Wie viele Standardwerke zur Geschichte des "Dritten Reiches" ist auch Eugen Kogons "Der SS-Staat", erstmalig bereits 1946 (!) erschienen, inzwischen als Reprint eines auf wohlfeile und massentaugliche Verlagsware spezialisierten Anbieters erhältlich. Dieser neue Zugang vindiziert allerdings keineswegs die Zugänglichkeit der Arbeit. Ganz im Gegenteil. Kogons detaillierte Topographie des Terrors, jüngst erst durch Wolfgang Sofskys Studie "Die Ordnung des Terrors" fortgeschrieben, gehört zu jenen zentralen Werken über das nationalsozialistische Terror-Regime, die die Grenzen des Erträglichen, der Scham, der Vorstellungskraft immer wieder aufs Neue überschreiten.
Obwohl Kogon einen geschichtswissenschaftlichen Zweck verfolgt und einer objektivierenden dokumentarischen Pflicht nachzukommen beabsichtigt, gehört sein Text in eine Reihe mit Arbeiten wie Jean Amérys "Jenseits von Schuld und Sühne", Viktor Frankls "' trotzdem Ja zum Leben sagen" oder Primo Levis "Ist das ein Mensch?", um nur die wichtigsten zu nennen. Sie alle bilden mit Kogons ausführlicher Dokumentation die Phänomenologie der nationalsozialistischen Konzentrationslager, ihrer Strukturen, ihrer Prozesse, ihrer Normen - und ihrer grenzenlosen kriminellen Grausamkeit.
Kogon, der selbst KZ-Insasse war und zu einer moralischen Instanz der frühen Bundesrepublik wurde, muss im Zuge seiner um sachliche Darstellung bemühten Dokumentation ein ums andere Mal ersichtlich und buchstäblich um Fassung ringen; er weiß aber, dass gerade die "Objektivität" der Dokumentation die Funktionäre, Handlanger, Bewunderer und Leugner des nationalsozialistischen Terrors noch am ehesten desavouiert.
Auf über vierhundert Seiten beschreibt Kogon mit Akribie und Disziplin das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager, und er bekennt sich glaubwürdig wie kaum ein anderer zur Unabdingbarkeit fundamentaler Ethik: "Die Gebote des höchsten sittlichen Kodex kann kein Feldwebel und kein Blockwart, kein Minister und kein Feldherr, kein Himmler und kein Hitler über den Haufen kommandieren." (S. 419) Möge das in einer Nation, die sich zusehends von ihrer zeithistorischen Reflexion und moralischen Selbstvergewisserung verabschiedet, gleichwohl weiterhin und dauerhaft gelten. Kogons "SS-Staat" - ein wichtiges Dokument und bedeutendes Bekenntnis.