Jörg Oberste bietet in seinem Werk über das Nibelungenepos einen gelungenen Überblick über ein ausgesprochen vielschichtiges Thema. Die Tatsache, dass es etliche Textüberlieferungen gibt, die noch mehr Erinnerungsschichten umfassen, hat schon so manchen Autor an dieser Aufgabe scheitern lassen. Oberste ist es jedoch gelungen, Ordnung in das Dickicht zu bringen und die maßgeblichen Theorien, gut verständlich und zudem mit nachvollziehbaren Wertungen zu präsentieren.
Demnach könnten (der Konjunktiv wird auch vom Autor bewußt beibehalten) als älteste Schicht Erinnerungen an die Auseinandersetzung zwischen Römern und Germanen zur Zeit des Arminius in den Geschichten um Siegfried enthalten sein. Mit Sicherheit trifft dies dann jedoch auf die Völkerwanderungszeit zu (Burgunderuntergang, Figuren von Etzel, Blödel, Gunther, Giselher, Kriemhild etc.). Weitere Bezüge gibt es zu historischen Personen und Schauplätzen des 10. Jahrhunderts in der Passauer Region und schließlich ist da das unübersehbare Zeitkolorit des beginnenden 13. Jahrhunderts, also jener Epoche in der das Nibelungenepos in schriftliche Form gebracht wurde.
Auch die im Lied begegnenden Schauplätze werden von Oberste unter die Lupe genommen, wobei vor allem der Mittelrhein und der Donauraum viel Material bieten. Die Wirkungsgeschichte des Nibelungenliedes findet ebenfalls Beachtung. Natürlich gibt es auch eine Nacherzählung der wichtigsten Textvarianten. Der manchmal etwas bemüht lustige Tonfall mag hier dem einen oder anderen Leser mißfallen, ist aber sicherlich dem Anspruch geschuldet, für ein breites Publikum schreiben zu wollen.
Alles in allem ein gelungenes Werk, das sich zudem wohltuend abhebt von den vielen Theorien, die alles besser wissen und den Schatz der Nibelungen heben wollen (wobei der Buchtitel offensichtlich gerade diese Käuferschar im Blick hat).
Einen Punkt Abzug gibt es allerdings für einige gravierende handwerkliche Mängel. Mag man die falsche Bildzuordnung auf S. 235 (die dargestellte Burg ist natürlich nicht Gran, sondern Aggstein) oder die merkwürdige Karte auf S.194/95 (bei der Schlesien als "Reich von Kiew" erscheint, Thüringen in der Mark Meißen liegt und Polen in Brandenburg) nicht unbedingt dem Autor anlasten oder die Bezeichnung von Löwenherz als 'dem Löwen' noch durchgehen lassen, so sind Fehler wie die Behauptung Nowgorod wäre Hansestadt gewesen (S.198) oder der noch heute vorhandene Schrein der Heiligen Drei Könige in Mailand geraubt worden (S.220) für einen Professor für Mittelalterliche Geschichte (!) unverzeihlich. (Ein Schelm wer Böses dabei denkt.)