Schon lange habe ich mich auf den historischen Abenteuerroman "Der Ruf des Kondors" von Astrid Fritz gefreut. Meine Neugier war aus mehreren Gründen bereits geweckt, als ich die Kurzbeschreibung dieses Romans in der Verlagsvorschau von Rowohlt entdeckt habe. Zum Einen sind mir bisher außer den Romanen von Isabelle Allende keine Romane bekannt, in denen die Geschichte Chiles thematisiert wird, zumal Astrid Fritz eine Zeit beleuchtet, die vor Allendes Geisterhaus-Trilogie liegt. Des weiteren habe ich mich gefreut, dass im Vordergrund nicht wie aktuell so beliebt eine starke Frau sondern ein Junge steht. Umso schöner ist es, nach der Lektüre des Romans sagen zu können, dass meine Vorfreude in keiner Weise enttäuscht wurde.
1852, der fünfzehnjährige Josef Scholz tritt im Hamburger Hafen auf einem Auswandererschiff seine Reise nach Chile an, wo er seinen Bruder Raimund finden will. Glücklicherweise nehmen sich ihm seine Tante und sein Onkel, die mit ihren Kindern nach Chile auswandern wollen, an. Bereits auf der Fahrt entwickeln sich Freundschaften, die Josef auch in seinem Leben in Chile begleiten werden. Romantisierende Träume von der neuen Heimat werden nach der Ankunft schnell enttäuscht, das Leben in Chile entpuppt sich als rauer und gefährlicher als vorher angenommen. Abgesehen von den deutschen Auswanderern in Chile lernt Josef im Laufe der Zeit Ayen kennen, eine christianisierte Mapuche, die als Dienstbotin bei einer deutschen Familie arbeitet, und Kayuantu, einen Mapuche - Jungen, der bei seiner Familie lebt. Mit beiden ist Josefs weiterer Lebensweg in Chile eng verbunden...
Astrid Fritz ermöglicht es ihren Lesern Einblicke in die Kultur der chilenischen Ureinwohner, der Mapuche zu bekommen sowie die Schwierigkeiten kennen zu lernen, mit denen deutsche Einwanderer in Chile in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu kämpfen hatten. Einige Längen, die sich im ersten Drittel des Buches einstellen, sind meines Erachtens darin begründet, dass die Autorin die Reisepassage nach Chile und die Ankunft dort eher knapp umreißt und auch im weiteren einige interessante Nebenstränge nicht weiter ausführt. Dafür belohnt sie ihre Leser mit ausführlichen, farbenprächtigen Darstellungen der Lebensweise der Mapuche und der interessanten Geschichte um Josef, seine Familie und Freunde. Sowohl die Charaktere von Haupt- als auch Nebenfiguren werden detailliert ausgearbeitet und zeigen im Laufe der Geschichte eine deutliche Entwicklung.
Selbst wenn nicht in den Autorenangaben des Buches stünde, dass Astrid Fritz selbst in Chile gelebt hat, könnten ihre Leser zumindest feststellen, dass dem Roman intensive Recherchen zugrunde liegen und dass die Geschichte mit einer persönlichen Bindung zum Land und zum Thema sprachlich gewandt und mitreißend erzählt wurde.
Der Verlag hat den Roman nicht nur mit einem passenden Cover versehen, sondern auch hilfreiche Materialien wie eine Karte und ein Glossar beigefügt.
Astrid Fritz ist mit "Der Ruf des Kondors" ein historischer Abenteuer- und Auswandererroman gelungen, der sich mit seinem Thema und in seiner Ausführung positiv von der Masse der Neuerscheinungen im historischen Bereich abhebt. "Der Ruf des Kondors" hat nur eine kleine Schwäche - der Roman dürfte gerne länger sein. In meinen Augen ist "Der Ruf des Kondors" bis jetzt Astrid Fritz gelungenster Roman und ich würde mich sehr freuen, wenn sie uns ein weiteres Mal nach Chile führen würde!