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Der Sandelholz-Palast
 
 
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Der Sandelholz-Palast [Gebundene Ausgabe]

Yves Aubin , Nathalie Lemmens
3.1 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

August 1748: Britische Truppen stehen vor den Toren von Pondicherry im Südosten Indiens, doch der französische Gouverneur François-Joseph Dupleix schlägt sie zurück. Zwei Jahre später ist er auf der Höhe seines Ruhms, und seine Nichte Johanna, eine der schönsten Frauen an der Koromandelküste, sieht ihrer Verlobung mit Alexandre La Prévˆotière entgegen. Da lernt sie den Offizier Henri de Mainville kennen, einen faszinierenden Abenteurer. Magisch voneinander angezogen, entfacht sich eine stürmische Liebe zwischen den beiden. Mainville jedoch denkt nicht daran, sich zu binden, und enttäuscht heiratet Johanna Alexandre. Nur: Sie kann Henri de Mainville nicht vergessen. Zudem sorgen die dramatischen Ereignisse einer Welt im Umbruch dafür, dass sie sich immer wieder begegnen und ihre Liebe niemals erlischt. Eine Liebe, geprägt von heftiger Leidenschaft und abgrundtiefer Verachtung, von inniger Verschmelzung und schmerzhafter Trennung ... 'Der Sandelholzpalast' hat alle nötigen Ingredienzien für einen Bestseller: Eine große, dramatische Liebe, die wechselvolle Geschichte Indiens und sehr viel Exotik - schließlich spielt die Handlung an jenem Abschnitt der Koromandel-Küste, deren Orte zum Träumen anregen: Pondicherry, Karikal, Madras ... Darüberhinaus ist dieser Debütroman großartig geschrieben und meisterhaft konstruiert. Livres Hebdo Ein meisterhafter und überragender Debütroman! Côté femme Dieser sinnliche und exotische Roman erweckt die Blütezeit der Ostindienkompanie zu neuem Leben, vor deren Hintergrund sich die leidenschaftliche Liebe des temperamentvollen Halbbluts Johanna, Nichte des Gouverneurs, und des jungen Offiziers Henri de Mainville entspinnt. Femme Actuelle

Klappentext

Ein meisterhafter und überragender Debütroman!
Côté femme

Ein großartiger Roman und das Porträt einer in jeder Hinsicht verführerischen Frau!
ici Paris

Dieser sinnliche und exotische Roman erweckt die Blütezeit der Ostindienkompanie zu neuem Leben, vor deren Hintergrund sich die leidenschaftliche Liebe des temperamentvollen Halbbluts Johanna, Nichte des Gouverneurs, und des jungen Offiziers Henri de Mainville entspinnt.
Femme Actuelle -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Über den Autor

Yves Aubin war schon immer von Indien fasziniert, vor allem von Pondicherry an der märchenhaften Koromandel-Küste im tiefen Süden des Landes. Für seinen Debütroman, in dem es ihm meisterhaft gelingt, eine große, bewegende Liebesgeschichte mit einem farbenprächtigen Zeitpanorama Indiens im 18. Jahrhundert zu verbinden, hat er mehrere Jahre lang auch vor Ort recherchiert. Das Buch avancierte in Frankreich nach Erscheinen rasch zu einem Lieblingsbuch der Buchhändler und wurde für den renommierten „Prix des Libraires“ nominiert.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.


Die Nichte des Gouverneurs

Der Konflikt zwischen Frankreich und England, der sowohl in Europa als auch in Übersee ausgetragen wurde und das gesamte 18. Jahrhundert prägen sollte, schwelte in Indien schon seit geraumer Zeit, als Anfang des Jahres 1744 der so genannte Österreichische Erbfolgekrieg ausbrach. Joseph Dupleix, der Gouverneur von Pondicherry, erfuhr erst acht oder neun Monate später vom Beginn der Auseinandersetzungen, denn so lange dauerte es üblicherweise, bis Nachrichten aus Europa in Indien eintrafen.
Zu diesem Zeitpunkt war Dupleix siebenundvierzig Jahre alt. Er war sehr jung in den Dienst der französischen Ostindienkompanie getreten und etwa zwanzig Jahre zuvor als Mitglied des Obersten Rates in Pondicherry eingetroffen. Nachdem er einige Jahre Gouverneur von Chandernagore, einem Handelsstützpunkt in Bengalen, gewesen war, wurde er schließlich zum Gouverneur von Pondicherry und somit zum Oberbefehlshaber über alle französischen Niederlassungen in Indien ernannt.
Dupleix hegte keinerlei Illusionen über die friedlichen Absichten der Engländer. Er hatte sie in Chandernagore kennen gelernt, wo er immer wieder Ärger mit dem Gouverneur von Kalkutta gehabt hatte. Seit ihrer Gründung war die französische Ostindienkompanie - die Kompanie, wie sie im Allgemeinen genannt wurde - den Anfeindungen ihrer englischen Rivalin ausgesetzt.
Die Nähe zu Madras, dem bedeutenden englischen Stützpunkt im Norden von Pondicherry, ließ Joseph Dupleix keine Ruhe. Als im Juli 1746 eine französische Flotte unter dem Kommando von Admiral de La Bourdonnais eintraf, bot sich ihm endlich die Gelegenheit, die Stadt zu erobern. Nachdem die Franzosen Madras sechs Tage lang vom Land und vom Meer aus belagert hatten, ergab sich die Bevölkerung schließlich kampflos.
Alle Zeugen stimmten darin überein, dass man Dupleix nur selten so glücklich gesehen hatte wie an jenem Tag. Es war der Beginn jener glorreichen Zeiten, die Pondicherry unter seiner Herrschaft erleben sollte.
Als Reaktion sandte England einen seiner brillantesten Seeleute, den jungen Admiral Boscawen, gegen ihn aus, um die Eroberung von Madras zu rächen und die französische Niederlassung zu zerstören.
Boscawen ging in Cuddalore, südlich von Pondicherry, an Land. Er verfügte über fünf- bis sechstausend weiße Soldaten, die größte europäische Armee, die man jemals auf dem Subkontinent gesehen hatte.Am Vortag des 30. August 1748, dem Tag, an dem dieser Bericht einsetzt, hatte die englische Armee das kleine Fort von Ariankuppam erreicht, das, nur eine Wegstunde von Pondicherry entfernt, von dieser Seite aus den Zugang zur Stadt verteidigte.

Die Belagerung
Von Süden her, aus der Gegend von Ariankuppam, hörte man ein dumpfes Grollen.
Der Gouverneur lauschte beunruhigt, dachte einen Augenblick nach, schickte einen Adjutanten los, um nachzusehen, was dort vor sich ging, und vertiefte sich wieder in die Unterlagen auf seinem Schreibtisch. Seit Beginn der Kampfhandlungen hatte er sein Lager im Fort aufgeschlagen. Die Panka an der Decke strich durch die feuchte, schwere Luft. An der Koromandelküste im Südosten Indiens setzt der Monsun nicht vor Mitte Oktober ein. Joseph Dupleix stand auf, griff nach seinem Fernrohr und sah auf die Reede hinaus. Sie war leer.
In Ariankuppam führte Louis Paradis, sein bester Offizier, das Kommando. Am frühen Morgen hatte er mit ihm gemeinsam die Truppen inspiziert. Dann war er in die Stadt zurückgekehrt, nicht ohne ihm vorher erneut versichert zu haben, welches Vertrauen er in ihn setzte.
Der Gouverneur rief sich noch einmal die Vorkehrungen in Erinnerung, die er getroffen hatte, um die Stadt gegen eine länger andauernde Belagerung zu sichern. Während er die Verteidigungsanlagen von Madras verstärkte, hatte er gleichzeitig unermüdlich an der Befestigung von Pondicherry gearbeitet. Er hatte das Fort und die Stadtmauern wieder in Stand setzen lassen.

Auszug aus Der Sandelholzpalast von Yves Aubin, Nathalie Lemmens. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Die Nichte des Gouverneurs

Der Konflikt zwischen Frankreich und England, der sowohl in Europa als auch in Übersee ausgetragen wurde und das gesamte 18. Jahrhundert prägen sollte, schwelte in Indien schon seit geraumer Zeit, als Anfang des Jahres 1744 der so genannte Österreichische Erbfolgekrieg ausbrach. Joseph Dupleix, der Gouverneur von Pondicherry, erfuhr erst acht oder neun Monate später vom Beginn der Auseinandersetzungen, denn so lange dauerte es üblicherweise, bis Nachrichten aus Europa in Indien eintrafen.
Zu diesem Zeitpunkt war Dupleix siebenundvierzig Jahre alt. Er war sehr jung in den Dienst der französischen Ostindienkompanie getreten und etwa zwanzig Jahre zuvor als Mitglied des Obersten Rates in Pondicherry eingetroffen. Nachdem er einige Jahre Gouverneur von Chandernagore, einem Handelsstützpunkt in Bengalen, gewesen war, wurde er schließlich zum Gouverneur von Pondicherry und somit zum Oberbefehlshaber über alle französischen Niederlassungen in Indien ernannt.
Dupleix hegte keinerlei Illusionen über die friedlichen Absichten der Engländer. Er hatte sie in Chandernagore kennen gelernt, wo er immer wieder Ärger mit dem Gouverneur von Kalkutta gehabt hatte. Seit ihrer Gründung war die französische Ostindienkompanie - die Kompanie, wie sie im Allgemeinen genannt wurde - den Anfeindungen ihrer englischen Rivalin ausgesetzt.
Die Nähe zu Madras, dem bedeutenden englischen Stützpunkt im Norden von Pondicherry, ließ Joseph Dupleix keine Ruhe. Als im Juli 1746 eine französische Flotte unter dem Kommando von Admiral de La Bourdonnais eintraf, bot sich ihm endlich die Gelegenheit, die Stadt zu erobern. Nachdem die Franzosen Madras sechs Tage lang vom Land und vom Meer aus belagert hatten, ergab sich die Bevölkerung schließlich kampflos.
Alle Zeugen stimmten darin überein, dass man Dupleix nur selten so glücklich gesehen hatte wie an jenem Tag. Es war der Beginn jener glorreichen Zeiten, die Pondicherry unter seiner Herrschaft erleben sollte.
Als Reaktion sandte England einen seiner brillantesten Seeleute, den jungen Admiral Boscawen, gegen ihn aus, um die Eroberung von Madras zu rächen und die französische Niederlassung zu zerstören.
Boscawen ging in Cuddalore, südlich von Pondicherry, an Land. Er verfügte über fünf- bis sechstausend weiße Soldaten, die größte europäische Armee, die man jemals auf dem Subkontinent gesehen hatte.Am Vortag des 30. August 1748, dem Tag, an dem dieser Bericht einsetzt, hatte die englische Armee das kleine Fort von Ariankuppam erreicht, das, nur eine Wegstunde von Pondicherry entfernt, von dieser Seite aus den Zugang zur Stadt verteidigte.

Die Belagerung
Von Süden her, aus der Gegend von Ariankuppam, hörte man ein dumpfes Grollen.
Der Gouverneur lauschte beunruhigt, dachte einen Augenblick nach, schickte einen Adjutanten los, um nachzusehen, was dort vor sich ging, und vertiefte sich wieder in die Unterlagen auf seinem Schreibtisch. Seit Beginn der Kampfhandlungen hatte er sein Lager im Fort aufgeschlagen. Die Panka an der Decke strich durch die feuchte, schwere Luft. An der Koromandelküste im Südosten Indiens setzt der Monsun nicht vor Mitte Oktober ein. Joseph Dupleix stand auf, griff nach seinem Fernrohr und sah auf die Reede hinaus. Sie war leer.
In Ariankuppam führte Louis Paradis, sein bester Offizier, das Kommando. Am frühen Morgen hatte er mit ihm gemeinsam die Truppen inspiziert. Dann war er in die Stadt zurückgekehrt, nicht ohne ihm vorher erneut versichert zu haben, welches Vertrauen er in ihn setzte.
Der Gouverneur rief sich noch einmal die Vorkehrungen in Erinnerung, die er getroffen hatte, um die Stadt gegen eine länger andauernde Belagerung zu sichern. Während er die Verteidigungsanlagen von Madras verstärkte, hatte er gleichzeitig unermüdlich an der Befestigung von Pondicherry gearbeitet. Er hatte das Fort und die Stadtmauern wieder in Stand setzen lassen. Das zu Beginn des Jahrhunderts errichtete Fort Saint-Louis, die einzige nach den Plänen von Vauban errichtete Festung in den Kolonien, war der ganze Stolz der Franzosen. Mit seinen ebenerdigen, in einem schönen roten Ockerton leuchtenden Wehrmauern, bildete es das Zentrum des europäischen Teils der Stadt, der sich zu seinen beiden Seiten, nach Norden und Süden hin, entlang der Küste ausgedehnt hatte. Die Viertel der Einheimischen, die Schwarze Stadt, wie sie genannt wurden, erstreckten sich im Osten des Forts, parallel zur Weißen Stadt. Im Fort selbst hatte Dupleix Munition und genügend Nahrungsmittel zusammentragen lassen, um sogar eine mehrmonatige Belagerung überstehen zu können.
Der Gouverneur hatte sich gerade wieder hingesetzt und sich seinen Unterlagen zugewandt, als es an der Tür klopfte.
»Das Fort von Ariankuppam ist gefallen«, stieß einer seiner Adjutanten außer Atem hervor. »Eine Explosion hat unsere Truppen dezimiert. Die Franzosen fliehen!«
Dupleix erbleichte und verlangte mit tonloser Stimme weitere Einzelheiten.
»Ich weiß nichts Genaueres«, erwiderte der Adjutant, während er sich bemühte, wieder zu Atem zu kommen. »Aber eines ist sicher, bald stehen die Engländer vor den Toren von Pondi...«

Im Gouverneurspalast, der nicht weit vom Fort entfernt lag, versuchte Johanna auf der schattigen Veranda vergeblich, sich ein wenig auszuruhen. Pondicherry erwachte allmählich aus der Betäubung, die die drückende Hitze des Tages über die Stadt gelegt hatte. Obwohl sich das junge Mädchen mit seinem Perlmuttfächer frische Luft zufächelte, bedeckten feine Schweißtröpfchen ihre Schläfen.
Mit ihrer dunklen Haut und ihrem dichten schwarzen Haar glich Johanna der älteren Schwester ihrer Mutter, der schönen Mme. Dupleix, die sie bei sich aufgenommen hatte, nachdem sie im Alter von drei Jahren Waise geworden war. Seit diesem Tag betrachteten der Gouverneur und Mme. Dupleix Johanna als ihre Tochter.
Die Ereignisse der letzten Tage beunruhigten Johanna. Der Kanonendonner in der Ferne und die Aufregung, die sie ganz in der Nähe auf dem Paradeplatz spürte, verstärkten ihre Sorge. Auch wenn sie wusste, dass die Stadtmauern in gutem Zustand waren, ihr Onkel einer Auseinandersetzung zuversichtlich entgegensah und Louis Paradis sein ganzes Vertrauen genoss, wollte ihre Angst nicht weichen. Sie hasste diese Engländer, die erbittertsten Feinde der Franzosen und die verlogenste Nation der ganzen Welt, wie ihr Onkel immer sagte.
Einen Moment lang gab sie sich ihren Träumereien hin. Wie würde ihr Leben aussehen, wenn dieser Krieg erst einmal zu Ende war? Ihre Tante hatte vor einigen Tagen von gewissen Hochzeitsplänen gesprochen, ohne ihr etwas Genaueres darüber zu verraten. Sie hatte es nicht eilig zu heiraten. Sie fand sich hässlich und war unglücklich darüber, keine dieser kleinen Stupsnasen zu haben, die doch den Männern angeblich den Kopf verdrehten.
Plötzlich ertönte am anderen Ende der Veranda ein Schrei. Periyamma, ihre Ayah, kam herangelaufen.
»Johanna! Johanna!«, rief sie. »Die Engländer kommen! Nach Pondi!« Und mit ihren traurigen Armen, in denen sie sie so oft gewiegt hatte, fuchtelte die alte Ayah in der Gegend herum, als wolle sie unsichtbare Gefahren von dem jungen Mädchen abwenden.
»Die Engländer in Pondi? Das kann doch gar nicht sein!«, widersprach Johanna und stand auf. »Wo ist meine Tante?«
»Sie ist ins Fort gegangen, zu deinem Onkel.«
»Ich gehe auch hinüber! Ruf die Träger und den Dubash! Wo ist meine Sänfte?«
Das Fort lag genau gegenüber dem Gouverneurspalast, auf der anderen Seite des Paradeplatzes, aber für Johanna wäre es undenkbar gewesen, zu Fuß hinüberzugehen. Eine Weiße würde sich in Verruf bringen, wenn sie einfach so auf die Straße ginge.
Auf dem Platz herrschte ein heilloses Durcheinander. Doch im Inneren des Forts war das Chaos noch größer. Soldaten, Boten, Angestellte der Kompanie, lauter verschreckte Menschen, rannten hin und her. Im Hof befanden sich eine ganze Reihe von Gebäuden, Soldatenunterkünfte, Schreibstuben und Lagerhäuser. In der Mitte stand die ehrwürdige Kirche Saint-Louis, in der der Gouverneur François Martin, der zu Beginn des Jahrhunderts verstorbene Gründer von Pondicherry, begraben lag. Gleich daneben erhob sich der Uhrenturm, von dessen Spitze aus Späher den Horizont überwachten.
Vor der Kasematte, in der sich ihr Onkel aufhielt, traf Johanna auf den Ratsherrn Boyelleau und seinen Freund M. de Solminihac, die sich aufgeregt unterhielten. Dem Ratsherrn Boyelleau, der recht korpulent war und kaum auf seine äußere Erscheinung achtete, liefen dicke Schweißtropfen über das Gesicht, die er immer wieder mit dem Ärmel seines Rocks fortwischte. Seinem Freund Solminihac, der mit trotziger Miene neben ihm stand, sah man auf den ersten Blick an, was er war: ein Angehöriger des gaskognischen Landadels. Johanna mochte diese beiden Männer nicht, denn sie waren ausgewiesene Gegner ihres Onkels, doch es gab keine Möglichkeit, ihnen aus dem Weg zu gehen.
»Haben Sie es schon gehört, Johanna?«, erkundigte sich M. Boyelleau hämisch. »Eine Katastrophe! Ariankuppam ist den Engländern in die Hände gefallen! Nachdem unsere Truppen das Fort aufgegeben haben, ist der Weg über den Fluss für sie frei. Admiral Boscawen hat sich geschworen, uns zu besiegen. Und sein Schwur wird sich bald erfüllen!«
»Aber was ist denn überhaupt passiert?«, fragte Johanna überrascht.
»Ach«, entgegnete M. de Solminihac mit seiner Fistelstimme, »es ist furchtbar! Eine Granate ist auf einen unserer Pulverwagen gefallen. Er ist explodiert, und einige andere gleich noch dazu. Wie es scheint, wurden Hunderte unserer Männer getötet, verbrannt oder verstümmelt. Ein wahres Blutbad! Monsieur Paradis...«
»Monsieur Paradis? Aber ihm ist doch hoffentlich nichts zugestoßen?«, rief Johanna, die plötzlich sehr blass geworden war.
»Zugestoßen ist ihm nichts, er hat lediglich den Kopf verloren«, antwortete M. de Solminihac verächtlich, ohne auf die ängstliche Miene des jungen Mädchens zu achten.
»Ja«, bekräftigte der Ratsherr Boyelleau, »er scheint nach der Explosion der Pulverwagen in Panik geraten zu sein. Er hat das Fort sprengen lassen und die Stellungen aufgegeben...«
Louis Paradis, ein Schweizer, war die rechte Hand des Gouverneurs. Der ausgebildete Ingenieur hatte seine Laufbahn auf der Isle de France* begonnen, von wo aus er nach Indien gekommen war. Hier hatten ihn seine Fähigkeiten für Dupleix zu einem unersetzlichen Helfer und schließlich zu einem Freund werden lassen. Vor Madras hatte er sich als ein glänzender Stratege erwiesen. Seine Erfolge und das hohe Ansehen, in dem er beim Gouverneur stand, weckten den Neid einiger Ratsherren und Offiziere. Doch die Soldaten verehrten Paradis, und zwar so sehr, behaupteten manche scherzhaft, dass sie ihm selbst in die Hölle folgen würden.
Hastig betrat Johanna die Kasematte. Der große, leicht gewölbte Raum war nur spärlich möbliert. Landkarten in unterschiedlichen Maßstäben lagen auf den Tischen herum. Als das junge Mädchen hereinkam, wandten sich einige der Anwesenden kurz zu ihr um und nahmen ihre Gespräche gleich wieder auf. Im Raum befanden sich Mitglieder des Obersten Rates, bedeutende Persönlichkeiten der Stadt und einige Offiziere. Sie standen in kleinen Gruppen zusammen und unterhielten sich mit gedämpfter Stimme. Sie schienen auf etwas zu warten. Die Atmosphäre war angespannt. Unter den mit einem schwarzen Band zusammengebundenen Perücken waren die Kragen ihrer Röcke schweißdurchtränkt.
Johanna sah sich nach ihrem Onkel um. Der Gouverneur stand beim Fenster und diktierte einem Adjutanten seine Befehle. Er war ein mittelgroßer, etwas schwerer Mann mit befehlsgewohnten Zügen.
Mme. Dupleix runzelte die Stirn, als sie Johanna erblickte, und winkte sie zu sich herüber. In einem dunkelvioletten Kleid, dessen Farbe ihre schönen schwarzen Augen zu verdunkeln schien, saß sie auf dem Feldbett ihres Mannes. Es gelang ihr kaum, ihre Angst zu verbergen, und immer wieder rang sie nervös die Hände.
»Was machst du denn hier?«, flüsterte Mme. Dupleix. »Das ist nicht der rechte Augenblick! Wir warten auf Louis Paradis. Er müsste jeden Moment hier sein. Er wird uns die letzten Neuigkeiten bringen. Das ist alles so schrecklich... Dein Onkel hat übrigens wie immer bewundernswert reagiert...«
Bei diesen Worten wechselten Mme. Dupleix und ihr Mann einen Blick, der sie ein wenig zu beruhigen schien. Unwillkürlich war Johanna von der Dauerhaftigkeit ihrer Liebe gerührt.»Ja«, fuhr Mme. Dupleix fort, »nachdem die Nachricht von der Niederlage in Ariankuppam eingetroffen war, hat dein Onkel seine ganze Geistesgegenwart bewiesen. Er hat die Verteidigung an den Toren verstärken und die Artillerie auf den Stadtmauern in Alarmbereitschaft versetzen lassen, dann ist er zur Porte de Villenour gegangen, um die Flüchtenden in Empfang zu nehmen und den Soldaten Mut zuzusprechen. Seit diese Katastrophe bekannt geworden ist, herrscht unter den Einheimischen Panik. Sie denken nur noch an Flucht. Der Naïnard hat Anweisung, alle Frauen und Kinder, also alle unnötigen Esser, hinauszulassen, aber keine Männer. Außerdem hat er sicherzustellen, dass in jedem Haus Gefäße mit Wasser vorhanden sind, damit sich kein Brand ausbreiten kann. Alle gehen davon aus, dass die Stadt schon heute Abend unter Beschuss genommen wird.«
Die Gespräche kamen allmählich zum Erliegen. Eine gewisse Erschöpfung machte sich bemerkbar. Johanna beobachtete M. Boyelleau und M. de Solminihac, die sich in einer Ecke mit dem Ratsherrn Barthélemy unterhielten, einem groß gewachsenen, mageren Mann mit einer langen Nase, in dessen Blick etwas Beunruhigendes lag. Er war der Intelligenteste und der Gefährlichste in diesem dem Gouverneur feindlich gesinnten Trio, das Johanna und ihre Familie heimlich den »kleinen Clan« nannten.
In diesem Moment meldete ein Diener die Ankunft von Louis Paradis. Unvermittelt setzte eine so angespannte Stille ein, dass Johanna glaubte, sie müsse ohnmächtig werden.
Louis Paradis war ein etwa vierzigjähriger, überdurchschnittlich großer Mann mit entschlossenem Blick. In seinem Gesicht spiegelte sich die Müdigkeit, als er in seiner zerrissenen Uniform mit sicherem Schritt vor diese würdevollen Männer trat, von denen ihm einige nicht das geringste Wohlwollen entgegenbrachten. Der Gouverneur empfing ihn wie immer herzlich und zugleich ein wenig ruppig und begann ohne Umschweife mit seiner Befragung.
»Monsieur Paradis«, sagte er, »wir haben Sie schon ungeduldig erwartet. Ich habe Ihre Nachrichten erhalten. Es ist also zu einer Panik gekommen. Sie haben sehr schnell reagiert. Meinen Glückwunsch dazu. Wie ist die Lage jetzt in diesem Augenblick?«
»Unsere Truppen befinden sich in geordnetem Rückzug, Exzellenz«, erwiderte der Offizier bestimmt. »Nach der Explosion der Pulverwagen kam zunächst große Verwirrung auf, das ist richtig, aber ich habe die Situation unter Kontrolle. Es wird bald dunkel. Für heute sind die Kämpfe beendet. Anders, als wir es befürchten mussten, hat der Feind den Fluss, durch den Pondicherry auf dieser Seite geschützt ist, nicht überschritten. Ich habe dafür gesorgt, dass sie erfahren - und dies auch mit eigenen Augen sehen -, dass sie sich morgen den Zugang zur Stadt Zoll um Zoll erkämpfen müssen.«
Ein erleichtertes Seufzen entrang sich den Umstehenden.
»Wir haben uns also ganz unnötig Sorgen gemacht?«, bemerkte M. de Solminihac naiv.
»Wenn Sie so wollen, war es unnötig«, stimmte ihm der Hauptmann zu, während er einen heimlichen Blick mit dem Gouverneur wechselte. »Aber wir sollten uns keine falschen Hoffnungen machen. Ab morgen werden die Engländer die Stadt belagern, und sie werden von Süden her angreifen, denn an dieser Seite haben sie eine Bresche in unsere Verteidigung geschlagen.«
Louis Paradis ließ eine Landkarte auf dem Tisch in der Mitte des Raumes ausbreiten, um den Anwesenden, die sich um ihn geschart hatten, die Positionen der Truppen und die Vorkehrungen, die er getroffen hatte, zu verdeutlichen. Diese Erklärungen lockerten schließlich die allgemeine Anspannung. Der Gouverneur beglückwünschte ihn ein weiteres Mal zu seinem raschen Eingreifen.
»Werden wir etwa einen Teil unserer Truppen in Madras lassen und damit das Risiko eingehen, hier geschlagen zu werden?«, fragte Ratsherr Barthélemy.
»Ich werde Madras niemals aufgeben!«, entgegnete der Gouverneur, von plötzlichem Zorn erfüllt. »Ich werde einige Soldaten von dort zurückbeordern, mehr nicht.«
Allen war noch in lebhafter Erinnerung, wie es zwei Jahre zuvor über dieses Thema zu einem ernsten Konflikt zwischen Dupleix und La Bourdonnais gekommen war. Es war eine der tragischsten Episoden jener Zeit gewesen. Eigenmächtig hatte der Admiral beschlossen, den Engländern die Stadt gegen ein Lösegeld wieder zurückzugeben. Dieses Geld hatte er dann selbst an sich genommen. Dupleix schimpfte ihn pausenlos einen Verräter, während der Himmel den Schuldigen strafte: Ein Teil seiner Flotte wurde auf dem Rückweg zur Isle de France durch einen Wirbelsturm zerstört. Dupleix hatte Madras behalten. Und der Admiral war bei seiner Ankunft in Frankreich in die Bastille geworfen worden.
»Admiral Boscawen hat den Damen von Cuddalore versprochen, morgen Abend in den Ruinen von Ariankuppam einen Ball zu veranstalten...«
»Oh, du meine Güte! Diese Engländerinnen, diese rothaarigen Hexen, sollen in Ariankuppam tanzen?«, rief Mme. Dupleix so angewidert aus, dass Louis Paradis ein Lachen nicht unterdrücken konnte.

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