Vorweg: ich kenne zwar nicht den ersten Teil um Tibor den Rabenritter, aber das muss man im Großen und Ganzen auch gar nicht. Der Plot ist sehr einfach gehalten und ziemlich linear, so dass sich etwaige Detaillücken der Vorgeschichte nicht sonderlich bemerkbar machen.
Leider ist diese Geschichte von Hohlbein höchsten unterer Durchschnitt, gerade auch für einen Jugendroman. Die Geschichte selbst baut zwar einen Spannungsbogen auf, ist aber recht vorhersagbar. Die Protagonisten verhalten sich zudem sehr stereotyp und lassen kaum Charakterunteschiede erkennen. Selbst die Hauptperson, unser junger Held, bleibt recht blass. Die Protagonisten lassen zudem keinerlei Entwicklung erkennen. Und das ist sehr schade, denn die Idee eines prinzipientreuen, idealistischen Heldens, der keine Menschen töten will und Gewalt möglichst vermeidet in einer Welt, die durch Gewalt gezeichnet ist, hätte soviel Potential gehabt. Aber es gibt keine Dilemmasituationen, in der der Held an seine Grenzen kommt, vielleicht sogar zweifelt. Nein, im Gegenteil, trotz eher pazifistischer Einstellung bzw. dem Grundsatz, Gewalt nur in Notsituationen zu nutzen, entscheidet sich der junge Ritter erstaunlich oft für die Konfrontation mit Schild und Schwert. List und Köpfchen sind Mangelware. Das grundsätzliche Problem von Gewalt und Gegengewalt, Recht und Unrecht, Vorurteil und Selbstjustiz wird zwar angesprochen, aber nur in einer einzigen Situation ansatzweise angerissen. Selbst bei einen Jugendroman darf man diesbezüglich mehr erwarten.
Leider ist auch die Erzählung größtenteils unausgegoren. Zwar nutzt Hohlbein schönerweise ein umfangreiches Vokabular, aber gerade am Anfang des Romans nerven viele sehr lange, unnötig verschachtelte Sätze. Die Dialoge wirken unfertig, ganz so, als hätte das Lektorat des öfteren ganze Zeilen gestrichen. Hinzu kommen mehr oder weniger seltsame Plotdetails, die auch in einer Fantasywelt Fragezeichen hinterlassen, z.B. ein junger Spund von zarten 16 Jahren (der Held), der aber in kompletter Ritterrüstung (!) aus Fenstern klettert, im Spurt die Verfolgung aufnimmt oder Fersengeld gibt, oder der Kamerad, kaum älter als der Held, der aber ein Fallgitter aus Eisen auffängt... Zum Schluss der Geschichte wird keine schlüssige Auflösung gegeben. Was war nun eigentlich wirklich los? Warum war die Gegenwart des Heldens so elementar (und problematisch)? Der Leser darf sich die Antwort selbst zusammenreimen. Das ist unbefriedigend.
Für belesenere Fantasyfans ist die Geschichte eine Entäuschung. Für Kinder und Jugenliche zwischen 10 und 14 bietet der Roman eine noch halbwegs spannende Geschichte, lässt aber wirkliche Tiefe und Orginalität vermissen. Tibor hätte mehr soviel mehr sein können, als ein Junge, der Ritter spielt.