Was dem Buch den Titel gab, stand auch auf der Einladung zum internationalen Kongress im Dezember 2006 in München. Ob daran vorwiegend Geburtshelfer, Hebammen, Kinderärzte, Krankenschwestern und Pfleger, Psychologen, Sozialarbeiter, Pädagogen, Heilpädagogen, Krankengymnasten, Logopäden, Erzieher, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeuten, Seelsorger und Juristen teilnahmen, weiss ich nicht. Aber an die richtet sich das Buch laut Klappentexter. Das ist ein frommer Wunsch. Denn um von der Lektüre auch wirklich profitieren zu können, braucht es für das Verständnis der meisten Beiträge erhebliches Vorwissen.
Mich interessiert dieser Sammelband, weil das Zusammenleben mit meiner behinderten Tochter zu unzähligen Fragen führte, auf die ich vorwiegend bei den Neurowissenschaftlern nach Antworten suchte. Was ich fand, führte zu einigen Revisionen lieb gewonnener Denkmodelle. Und als Nebenprodukt zu dem Vorwissen, das es für die Lektüre dieser Forschungsberichte eben braucht. Denn die Herausgeber verzichteten verständlicherweise auf Eingriffe in die Texte und hielten sich auch beim Übersetzen an die Manuskripte der Referenten. Es wundert denn auch nicht, dass sich die 17 Beiträge nicht nur in der Qualität, sondern auch in formalen Gesichtpunkten stark voneinander unterscheiden. Aber in ihrer Gesamtheit haben sie mich so überzeugt, dass ich auf Bewertungsabzüge verzichte. Obwohl ich mir sehr gewünscht hätte, mehr über die einzelne Autoren zu erfahren. Nicht nur aus Neugier an Lebensgeschichten, sondern vor allem zur besseren Einordnung wissenschaftlicher Standpunkte. Bei Themen rund ums Bewusstsein finde ich es besonders hilfreich, Thesen und Theorien in Denkmodelle einordnen zu können. Und das ist eben eher möglich, wenn ich mir vom persönlichen und wissenschaftlichen Umfeld eines Referenten oder Autors ein vages Bild machen kann.
Am Kongress in München ging es, wie der Titel signalisiert, nicht nur um neurobiologische Fragen. Die Breite der behandelten Themen ist denn auch das Faszinierende an diesem Buch. Wir erfahren, was die Forschung über die Schlafgewohnheiten von Säuglingen herausgefunden hat und welche Implikationen die Anwendung dieser Erkenntnisse hätte. Wir lernen die Bedeutung früher Erlebnisse kennen, die fetalen Reize aufs Gehirn, die Effekte körperlicher Berührungen, die Zusammenhänge zwischen Nachahmungstrieb und Spiegelneuronen, die Konsequenzen von Gehirnverletzungen, die Rolle der Stammzellen, die einzelnen Schritte beim Spracherwerb, die Einflüsse von Genetik und Umwelt, die Rolle von engen Beziehungen und die Musterbildungen beim Sozialverhalten. Kurz: Wie sehr wir letztlich das Produkt früher Prägungen sind, wird uns nach der Lektüre der einzelnen Beiträge noch viel bewusster.
Mein Fazit: Herausgeber und Verlag machen es möglich, dass die Beiträge eines wissenschaftlichen Kongresses zur Säuglingsforschung auch denen zugänglich sind, die 2006 nicht in München waren. Damit die im Klappentext angesprochene Zielgruppe von der Lektüre auch wirklich profitieren kann, ist ein Vorwissen notwendig, das wohl kaum bei allen vorhanden ist. Aber vielleicht regen allfälligen Lücken auch dazu an, sie zu füllen und sich vertiefter mit dem Thema auseinanderzusetzen.