Inhalt:
Alltag auf einem Gutshof. Der Ich-Erzähler schildert seine Beobachtungen so detailliert, distanziert und minutiös, dass gerade dieser Realismus es erschwert, aus der Fülle an Bildern und Tönen einen Gesamteindruck zu schaffen. Erst allmählich erschließt sich dem Hörer aus einzelnen Mosaiksteinen eine Welt, eine Zwangsgemeinschaft von Flüchtlingen, die zwar beengt zusammenlebt, in der sich menschliche Nähe aber entfalten will.
Story:
"Ein Spiel aus Sprache und Subjektivität" wartet laut der Covergestaltung auf den Käufer und so war ich gespannt, welcher Art von Audioproduktion ich mit "Der Schatten des Körpers des Kutschers" begegnen würde. In einem war ich von Anfang an sicher: es ist kein gewöhnliches Stück Hörkunst und auch nach mehrmaligem Hören würde ich diese Einschätzung beibehalten. Peter Weiss Werk, im Jahr 1960 erschienen, bietet ein hohes Maß an Anspruch, an Komplexität ist das von vielen Hauptsätzen geprägte Stück kaum zu überbieten, was an sich paradox erscheint. Aufgrunddessen weckte es direkt Assoziationen mit dem Stil des Surrealismus, denn die beschriebene Welt wirkt bizarr, kühl und leblos - in gewisser Hinsicht ist "Der Schatten des Körpers des Kutschers" somit avantgardistisch, denn nur noch wenige Hörstücke zeichnen sich durch eine negativ geprägte Stimmung aus. Zeichnet sich hiermit eine neue Stilepoche ab? Nun, soweit würde ich bei weitem nicht gehen, doch die ausgedrückten Ansätze einer derart schlichten und doch kaum greifbaren Welt eröffnen den Gedanken, dass der Mensch unlängst von seinen humanistischen Wurzeln abgekommen ist und sich der fortschreitenden Technologisierung erbarmungslos ergibt. Ein Gegenentwurf wird in dieser Produktion dargestellt, Befürworter und Kritiker werden sich schnell finden und ihre Positionen bezüglich des Werkes zum Ausdruck bringen.
Sprecher:
Fünf Sprecher sind im Einsatz und doch hat man es nicht mit einem Hörspiel im eigentlichen Sinne zu tun. Keine Dialoge, sondern lediglich multiperspektivische Monologe erläutern das Geschehen, daher wäre der Begriff einer inszenierten Lesung hier deutlich angebrachter. Jochen Noch, Tobias Lelle, Paul Herwig, Volker Bruch und Nico Holonics übernehmen die Sprecherrollen und sprechen Michael Farins bearbeitete Fassung des Werks von Peter Weiss ein, wobei man kann keinem von ihnen fehlenden Willen absprechen kann, alle sind mit einer Menge Engagement bei der Sache und doch wirken sie wenig schwungvoll, wenngleich dies mit Sicherheit eine künstlerische Wirkung auf das Auditorium haben soll. Mir behagt dieser langsame, in gewisser Hinsicht auch unrhythmise Stil nicht besonders, doch hier werden sich die Geister scheiden, selten hat ein Werk wohl solch polarisierenden Eindruck hinterlassen wie "Der Schatten des Körpers des Kutschers". Verklausuliert und nüchtern werden die Ereignisse vorgetragen, mit störrischer Ruhe, die Argwohn oder Eindruck hinterlässt, eine grundlegende und allgmein geltende Tendenz lässt sich hier kaum festhalten.
Musik und Effekte:
Ein Kunststück wird vor allem durch den Einsatz von Musiken und Effekten geprägt, auch dieser trägt in diesem Fall dazu bei, dass man ein wenig den roten Faden im Hörspiel sucht. Extrem tiefgreifende Worte werden von eher ruhigen, bizarren Sounds begleitet, so recht weiß man nicht, ob diese nun das Gesagte begleiten oder zusätzliche Akzente setzen. Die Verwirrung, aufgrund der komplexen Thematik sowieso schon vorhanden, wird bestärkt, es ist eine konfuse Inszenierung dieses in jeder Hinsicht kulturell interessanten Stücks. Die von zeitblom beigesteuerten Musiken sind atypisch, gehen neue Wege und wirken unter dem Strich ebenso surreal wie die komplette Produktion. Anspruchsvoll und wohl nur in wenigen Fällen den Geschmack des Zuhörers treffend, so fällt "Der Schatten des Körpers des Kutschers" von technischer Seite her aus.
Fazit:
"Der Schatten des Körpers des Kutschers" ist ein hochkomplexes Hörstück, das weniger ein Hörspiel als vielmehr eine inszenierte Lesung mit mehreren Rollen ist. Die multiperspektivische Erzählweise ist keineswegs neu, doch die Art des Vortrags, die detailgenaue Beschreibung der Örtlichkeiten, die bewusst überstilisiert wurde, ist auch auf dem Markt der Audioproduktionen ein Novum. Selten war ich mehr geneigt, eine Produktion als "Geschmackssache" einzustufen, doch gerade bei diesem ja fast steril wirkenden Produkt wäre alles andere dem Stück nicht gerecht. Meinen Geschmack traf es nur begrenzt, daher spreche ich eine ausreichende Wertung aus, mit dem klaren Hinweis darauf, dass diese Einstufung mit sehr großer Wahrscheinlichkeit bei jedem anders ausfallen wird.
Note 4-