Die Grundidee von Jonathon Kings Thriller "Der Scharfschütze" ist, dass ein traumatisierter Scharfschütze meint, für Gerechtigkeit sorgen zu müssen, indem er Straftäter, die seiner Meinung nach mit zu milden Urteilen davon gekommen sind, tötet. Diese Ausgangssituation könnte die Grundlage für einen zumindest akzeptablen, wenn auch nicht brillianten Thriller bieten, doch bei diesem Buch ist offensichtlich zu viel schief gelaufen. Es fängt damit an, dass King es nicht schafft, die Figuren, von denen er erzählt und ihre Welt vor dem geistigen Auge des Lesers lebendig werden zu lassen. Das liegt vornehmlich daran, dass es in dem Buch kaum Beschreibungen gibt. So erfährt man zum Beispiel nicht, wie alt die Haupfigur ist, erfährt absolut nichts darüber wie er aussieht - abgesehen von einem sehr vagen hinweis, dass er etwas übergewichtig ist, und so weiter.
Auch die Motivation des Heckenschützen bleibt zu sehr im Dunkeln. King berichtet zwar von verschiedenen traumatischen Erlebnissen bei dessen Einsätzen im Irak-Krieg und als Polizei-Scharfschütze, kann sich aber scheinbar nicht entscheiden, welche Bedeutung sie jeweils haben und gibt dem Leser zu wenige Hinweise.
Zudem sähe eine Zeitung, die Artikel wie die im Buch zitierten veröffentlicht, sich schnell mit Klagen überzogen, vor allem in den USA (indem sie zum Beispiel vor Gericht freigesprochene Verdächtige als Mörder bezeichnet). Verwunderlich, da Jonathon King selbst angeblich seit über zwanzig Jahren als Gerichtsreporter arbeitet.
Jonathon King ist also kein großartiger Schriftsteller (zumindest nicht in "Der Scharfschütze"; seine anderen Werke kenne ich nicht). Leider ist er aber auch kein guter Thriller-Autor: "Der Scharfschütze" ist ganz einfach nicht spannend. Es gibt keine wirkliche Bedrohung für irgend eine Figur, mit der man sich als Leser identifiziert, man kann nicht mitfiebern, und alles ist sehr vorhersehbar. Spätestens nach einem Viertel des Buches weiß man, wie der Showdown aussehen wird, mitsamt dem romantischen Epilog. Da King aber wohl kein besseres Ende einfiel, schlägt er ganz einfach die Hauptfigur wie auch die versammelten Spezialisten von der Polizei mit völliger Blindheit gegenüber den offensichtlichsten Zusammenhängen, nicht ohne in einem fort ihren Scharfsinn zu loben. Das kann einen als Leser das eine oder andere Mal dazu bringen, ob solcher Beleidigung der eigenen Intelligenz das Buch verärgert in die Ecke zu werfen. Ich selbst habe es nur zu Ende gelesen, weil ich glaubte, da müsse noch ein Twist kommen - leider eine vergebliche Hoffnung.
Schließlich ist da noch die mangelhafte Übersetzung: zu oft übersetzt Helmut Splinter offensichtlich englische Idiome direkt ins Deutsche oder passt den Satzbau nicht der deutschen Grammatik an, was naturgemäß nicht funktioniert. Zum Beispiel spricht er vom "Rennen" um den Posten des Sheriffs - im Englischen wird eine Wahl als "race" bezeichnet, im Deutschen funktioniert das aber nicht. Ein andermal werden "die größeren Kennzeichen" in der Nähe eines Unfallortes erwähnt - ich vermute, dass King im Original "major landmarks" oder ähnliches schreibt. Auch wechselt der Text bei erzählenden Passagen verwirrender Weise oft zwischen Präsens und Präteritum hin und her, vor allem das Wort "muss" steht oft im Präsens. Vielleicht, weil die englische past tense-Form gleich geschrieben wird wie die present-Form? Sollte es als Stilmittel gedacht sein funktioniert es jedenfalls nicht, da es nur verwirrt. Auch wäre wohl in der Berichterstattung einer seriösen Zeitung nicht davon die Rede, dass ein Mordopfer "im Knast saß". Dies sind nur einige wenige Beispiele, im Buch finden sich noch viele mehr.
Insgesamt macht die Übersetzung, wie auch der Roman insgesamt, den Eindruck, hastig verfasst und schlecht oder nicht lektoriert worden zu sein.
Die zwei Sterne gibt es für die Grundidee und weil es so viele noch schlechtere Bücher gibt.