Rezension
Die Welt des Rollenspiels Shadowrun verbindet Cyberpunk mit Fantasy. Da gibt es Magie, Drachen, Elfen, Orks und Trolle in einer düsteren, nahen Zukunft, die von den Machenschaften mächtiger Konzerne beherrscht wird. Abenteuerlich ist diese Welt vor allem dort, wo sich Glücksritter und Ganoven im Schatten der Konzerne durch das Zwielicht der Illegalität schlagen.
Der Schattenlehrling ist nunmehr der 77. Band der Romanserie zu dieser Welt und stellt darin zweifellos einen Höhepunkt dar.
Als Sohn eines Konzernangestellten hat der dreizehnjährige Boris Weinert ein ordentliches Leben und gesunde Ernährung. Aber Boris findet das unerträglich, er möchte in die Welt der Schatten, die er aus Actionfilmen kennt. Als die Familie ein paar Tage in München ist, brennt er mit Papas Credsticks durch. Er schließt sich einer Runnergruppe als Lehrling an. Doch als die Gruppe einen lächerlichen Auftrag vermasselt, beschließt Boris, sich neue, fähigere Freunde zu suchen. Bei diesen Freunden aber lernt er, woher die Schatten ihren Namen haben: Sie sind dunkel. Dass seine Familie währenddessen ein schreckliches Schicksal ereilt, und dass ein skrupelloser Runner hinter einem der Credsticks seines Vaters her ist, weil auf ihm geheime Informationen gespeichert sind, kriegt er dabei gar nicht mit ...
Boris Koch präsentiert zunächst das Anti-Abenteuer einer Losergruppe, das übliche Actionklischees brillant und amüsant dekonstruiert. Der (fast) artgerechte Showdown am Ende bietet dann zwar Action und Abenteuer satt, aber er macht auch unerbittlich "Schluss mit lustig". Koch beweist hier, dass er eine gewisse Meisterschaft in der Darstellung von menschlichen Grausamkeiten besitzt.
Der Schattenlehrling ist trotz der Verweigerung gegen übliche Abenteuerschemata ergreifend und spannend. Die Handlung schreitet schnell voran, und die Verwicklungen nehmen von Seite zu Seite zu. Erfrischend aber ist vor allem die plausible Schilderung Cyber-Münchens. Koch nimmt seine Figuren und die Welt, in der sie leben, ernst, er kümmert sich um sie bis ins Detail. Das macht er umsichtig und klug, mit seltener sprachlicher Kompetenz, mit Humor, einer unterschwelligen Wut, viel Realitätssinn und einer entwaffnenden Brise rauer Romantik. Das macht den Roman ausgesprochen lesenswert, auch für SF-Leser, die sich sonst nicht im Shadowrun-Universum tummeln. -- Simon Schiffmann
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Boris Koch, Jahrgang 1973, wuchs auf dem Land südlich von Augsburg auf, studierte Alte Geschichte und Neuere Deutsche Literatur in München und lebt heute als freier Autor in Berlin. Er ist Mitveranstalter der phantastischen Lesereihe "Das StirnhirnhinterZimmer" und Redakteur des Magazins "Mephisto". Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören „Der Drachenflüsterer“, die Fantasy-Parodie "Die Anderen" und der mit dem Hansjörg-Martin-Preis ausgezeichnete Jugendkrimi "Feuer im Blut" sowie der Shadowrun-Roman "Der Schattenlehrling".