich zerrissen zwischen der von ihm vergötterten geisteskranken Schwester und der Geliebten, die vor Jahren ihren Mann ermordete, erhält vom Arzt des Ortes den Auftrag, zur sogenannten Winterküste überzusetzen und einen grossen Fjord zu umwandern, um eine Sonderpost zuzustellen. Die Geschichte der Erledigung dieses lebens- und todesgefährlichen Auftrags, bei dem der Junge den Landbriefträger auf seinem Weg über die Hochlandheide nach Norden oder Nordwesten begleiten wird, bildet den zweiten, längeren Teil des Buches. In ihm ist es die Natur, die die Bedingungen stellt. Kultur ist diesem paradoxen Inferno aus Kälte, Nässe, Nacht, Erschöpfung, Hunger und Halluzination nur dort zu haben, wo man Zuflucht finden kann, wie bei dem Pfarrer, der längst seine Religion verloren hat, und bei bitterarmen Bauernfamilien, die in ihren unter dem Schnee kaum zu erahnenden Katen mitten im Frühjahr auf das Ende des Winters harren. Natur ist aber nicht nur draussen, auf dem Wasser des Fjords, auf dem Hochland, im Unwetter, sowenig wie Kultur nur drinnen ist, im Haus, im Unterstand, in den Personen. Der Kampf beider ist auch der des dem Wort misstrauenden, wortkargen Überbringers von Worten und Schriftstücken, des Landbriefträgers, und des ewig Fragen stellenden, Erklärungen abgebenden und heischenden, stets gesprächsbedürftigen, innerlich sprechenden und Gedichte rezitierenden Jungen. Nicht genug, dass der Landbriefträger und der Junge bei der Erfüllung ihres postalischen Auftrags ihr eigenes Leben riskieren, am Ende sind es nicht nur Briefe und Zeitschriften, die sie zustellen, sondern auch sterbliche Überreste. Denn zu beiden gesellt sich schliesslich ein Dritter, dieser weniger ein Schweiger oder Sprecher, sondern eher ein Sänger, um die Bitte eines Bauern erfüllen und den Sarg mit der Leiche seiner Frau, die während der Wintermonate nicht hat bestattet werden können, auf einem Schlitten mitzunehmen, damit sie am Ziel der Wanderung auf einem Friedhof ihre letzte Ruhe finde.
Es geht in diesem Buch um das, was wichtig ist. Es geht darum, gut zu sein, gut zu werden, ein gutes Leben zu führen. Es geht um das, was zwischen Männern und Frauen geht und nicht geht. Es geht um die Härte des Lebens, um seine Dürftigkeit, um die Angst, das Aufhören, das Enden. Es geht um Machtverhältnisse, um Hass. Es geht um unser Ringen mit einer nicht zu bändigenden Natur. Es geht um das, was Wörter und Bücher ermöglichen, aber auch um das, was sie anrichten können.
Ja, das ist ein ernstes Buch. Es ist an keiner Stelle lustig. Aber es ist ein durch und durch komisches und bisweilen - wie bei der Zustellung der Leiche - groteskes Buch. Es ist nicht unterhaltsam, aber es ist, selbst wenn man ahnen kann, wie es ausgehen mag, ein überaus spannendes Buch.
Es ist auch ein Buch, in dem auf den ersten Blick viel Sinn gemacht wird. Der Erzähler erklärt uns immer wieder, wie das Leben ist und wie die Menschen sind. Das wäre penetrant, vielleicht unerträglich, würden solche Sentenzen sich nicht gegenseitig aufheben und aufgehen in einer Stimmung, einer Grundierung, die aus beidem besteht, dem Bitteren und dem Süssen, dem Dunklen und dem Hellen.
Ich kann die deutsche Übersetzung nicht mit dem isländischen Original vergleichen. Aber ich habe selbst, wenn auch mit anderen Sprachen, Erfahrung als Übersetzer und weiss, dass eine Übersetzung eine innere Kohärenz haben oder diese vermissen lassen kann. Diese Übersetzung hat jene innere Kohärenz. Nur ein einziges Mal habe ich gestutzt und mich gefragt, welches Wort oder welche Fügung des Originals wohl mit dem Wort "Parallelwelt" wiedergegeben worden ist, vielleicht weil dieses deutsche Wort zuletzt in Diskussionen um Integration und Migranten hierzulande eine prominente Rolle gespielt hat. Nur ein einziges Mal gestutzt - das will etwas heissen bei einem Buch, das fast ganz im ländlichen, bäurischen Milieu spielt. Der Übersetzer und, so unterstelle ich, der Autor haben es vermocht, davon in einer Sprache zu erzählen, die niemals tümelt, sondern vollkommen zeitgenössisch ist. Kurz, es handelt sich um einen Text, der stilistisch aus einem Guss und auf der Höhe der Zeit ist, um eine exzellente Übersetzung.
Tatsächlich bin ich auf den Übersetzer aufmerksam geworden durch ein anderes Buch, das er ins Deutsche gebracht hat, Hallgrímur Helgasons
Eine Frau bei 1000°. Es geschieht nicht oft, aber in diesem Fall würde ich Bücher auch einmal nicht nach dem Autor oder der Autorin, sondern nach dem Übersetzer, Karl-Ludwig Wetzig, suchen und empfehlen. Was der Mann macht, ist gediegen und gut.
Die Stärke des Buches rührt von seiner Unmittelbarkeit. Unmittelbarkeit gleichermassen der Sprache als dessen, wovon die Rede ist. Dieser Text geht alles, was er und wie er es erzählt, so an, dass man mit allen Sinnen, Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack, Gefühl mitten drin und ganz nah dran ist. Mitten drin vor allem zwischen den Personen und ihren wechselnden, sich entwickelnden Verhältnissen zueinander, in die der Leser so einbezogen wird, das er selbst eine Entwicklung durchläuft. Ganz nah dran an den Körpern. Denn der Text scheut vor allem das Kreatürliche nicht. Er rückt den Figuren so auf die Pelle, dass er unter die Haut geht, ins, meist sich fast zu Tode frierende, Fleisch.
Bücher haben ihre Zeit. In mehr als einem Sinne. Sie werden zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt geschrieben und können, wenn sie gut sind, auch nur zu diesem Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort geschrieben werden. Bücher haben aber auch in dem Sinn ihre Zeit, dass sie uns oder wir sie zu einem bestimmten Zeitpunkt unseres Lebens finden müssen, weil sie uns sonst vielleicht nichts sagen. Was mich angeht, zu diesem Zeitpunkt meines Lebens, und dieses Buch, so kann ich es nicht genug loben und empfehlen.
Auch weil es mich mit einer Frage zurücklässt.
Die Unmittelbarkeit, die die Kraft, die Stärke dieses Buches ausmacht, ist die Unmittelbarkeit einer vergangenen oder vergehenden Welt. Die Ereignisse, die uns geschildert werden, sind nicht datiert. Ich nehme an, man könnte sie anhand einiger Gedichte, die zitiert, und einiger Zeitungen und Zeitschriften, die erwähnt werden, zeitlich eingrenzen. Gewiss aber ist dies nicht das Island von heute, sondern eine, zumindest dort, wo der Roman spielt, vorindustrielle Welt, in der selbst Reykjavik Lichtjahre entfernt ist, eine Welt, in der hin und wieder Seeleute aus anderen Ländern auftauchen, eine Welt, in der sich zwar erblindete Kapitäne im Ruhestand Shakespeare vorlesen lassen, in der aber Europa, gar eine EU raumzeitlich nicht einmal ungreifbare Realitäten sind. Von der Welt erfährt man in dieser Welt durch die Post, die überhaupt nur wenige Male im Jahr zugestellt wird. In dieser Welt beherrscht das Wetter alles. Der Horizont dieser Welt, wenn er überhaupt sichtbar ist, und er ist es, im nicht enden wollenden nächtlichen Schneesturm im ewigen April dieses Romans, meist nicht, ist der Horizont. Also die Grenze zwischen den Bergen, dem Eismeer, dem Himmel.
Diese Welt ist - für die allermeisten von uns - nicht unsere Welt. Ja, gewiss, auch in unseren vier Wänden, Firmen, Behörden, Büros werden Kämpfe ausgetragen. Kämpfen wir gegeneinander und mit uns selbst.
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