Der Titel des Buches heißt zwar "Djura - Der Schleier des Schweigens", aber er könnte noch viel dramatischer "Der Schrei nach eigenem Leben" heißen. Diese Lebensgeschichte einer algerischen Frau - von der Kindheit bis zur reifen Frau - ist für moderne in der westlichen Welt lebende Menschen kaum nachvollziehbar.
Umgeben von starren Traditionen, dunklen religiösen Dogmen und einer blinden nur dem Mann zu gesprochenen Autorität und Allmacht wächst die junge Frau "Djura" auf und wird auf dem Weg ihrer Selbstfindung von der eigenen Familie sowohl seelisch als auch körperlich unterdrückt.
Innerhalb ihrer armen Großfamilie wird sie zeitweise wie eine Sklavin gehalten und muss sich trotz ihrer Talente für Kunst und Musik in einem Labyrinth von autoritärer Willkür, Verboten und Ängsten bewegen, was sie häufig an die Grenzen ihres Überlebenswillens führt.
Hierbei muss man sich immer wieder vor Augen halten, dass diese autobiografische Erzählung nicht in der Szenerie des Mittelalters stattfindet, sondern in den 60er Jahren des zwanzigsten Jahrhundert.
Kaum vorstellbar ist, dass es noch Gegenden und gesellschaftliche Konstruktionen gibt, in denen Frauen nichts und der Mann alles zählt. Hierbei beschreibt die Autorin deutlich, dass der Mann sich nicht durch besondere Leistungen auszeichnen muss, sondern dass die zufällige Tatsache als Mann geboren zu sein, seine gesellschaftliche Machtstellung von vorn herein begründet.
Innerhalb der Familie geht diese Macht vom Vater auf den Sohn über, der den Auftrag hat seine Schwester vor "unerwünschten Ereignissen und Bekanntschaften" zu schützen und dazu zusätzlich einen Freibrief erhält, die eigene Schwester einzusperren und brutal zu schlagen.
Im Sinne einer diffusen Familienehre werden die Frauen unterdrückt und gegen ihren Willen mit Männern verheiratet, die sie niemals zuvor gesehen haben. Und Frauen, die aufbegehren, die selber denken, die eigenen Geschmack entwickeln und die nein sagen, werden geprügelt oder sogar in den Tod getrieben.
Im Falle der Autorin siegen letztlich ihre Kraft, ihr Wille und ihre Kreativität. Sie entwickelt sich, nach dem sie nach Frankreich ausgewandert ist, zu einer anerkannten Sängerin, die sich zur Aufgabe gemacht hat, mit ihren sozialkritischen Texten auf die erbärmlichen Lebensumstände der unterdrückten Mädchen und Frauen aufmerksam zu machen.
Das Buch lebt nicht durch einen kunstvollen literarischen Stil, sondern durch die direkte und eindringliche Schilderung der Erfahrungen der Autorin. Es ist quasi eine sehr persönliche dokumentarische Erzählung mit stellenweise sehr intensiver Ausstrahlung.
Urteil: Lesenswert! Und - dieser Blick über den Tellerrand der eigenen gesellschaftlichen Lebensverhältnisse kann dazu verhelfen, dass man das, was als so selbstverständlich genommen wird, wieder etwas bewusster und gerechter beurteilt.