Liest man das alles genau, so liest sich das Buch verwirrend. Da unterstützt Francois Genoud, ein angeblicher Schweizer Bänker (hört sich gut an), Verleger von Texten aus dem Dritten Reich (hört sich nicht ganz so gut an) und Geheimagent in aller Namen den Aufstand in Algerien, während ein Hans-Joachim Rechenberg (Journalist, Lobbyist und wohl ebenfalls Geheimagent) im Auftrag des BND arbeitet, der französische Mordkommandos gegen die Aufständischen in Algerien unterstützt. Wie stehen nun diese beiden zueinander, die doch offenbar für die jeweils andere Sache kämpfen? Sie sind dennoch die besten Freunde, Rechenberg wird im Buch sogar als Genouds Gehilfe eingeführt. Mir kommt das wirr vor.
Nun gibt es genug Beispiele, dass die politische Wirklichkeit dieser Welt so ist, nämlich wirr. Dass arabische Terroristen die Israelis ausgerechnet als Nazis beschimpfen, passt wohl dazu, genauso wie antisemitische Rechtsradikale, die gemeinsame Sache mit dem arabischen Aufstand gegen den Kolonialismus machen und dabei auch gleich die deutsche Linke mit unterstützen, soweit diese nur gewaltbereit genug ist. Aber dennoch hätte ich mir in diesem Buch ein paar mehr Worte dazu gewünscht, wie das denn alles sein kann. Denn all das wird einfach so präsentiert, als ob es selbstverständlich wäre. Was es für mich aber nicht ist. Und auch dass das Buch chronologisch und sachlich immer mal wieder durcheinander geschrieben ist, hilft meinem Blick auf die Geschichte nicht wirklich weiter.
So werden dieses Buch vor allem die Leser mögen, die auch Fans des Spiegel sind. Hier lauert in jeder Zeile der Skandal, und wenn man einen bekannten Namen in Zusammenhang mit der schrägen Existenz des Schattenmanns Genoud bringen kann, wird er auch genannt, manchmal mit mehr, meist aber mit weniger Details. Bei der Verbindung der Stasi mit dem Anschlag auf das Berliner Maison de France kann ich dank eigener Kenntnis sagen, dass der kurze Satz, mit dem diese Verbindung im Buch aufgeführt ist, sicher zu kurz greift. Problematisch erscheint mir, dass dieser besondere Stil des Buches doch wesentliche Punkte, die mich an einer Biographie interessieren, verdeckt. Mich interessiert, warum jemand so handelt wie dieser Genoud. Wirklich aufgrund eines Treffens mit einem vermeintlichen Staatsmann in der fernen Jugend? Geldnot, das hätte ich bei einem Familienvater ja noch als Erklärung verstanden, aber Begeisterung für eine bereits 1945 so drastisch gescheiterte Sache? Das will in mein Menschenbild nicht so richtig passen.
So fehlt mir in dieser Biographie das biographische Einfühlungsvermögen. Und ja, ich weiß, dass dies im Fall einer Biographie eines rechtsradikalen Unterstützers des arabischen Terrorismus etwas viel verlangt sein mag. Aber genau hier finde ich die Frage spannend, warum jemand zu einer so schrägen Existenz wird. Vor allem, da dieser ja in der Schweiz ansonsten ein biederes Leben zu führen scheint. Aber vielleicht muss dann am Ende doch konstatieren, dass man über diesen Genoud eben nicht wirklich so viel weiß. Was Schein war und was Sein in dessen Leben, das bleibt dann doch offen.
Stark ist das Buch dafür in der Nacherzählung der Geschichte der Schattenwelt zu Zeiten des Kalten Krieges. Wie hier Geld, Politik und persönliche Neurosen eine Gesellschaft von Außenseitern plötzlich an Bedeutung gewinnen lässt, wobei dann viele Unbeteiligte auf der Strecke bleiben, das ist dann eben auch ein Buch wert. Und auch der Dilettantismus, mit dem Polizei und Geheimdienste offenbar dieser Erscheinung begegnen, zeigt, dass man deren Welt vielleicht wirklich nicht so wichtig nehmen sollte. Wer solch ein wirres Spiel mitmacht, dem sollte man das Budget doch eher ein wenig kürzen.