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Der Schmerz der Engel: Roman
 
 
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Der Schmerz der Engel: Roman [Gebundene Ausgabe]

Jón Kalman Stefánsson , Karl-Ludwig Wetzig
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
  • Verlag: Piper; Auflage: 3 (September 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3492053904
  • ISBN-13: 978-3492053907
  • Originaltitel: Harmur Englanna
  • Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 13,4 x 3,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 57.012 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Pressestimmen

»Jón Kalman Stefánsson macht den Kampf der Menschen gegen die Naturgewalten fühlbar, seine Erzählkunst erreicht neue Gipfel, sein Roman ist purer Zauber und bewegt seine Leser zutiefst … Einfach meisterhaft – nach diesem Roman sieht man den Tod und die Liebe mit anderen Augen.« Víðsjá »Einer der besten isländischen Erzähler seit Halldór Laxness. Seine Romane sind reine Poesie.« Kristof Magnusson »Jón Kalmar Stefánssons Roman Der Schmerz der Engel ist ein poetisches Kräftemessen von isländischer Naturgewalt und menschlicher Seele. (…) `Es gibt Bücher´, lässt er seinen Protagonisten, den Jungen, sagen, `die dich zweifeln machen, sie machen dich mit Abgründen bekannt.´ Ein solches Buch hat Stefánsson selbst geschrieben.« Süddeutsche Zeitung »Der Schmerz der Engel von Jón Kalman Stefánsson erzählt poetisch, wie er sich mit einem Waisenjungen, der ihn begleiten soll, allen Naturgewalten stellt. Dabei kommen sie den großen Fragen zu Liebe und Tod sehr nah.« Freundin - Donna »Die Romanhelden von Jón Kalman Stefánsson werden geschüttelt von Meeresstürmen und Eisregen. (…) Den Naturgewalten setzt der 47-jährige Autor, ein feinsinniger, wie bescheidener Mensch, die Kraft der Poesie entgegen: „Wir sitzen in einem morschen Ruderboot mit ein brüchigen Netz und wollen Sterne fischen“ Das ist der Roman ja selbst: ein hell leuchtender Stern. « Westdeutsche Allgemeine Zeitung »Schlicht und ergreifend, wie Island leben.« Grazia »In der kunstvollen, soghaften Beschreibung dieser Reise erlebt der Leser die sinnstiftende Wirkung, die Literatur und besonders die Poesie für den Jungen haben, auf einer anderen Ebene nach.« Münchner Merkur »Ein bewegender, stimmungsvoller Roman, in dem es um die großen Themen geht: die Liebe und den Tod.« Freundin »Das Buch des renommierten 48-jährigen Autors ist eine Hommage an frühere Generationen, die zäh und unverdrossen um ihr Überleben auf der gottverlassenen Nordmeerinsel kämpften. « Neue Zürcher Zeitung »Eine archaische, eine meisterhafte Abenteuergeschichte.« Berner Zeitung »Stefánsson erzählt diese Geschichte von zwei Männern im Eis packend wie einen Actionthriller, ohne dabei die Schönheit der Sprache, die Lust am Philosophieren und Fabulieren aus den Augen zu verlieren. Auf diese Weise werden 340 Seiten Schneetreiben an keiner Stelle langweilig.« Kurier am Sonntag »Jón Kalman Stefánsson (…) erzählt mit sehr viel Poesie die Geschichte des Mannes und des Waisenjungen, die sich den Naturgewalten stellen. Was fasziniert, ist die anspruchsvolle Sprache. Das Buch ist eine Hommage an frühere Generationen, die zäh und unverdrossen um ihr Überleben auf der Nordmeerinsel kämpfen.« Siegener Zeitung

Kurzbeschreibung

In den Wintern sind die Nächte dunkel und still, wir hören die Fische auf dem Meeresgrund atmen. Der  Schnee fällt so dicht, dass er Himmel und Erde miteinander verbindet. Während der Junge den anderen bei Schnaps und heißem Kaffee in der Gaststube aus William Shakespeares »Hamlet« vorliest, entrinnt Jens, der Postmann, knapp dem Tod: Festgefroren auf seinem Pferd, erreicht er unterkühlt und mit letzter Kraft die Herberge, im Gepäck zwei Leichen und die wohlbehaltene Postkiste. Auf seine nächste Reise in die weiten Fjorde wird der Junge ihn begleiten. Und beide müssen für ein ungewöhnliches Poststück ihr Leben aufs Spiel setzen.

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14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Verloren im Schneesturm 6. Oktober 2011
Von Askja
Format:Gebundene Ausgabe
Wie fühlt es sich an tagelang gegen den Unmut der Natur, gegen einen Schneesturm anzukämpfen? Was passiert mit diesen Menschen, wenn die Kräfte nach lassen, aber du weißt, solltest du dich nur einige Minuten ausruhen, dann könnte das dein Todesurteil sein? Was machst du also, wenn alles in der Natur gegen dich steht?
Kein anderer isländischer Autor vermag vielleicht derart einfühlsam den Kampf des Menschen gegen die raue Natur Islands zu beschreiben, wie Jón Kalmann Stefánsson es vermag. Sein neues Buch "Der Schmerz der Engel" knüpft nahtlos an seinen vorangegangen Roman "Himmel und Hölle" an. Und wer glaubte, der Vorgänger wäre schon etwas Besonders, der sollte sich den neuen Roman nicht entgehen lassen. Wieder ist "Der Junge" der Protagonist, jedoch kommt ein weiterer hinzu, nämlich Jens der Landbriefträger.
Aber nun zum Inhaltlichen:
Der 1.Teil des Romans beginnt damit, wie der Vorgänger es tat, dass von Unbekannten (Verstorbene) eine Art Einleitung gebracht wird. Dabei äußern sie sich reflektorisch über Erinnerungen, Träume und was uns Menschen ausmacht. Herrlich solche Sätze: "Das Leben ist einfach, der Mensch ist es nicht. Was wir Rätsel des Lebens nennen, ist unser eigenes Durcheinander, sind unsere eigenen dunklen Abgründe."
Dann beginnt der Roman mit Jens dem Postboten, der, an sein Pferd festgefroren, das Gasthaus im Ort erreicht. Im Nachhinein erfährt man vom neuen Leben und Erlebnissen des "Jungen". Er muss lernen vorzulesen, bei der Bedienung helfen und er soll nun eine Ausbildung bekommen. Zudem vermag es der Autor auch gesellschaftliche Aspekte mit einfließen zu lassen, wie beispielsweise den Einfluss der reichen Kaufleute.
Jens erhält vom Arzt Sigur'ur den Auftrag, an die "Winterküste" und weiter Richtung Dumbsfjör'ur zu ziehen. Es wird beschlossen, dass der Junge ihn begleiten soll.
Ein Vorwort der Verstorbenen, über den Tod und ihren Versuch zu den Lebenden vorzudringen, führt zum 2.Teil.
Der Junge ist nun unterwegs mit dem Landbriefträger. Von Anbeginn müssen sie gegen den Zorn der Natur ankämpfen, zuerst einen Fjord überwinden, wobei Jens kurz vor Landung aus Angst ins Wasser springt. Durchnässt kämpfen sie sich an der "Winterküste" entlang. Halbtot bekommen sie eine Unterkunft bei einem Bauern. Danach geht es weiter und immer gehen den Schneesturm, nach kurzer Rast im nächsten Ort und Erhalt eines Packpferdes über die Hochlandheide. Auf der weiteren Reise kommen sie bei einem Pfarrer vorbei, der den Sinn seines Lebens verloren hat, erfährt man mehr über das harte Leben der Bauern im Nordwesten und über Aberglaube und Wiedergänger. Und immer wieder steht der nahezu dramatische Kampf Mensch gegen Natur im Vordergrund- die Nähe zum Tod. Diese Dramatik nimmt zu, als Jens und der Junge, zusammen mit einer dritten helfenden Hand, eine tote Frau samt Sarg zum nächsten Friedhof schaffen sollen. Diese Frau erscheint dem Jungen immer wieder, zuerst leitet sie die Wanderer zu dem Hof, wo sie liegt. Danach, auf dem Transportweg, versucht sie den Jungen dazu zu überreden, den Kampf gegen Schnee und Kälte aufzugeben. Kurz vor Erreichen ihres Ziels, verlieren sie den Sarg, zwar kann der Junge diesen aufhalten und Jens findet ihn wieder, doch auf dem weitern Abstieg aus dem Hochland verlieren sie den Halt.

Stefánsson versteht sich meisterlich, die Strapazen und Ängste zu beschreiben, vergisst aber nie auch die Gedanken und Sorgen des Jungen hervorzuheben, der mit seinem schweigsamen Begleiter, nicht immer gut zurecht kommt. Über Landbriefträger Jens erfährt man nur stückchenweise. So stehen das Vermissen (Junge) und die Frage nach Liebe (Jens) sich gegenüber- Tod und Leben. Und mögen die beiden Charaktere auch noch so unterschiedlich sein, so ist es ihnen bestimmt, sich nicht zu verlieren. Auch im tiefsten Schneesturm nicht. Die Reise mag noch so anstrengend sein, so gibt es auch Momente des Glücks, schöne Erinnerungen und Freundschaft.

Zugegeben, wer Action und große Dramatik sucht, wird mit Stefánssons leisen Tönen nicht zufrieden sein. Dennoch, dieser Autor verdient es gelesen zu werden. Denn wer es schafft, das Leben der Menschen mit und gegen die Natur derart wirkungsvoll zu beschreiben und ebenso einfühlsam über Verlust, Liebe und den Wert von Literatur reflektiert, verdient Anerkennung. Vielleicht verschafft Islands Gastauftritt bei der Frankfurter Buchmesse 2011 diesen Autor mehr Verhör.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
"Der Schmerz der Engel" - was für ein kitschiger Titel, an dem ich normalerweise unbedingt vorbei gehen würde. Wäre da nicht der Autor Jón Kalman Stefánsson, dem ich bereits bewegende Lesestunden durch seine Werke "Himmel und Hölle" und "Sommerlicht und dann kommt die Nacht" zu verdanken habe.

Armut und Kälte prägen das Leben der isländische Dorfgemeinschaft. Durch Schnee und Eis aber auch durch Alkoholprobleme und Gewaltexzessen kämpfen sich die Figuren. Mitten drin der "Junge" - die Hauptfigur der Erzählung. Er hat tiefste Armut in seiner Familie erlebt, die nicht zuletzt zum frühen Tod seiner nächsten Verwandten geführt hat. Bei dem ehemaligen Kapitän Kohlbeinn, Geirprúdur und Helga findet er ein neues Zuhause. Einfühlsam unterstützen sie die literarischen Neigungen des Jungen und wollen ihm auch eine entsprechende Bildung ermöglichen. Doch kurz vor dem Start seines Privatunterrichts erhält der befreundete Postmann Jens den Auftrag, die Route seine erkrankten Kollegen in den hohen Norden Islands zu übernehmen. Jens kennt die Strecke nicht und noch tobt der Winter übr Island. Der Auftrag ist ein sicheres Todesurteil und daher beschließen die Freunde, ihn nicht alleine gehen zu lassen. Mit Unterstützung des Jungen schafft er die gefährliche Reise durch die Schneestürme.

Der Leser folgt dem wortkargen Briefträger und dem neugierigen, ständig reflektierendem Jungen durch die Unwegsamkeit der Berge über Meeres- und Schneestürme hinweg. Wunderbare, philosophisch angehauchte Dialoge entstehen auf dem Weg. Und der Tod ist ihr ständiger Begleiter. So können sie mehrmals lebensbedrohlichen Abgründen entgehen. Bis sie zuletzt - als besondere "Fracht" - die Leiche einer jungen Bäuerin in den nächsten Ort überführen, damit sie in geweihter Erde begraben werden kann. Wer ist stärker, der Tod oder das Leben?

Stefánsson ist hier erneut ein tiefsinniges, wortgewaltiges Meisterwerk abgeliefert, das große Lust auf den Island-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse macht.

Piper Verlag GmbH München 2011
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Der unermessliche Verlust 23. Februar 2012
Format:Gebundene Ausgabe
Dieses Buch wirkt nach. Ich mochte, nachdem ich es gelesen hatte, einige Tage lang kein anderes Buch beginnen. Mir ging auch durch den Kopf, nach diesem Buch überhaupt kein anderes Buch mehr zu lesen oder lesen zu müssen. So als sei darin alles gesagt, als könne jedes weitere Wort, jede weitere Lektüre nur abschwächen, was sich als Eindruck bewahren wollte.

Die beiden Teile des Buches verhalten sich zueinander wie Kultur und Natur. Im ersten begegnen uns die beiden Hauptpersonen, der Junge und Jens, der Landbriefträger, der, an seinem Pferd festgefroren, von einem Postritt zurückkehrt, in einem Gasthaus mit Schankstube. Das Gasthaus, in dem es eine Wirtin und andere Frauen gibt, wo sich Dauergäste aufhalten, wo aber auch der Zeitungsredakteur verkehrt, wo deftig gegessen wird, wo es Schnaps gibt und Ströme schwarzen, brühendheissen Kaffees fliessen, ist der Pol der Wärme und Geborgenheit. Der Junge, dessen Vorgeschichte hier nur angedeutet (und in Stefánssons Vorgängerroman Himmel und Hölle erzählt) wird, ist hier aufgenommen worden. Hier darf, hier soll er sogar Bücher lesen, hier schreibt er für Gäste Briefe, hier ermutigt man ihn, Englisch zu lernen und aus dem Englischen ins Isländische übersetzen, hier liest er den Gästen vor. Das Gasthaus liegt in einem kleinen, wohl im Norden Islands gelegenen Ort, in dem, wie in den nahe gelegenen Fjorden, ein Handelsimperium schaltet und waltet. Der Junge hat sich hoffnungslos in die Tochter des Händlers verliebt. Jens, der Landbriefträger, innerlich zerrissen zwischen der von ihm vergötterten geisteskranken Schwester und der Geliebten, die vor Jahren ihren Mann ermordete, erhält vom Arzt des Ortes den Auftrag, zur sogenannten Winterküste überzusetzen und einen grossen Fjord zu umwandern, um eine Sonderpost zuzustellen. Die Geschichte der Erledigung dieses lebens- und todesgefährlichen Auftrags, bei dem der Junge den Landbriefträger auf seinem Weg über die Hochlandheide nach Norden oder Nordwesten begleiten wird, bildet den zweiten, längeren Teil des Buches. In ihm ist es die Natur, die die Bedingungen stellt. Kultur ist diesem paradoxen Inferno aus Kälte, Nässe, Nacht, Erschöpfung, Hunger und Halluzination nur dort zu haben, wo man Zuflucht finden kann, wie bei dem Pfarrer, der längst seine Religion verloren hat, und bei bitterarmen Bauernfamilien, die in ihren unter dem Schnee kaum zu erahnenden Katen mitten im Frühjahr auf das Ende des Winters harren. Natur ist aber nicht nur draussen, auf dem Wasser des Fjords, auf dem Hochland, im Unwetter, sowenig wie Kultur nur drinnen ist, im Haus, im Unterstand, in den Personen. Der Kampf beider ist auch der des dem Wort misstrauenden, wortkargen Überbringers von Worten und Schriftstücken, des Landbriefträgers, und des ewig Fragen stellenden, Erklärungen abgebenden und heischenden, stets gesprächsbedürftigen, innerlich sprechenden und Gedichte rezitierenden Jungen. Nicht genug, dass der Landbriefträger und der Junge bei der Erfüllung ihres postalischen Auftrags ihr eigenes Leben riskieren, am Ende sind es nicht nur Briefe und Zeitschriften, die sie zustellen, sondern auch sterbliche Überreste. Denn zu beiden gesellt sich schliesslich ein Dritter, dieser weniger ein Schweiger oder Sprecher, sondern eher ein Sänger, um die Bitte eines Bauern erfüllen und den Sarg mit der Leiche seiner Frau, die während der Wintermonate nicht hat bestattet werden können, auf einem Schlitten mitzunehmen, damit sie am Ziel der Wanderung auf einem Friedhof ihre letzte Ruhe finde.

Es geht in diesem Buch um das, was wichtig ist. Es geht darum, gut zu sein, gut zu werden, ein gutes Leben zu führen. Es geht um das, was zwischen Männern und Frauen geht und nicht geht. Es geht um die Härte des Lebens, um seine Dürftigkeit, um die Angst, das Aufhören, das Enden. Es geht um Machtverhältnisse, um Hass. Es geht um unser Ringen mit einer nicht zu bändigenden Natur. Es geht um das, was Wörter und Bücher ermöglichen, aber auch um das, was sie anrichten können.

Ja, das ist ein ernstes Buch. Es ist an keiner Stelle lustig. Aber es ist ein durch und durch komisches und bisweilen - wie bei der Zustellung der Leiche - groteskes Buch. Es ist nicht unterhaltsam, aber es ist, selbst wenn man ahnen kann, wie es ausgehen mag, ein überaus spannendes Buch.

Es ist auch ein Buch, in dem auf den ersten Blick viel Sinn gemacht wird. Der Erzähler erklärt uns immer wieder, wie das Leben ist und wie die Menschen sind. Das wäre penetrant, vielleicht unerträglich, würden solche Sentenzen sich nicht gegenseitig aufheben und aufgehen in einer Stimmung, einer Grundierung, die aus beidem besteht, dem Bitteren und dem Süssen, dem Dunklen und dem Hellen.

Ich kann die deutsche Übersetzung nicht mit dem isländischen Original vergleichen. Aber ich habe selbst, wenn auch mit anderen Sprachen, Erfahrung als Übersetzer und weiss, dass eine Übersetzung eine innere Kohärenz haben oder diese vermissen lassen kann. Diese Übersetzung hat jene innere Kohärenz. Nur ein einziges Mal habe ich gestutzt und mich gefragt, welches Wort oder welche Fügung des Originals wohl mit dem Wort "Parallelwelt" wiedergegeben worden ist, vielleicht weil dieses deutsche Wort zuletzt in Diskussionen um Integration und Migranten hierzulande eine prominente Rolle gespielt hat. Nur ein einziges Mal gestutzt - das will etwas heissen bei einem Buch, das fast ganz im ländlichen, bäurischen Milieu spielt. Der Übersetzer und, so unterstelle ich, der Autor haben es vermocht, davon in einer Sprache zu erzählen, die niemals tümelt, sondern vollkommen zeitgenössisch ist. Kurz, es handelt sich um einen Text, der stilistisch aus einem Guss und auf der Höhe der Zeit ist, um eine exzellente Übersetzung.

Tatsächlich bin ich auf den Übersetzer aufmerksam geworden durch ein anderes Buch, das er ins Deutsche gebracht hat, Hallgrímur Helgasons Eine Frau bei 1000°. Es geschieht nicht oft, aber in diesem Fall würde ich Bücher auch einmal nicht nach dem Autor oder der Autorin, sondern nach dem Übersetzer, Karl-Ludwig Wetzig, suchen und empfehlen. Was der Mann macht, ist gediegen und gut.

Die Stärke des Buches rührt von seiner Unmittelbarkeit. Unmittelbarkeit gleichermassen der Sprache als dessen, wovon die Rede ist. Dieser Text geht alles, was er und wie er es erzählt, so an, dass man mit allen Sinnen, Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack, Gefühl mitten drin und ganz nah dran ist. Mitten drin vor allem zwischen den Personen und ihren wechselnden, sich entwickelnden Verhältnissen zueinander, in die der Leser so einbezogen wird, das er selbst eine Entwicklung durchläuft. Ganz nah dran an den Körpern. Denn der Text scheut vor allem das Kreatürliche nicht. Er rückt den Figuren so auf die Pelle, dass er unter die Haut geht, ins, meist sich fast zu Tode frierende, Fleisch.

Bücher haben ihre Zeit. In mehr als einem Sinne. Sie werden zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt geschrieben und können, wenn sie gut sind, auch nur zu diesem Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort geschrieben werden. Bücher haben aber auch in dem Sinn ihre Zeit, dass sie uns oder wir sie zu einem bestimmten Zeitpunkt unseres Lebens finden müssen, weil sie uns sonst vielleicht nichts sagen. Was mich angeht, zu diesem Zeitpunkt meines Lebens, und dieses Buch, so kann ich es nicht genug loben und empfehlen.

Auch weil es mich mit einer Frage zurücklässt.

Die Unmittelbarkeit, die die Kraft, die Stärke dieses Buches ausmacht, ist die Unmittelbarkeit einer vergangenen oder vergehenden Welt. Die Ereignisse, die uns geschildert werden, sind nicht datiert. Ich nehme an, man könnte sie anhand einiger Gedichte, die zitiert, und einiger Zeitungen und Zeitschriften, die erwähnt werden, zeitlich eingrenzen. Gewiss aber ist dies nicht das Island von heute, sondern eine, zumindest dort, wo der Roman spielt, vorindustrielle Welt, in der selbst Reykjavik Lichtjahre entfernt ist, eine Welt, in der hin und wieder Seeleute aus anderen Ländern auftauchen, eine Welt, in der sich zwar erblindete Kapitäne im Ruhestand Shakespeare vorlesen lassen, in der aber Europa, gar eine EU raumzeitlich nicht einmal ungreifbare Realitäten sind. Von der Welt erfährt man in dieser Welt durch die Post, die überhaupt nur wenige Male im Jahr zugestellt wird. In dieser Welt beherrscht das Wetter alles. Der Horizont dieser Welt, wenn er überhaupt sichtbar ist, und er ist es, im nicht enden wollenden nächtlichen Schneesturm im ewigen April dieses Romans, meist nicht, ist der Horizont. Also die Grenze zwischen den Bergen, dem Eismeer, dem Himmel.

Diese Welt ist - für die allermeisten von uns - nicht unsere Welt. Ja, gewiss, auch in unseren vier Wänden, Firmen, Behörden, Büros werden Kämpfe ausgetragen. Kämpfen wir gegeneinander und mit uns selbst. Lesen Sie weiter... ›
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