Oh! Minette Walters lässt einen Mann die Hauptfigur sein. Mal etwas Neues, jedenfalls für mich, der sich ihre in schöner Regelmäßigkeit produzierte Küchenpsychologie nur gelegentlich zu Mute führt.
Also: Hut ab, Mrs. Walters, kein schlechter Einfall! Endlich mal ein Buch ohne weibliche Opfer oder einsame Rächerin..
Stattdessen müssen nun lauter ältere Herren dran glauben, was aber vollkommen in Ordnung geht, weil die dem Plot zugrunde liegenden Grundideen einigermaßen interessant, plausibel und nicht ohne Spannung sind.
Vor allem sind sie Spiegel unserer Zeit: Einsamkeit, Geltungsdrang, Auseinanderbrechen der Gesellschaft, Krieg, Armut, Drogensucht - Minette Walters lässt nichts aus. Und all dies, wohlgemerkt, in einem einzigen Roman. Die Autorin hat offenbar Sendungsbewusstsein, will etwas bewegen - mindestens ihre Leser(innen). Diesen Ansatz finde ich auch wirklich begrüßenswert und weiß ihn mehr zu schätzen, als Autoren, die nur auf vordergründige Schock- und Gruseleffekte setzen.
Doch leider bleibt der Blick in den Zeitspiegel routiniert und flüchtig.
Denn: zu einem wirklich guten, nämlich bewegenden, mitreißenden Roman fehlt der Walters vermutlich das Talent. Rührung, Ergriffen- oder Betroffenheit stellen sich - jedenfalls bei mir - nicht ein. Ich fühle an keiner Stelle mit, sondern lasse beim Lesen das Geschehen mit distanziertem Interesse vorüberziehen. Die Charaktere bleiben allesamt irgendwie zweidimensional, ihnen fehlen Leben, Plastizität und Tiefe. Alles schon dagewesen", schießt einem gelegentlich durch den Kopf, wenn man die schablonenhaft zurecht geschnitteten Romanfiguren betrachtet, da nützt es auch nichts, wenn es sich dabei um lesbische Bodybuilderinnen handelt oder traumatische Irak-Veteranen.
Einfaches Fazit: Das Chamäleon wirft leider keine besonders langen Schatten. Heute gelesen, morgen vergessen. Mehr als zwei Sterne sind deshalb nicht drin.